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Steht ganz im Nordosten, nahe der Gießener Straße: Bücherschrank auf dem Hauptfriedhof.

Bücherschrank

Lesen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof

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Der 72. öffentliche Bücherschrank der Stadt steht in grüner Umgebung auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt. Wer dort ausruht, blickt nicht auf Gräber, sondern auf manch willkommenes Getier.

Bloß nie den Humor verlieren, auch wenn’s gelegentlich schwerfällt. „Das Erbe“ von Ellen Sandberg ist eines der Bücher, die in Frankfurts neustem Bücherschrank stehen. „Der Todesmeister“ von Thomas Elbel ein weiteres. Das fiele normalerweise nicht weiter auf, bündeln Bücherschränke doch oft ganz unterschiedliche Werke. Dieser hier steht allerdings auf dem Hauptfriedhof. Da erhält auch ein Buch wie „Tee mit dem Teufel“ von Reinhard Erös gleich einen ganz anderen Zungenschlag.

Es ist Frankfurts 72. öffentliche Bücherschrank, den Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) am Montag mit erstaunlich vielen Gästen eröffnet, und der allererste auf einem Friedhof. Der Ort, das steht auf Anhieb fest, ist gut gewählt. Vögel zwitschern, eine Bank neben dem Literaturreservoir bietet Sitzplätze, der Blick schweift in einen idyllischen Garten ohne Grabsteine, aber mit viel Platz für Biene und Eidechse.

Ein Schrank und seine Freunde: Bücher, Menschen und Natur.

„Ein wunderschönes Biotop hat das Grünflächenamt hier angelegt“, lobt Heilig, „Natur beobachten auf dem Friedhof.“ In Zeiten, da die traditionelle letzte Ruhestätte immer weniger Platz benötigt, weil die Urne dem Sarg den Rang abgelaufen hat und Friedwälder enormes Wachstum zeitigen, könnte sich die Stadträtin noch radikalere Nutzungsänderungen vorstellen. „Ich hatte ja die Idee eines Spielplatzes“, sagt sie, „sterben gehört zum Leben doch dazu.“ Aber da sei die Resonanz eher verhalten geblieben.

Der Bücherschrank jedenfalls kommt gut an. Paten, die den Bestand darin pflegen, gibt es noch nicht; wer Interesse hat, kann sich beim Grünflächenamt melden. Finanziert haben die Lesestation die Ortsbeiräte 3 (Nordend) und 10 (unter anderem Eckenheim), auf deren Gebiet der Hauptfriedhof liegt. Insgesamt 6842,50 Euro hat das gekostet. Den größeren Teil berappte der „Zehner“, denn der Ort des Geschehens liege, wie gesagt, in Eckenheim, betont Ortsvorsteher Robert Lange (CDU), „auch wenn es vielleicht gefühltes Preungesheim ist“. Er lädt auch gleich zur nächsten Bücherschrankeröffnung ein: Am 16. März erhält der Alte Flugplatz Kalbach/Bonames sein Exemplar – stilecht am 250. Geburtstag Hölderlins auf dem Hölderlin-Wanderpfad. Da bietet sich ja manches an passender Literatur für die Erstausstattung geradezu an.

Und der Lehrpfad?

Auf dem Hauptfriedhof lustwandeln die Eröffnungsgäste durchs Biotop. Pieter Zandee, der nicht nur Buchhändler ist, sondern auch Stadtbezirksvorsteher und Seniorenbeirat, wartet immer noch auf den Naturlehrpfad, den die Ortsbeiräte vor geraumer Zeit für diesen Ort ins Gespräch gebracht haben. „Ich hoffe, dass es bald vorangeht“, sagt er. „Das liegt bei der Verwaltung“, sagt Nordend-Ortsvorsteherin Karin Guder (Grüne). „Die wird es bald realisieren“, verspricht Heilig.

Robert Lange hat für den neuen Bücherschrank drei Werke dabei: ein Micky-Maus-Buch für die Kinderabteilung, etwas von Martin Luther und etwas über den Frankfurt-Marathon. Das hört sich schon deutlich unverfänglicher an als die eingangs erwähnte Fachliteratur. Drinnen befindet sich auch Wunderbares wie „Alle sieben Wellen“ von Daniel Glattauer, Vielversprechendes wie „Jesus liebt mich“ von David Safier – und als Höhepunkt der Ortsverbundenheit: „Gestatten, dass ich liegen bleibe? Ungewöhnliche Grabsteine – eine Reise über die Friedhöfe von heute“. Na dann, sanfte Ruhe.

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