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Rosemarie Nitribitt und ihr Pudel auf einer undatierten Aufnahme.

Leseabend in Frankfurt

„Völlig absurde und vergnügliche Texte“

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Der Frankfurter Stadtpfarrer Olaf Lewerenz liest mit Gita Leber aus „Rosemarie“ und Moraltexten der 50er Jahre. Ein Leseabend zu Sex und Doppelmoral.

Wie kommt die Evangelische Stadtkirche darauf, einen „vergnüglichen Abend um Sex und Doppelmoral“ anzubieten?

Ich finde, als Stadtkirche sollten wir an Frankfurter Veranstaltungen teilnehmen. In diesem Jahr hat es auch mal terminlich gepasst mit „Frankfurt liest ein Buch“. Ich finde die Reihe klasse, weil es Frankfurt immer noch mal aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet.

Und bei Nitribitt macht die Kirche mit ...

Sie ist eine spannende Figur und unsere Katharinenkirche liegt ja genau auf halbem Weg zwischen ihrer Wohnung in der Stiftstraße und dem Frankfurter Hof, wo sie verkehrte. Die Kirche wurde 1954 wieder eröffnet, aber ich vermute nicht, dass sie Stammbesucherin war.

Kannten Sie Kubys Rosemarie vorher schon?

Nein, ich bin in Lübeck geboren und 1990 nach Frankfurt gekommen. Ich hatte von Rosemarie Nitribitt nur eine vage Vorstellung, ich kannte ein paar Fotos von ihr. Ich habe mir das Buch im Antiquariat besorgt und gelesen.

Wie fanden Sie es?

Ich finde es als Zeitdokument gut und spannend. Die Bigotterie der damaligen Zeit ist gut herausgearbeitet.

Wie haben Sie sich dem Thema für die Veranstaltung genähert?

Die 50er Jahre bedeuteten für mich immer Spießigkeit und Muffigkeit. Mittlerweile sehe ich das etwas differenzierter, sehe auch die Leichtigkeit der Architektur, die gewagten geometrischen Stoffmuster. Aber was die offizielle Moral betrifft ... Und dann habe mich erinnert, dass ich vor 25 Jahren aus der Bibliothek des Religionspädagogischen Amts Bücher aussortiert habe – und für meinen persönlichen Giftschrank habe ich mir ein paar kirchliche Traktate aus den 50ern aufbewahrt.

Was für Traktate präsentieren Sie jetzt?

Aufklärungsbücher der Evangelischen Kirche aus dem Jahr 1959. Mir ist die Idee gekommen, es wäre doch eine vergnügliche Konstellation, die Doppelmoral, die in Kubys Buch dargestellt wird, mit der offiziellen Moral jener Zeit zusammenzubringen.

Wie sah die offizielle Moral jener Zeit aus?

Vor allem die Rolle der Frau hat sich geändert. Damals hat ja jede Prostituierte, auch die Nitribitt, einen Hund gehabt, weil es für eine Frau sonst gar keine andere Möglichkeit gab, abends alleine auf die Straße zu gehen. Dieses überalterte Bild kommt auch in den Büchern zum Ausdruck.

Die Veranstaltung

Die St. Katharinen-Kirche als Veranstalter verspricht „einen vergnüglichen Abend um Sex und Doppelmoral“. Gita Leber und Olaf Lewerenz lesen Auszüge aus dem 1958 erschienenen Buch „Rosemarie – Des deutschen Wunders liebstes Kind“ von Erich Kuby und aus offiziellen Kirchenverlautbarungen jener Zeit. Der Entertainer Jo van Nelsen wird Chansons der Zeit vortragen. Begleitet wird er dabei am Klavier von Bernd Schmidt. Die Frankfurter Rundschau ist Medienpartnerin der Veranstaltung, für die es noch einige Karten gibt. Beginn ist am Sonntag um 18 Uhr in der Katharinenkirche, An der Hauptwache 1. Der Eintritt kostet 8 Euro (ermäßigt 6 Euro). Interessenten müssen sich vorab registrieren lassen und schreiben bitte an: olaf.lewerenz@ev-dekanat-ffm.de Die erforderlichen Hygieneauflagen können in der großen Kirche ohne Bedenken eingehalten werden. Je nach aktueller Lage des Infektionsgeschehens gibt es an der Abendkasse noch Restkarten.

Wie zum Beispiel?

Es geht schon mit den Titeln los. Bei den Frauen heißt es „Was Mädchen wissen sollen“, bei den Männern „Was Jungen wissen wollen“. Jungen sind in dem Buch Forscher und Entdecker, die Mädchen schreiben Tagebuch.

Haben sie ein Textbeispiel?

(Liest aus „Was Mädchen wissen sollen“:) „Die Gestalt des Mannes trägt härtere Züge als die des Mädchens. Sein Körper ist gestählt und gleichsam zu Kampf und Auseinandersetzung mit dem Leben bereit. Die Gestalt des Mädchens dagegen ist zart und anmutig. Ihr Körper lässt das Verlangen ahnen, sich an das Starke und Kraftvolle anlehnen zu dürfen.“

Das klingt in der Tat nicht ganz zeitgemäß.

Man darf nicht unterschätzen, dass vermeintlich moralische Verfehlungen damals ernste Konsequenzen hatten. Das Thema ist zugleich also auch ernst. Aber die Aufklärungstexte wirken in ihrer Absurdität auch irgendwie vergnüglich.

Olaf Lewerenz, Jahrgang 1964, ist seit fünf Jahren Stadtkirchenpfarrer für St. Katharinen in Frankfurt.

Haben Sie noch ein Beispiel, was „Jungen wissen wollen“?

(Liest:) „Noch in anderer Hinsicht ist unsere Geschlechtskraft mit der Elektrizität vergleichbar. Sie enthält genauso gewaltige, wenn auch völlig andersartige Kräfte wie eine Überlandleitung. An ihren Masten steht die Warnung: Keine unbefugte Berührung! Es ist euch völlig klar, warum man keine herabhängenden Drähte berühren darf. Das gilt auch von den Organen, die im Dienste der Geschlechtskraft stehen: Jede unbefugte Berührung kann gefährlich werden ...

Ich glaube, das genügt. Das wird Jo van Nelsen ja kaum toppen können. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Ich kenne ihn schon länger und weiß, dass er in seinen Programmen Stücke aus jener Zeit hat. Ich finde auch, er ist als Typ sehr passend. Nach außen glatt, aber mit Schalk im Nacken, das passt dann wieder zu der Doppelbödigkeit.

Wie läuft das Programm ab?

Wir lesen einzelne Szenen, in denen es um Sex geht. Aber nur lesen wäre ja etwas trocken. Die Chansons von Jo bringen dann noch mal auf einer anderen Ebene die Doppelmoral rüber. Sie sind also Auflockerung und Fokussierung zugleich.

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