+
Die wahrscheinlich einzige Person, der der Fluglärm über dem Lerchesberg in Frankfurt nichts ausmacht: Piepers Berg schaut den Flugzeugen gerne zu, wenn sie zur Arbeit fährt.

Sachsenhausen

Wo die Reichen wohnen

  • schließen

Der Lerchesberg in Frankfurt-Sachsenhausen ist bekannt als Wohngebiet der Wohlhabenden. Statt Anwohnern begegnet man dort aber vor allem Menschen bei der Arbeit.

Frankfurt – Der Gipfel des Lerchesbergs in Frankfurt-Sachsenhausen ist ein Ort für eine Minute Ruhe. Inmitten der Kleingartenparzellen der Anlage „Rosisten“ lässt es sich tief durchatmen und durch die Stille spazieren. Den sonnigen Januarvormittag scheinen die wenigsten Kleingärtner und -gärtnerinnen für die Bearbeitung ihrer Beete und Gewächshauspflanzen zu nutzen. Allenfalls ein paar Amseln hüpfen zwischen den Hagebuttensträuchern umher. Und dann ist die ruhige Minute rum.

Das nächste Flugzeug macht sich auf seinem Weg in ein fernes Urlaubsdomizil bemerkbar. Nicht weit entfernt beginnt die Schleifmaschine eines Bauarbeiters zu kreischen, während die Hammerschläge seines Kollegen auf den Dachstuhl niedergehen. Und dann fangen auch noch die Amseln an zu streiten.

Fluglärm ist seit Jahren Thema am Lerchesberg in Frankfurt-Sachsenhausen

Mubarek Salem, Busfahrer der Linie 35, fährt die kleine Runde vom unteren Teil Sachsenhausens auf den Lerchesberg schon seit fünf Jahren. 

Der Fluglärm ist seit Jahren das Thema, das Bewohner und Bewohnerinnen des Viertels am meisten beschäftigt. In den Straßen, die sonst von jeglichen Plakaten oder Graffiti verschont geblieben sind, finden sich Aufkleber und Poster, die zu Demonstrationen gegen die Landebahn des Frankfurter Flughafens aufrufen. Wobei die Poster professionell gedruckt und fein säuberlich an den Grundstückszäunen aufgehängt wurden.

Piepers Berg schaut hingegen neugierig nach oben, wenn die Flugzeuge dort ihre Bahnen ziehen. Sie beobachtet gerne Flugzeuge, fährt dafür auch ab und zu an den Flughafen, um bei Starts und Landungen zuzusehen. Identifizieren kann sie die einzelnen Flieger nicht. „Aber ich finde sie einfach schön“, sagt sie lachend und streift sich dabei ein Paar knallblaue Gummihandschuhe über. Berg versteht aber auch den Unmut der Leute, die unter dem Lärm leiden. Sie selbst wohnt nicht auf dem Lerchesberg, sondern arbeitet dort einmal in der Woche.

Jede Woche bei Bekannten zu Besuch ist Aly Selim(oben). Mittlerweile grüßt er die meisten Anwohner schon aus dem Auto. 

Sie arbeitet für eine Reinigungsfirma und hat an diesem Vormittag den Auftrag, ein Treppenhaus in einem Wohnhaus im Lerchesbergring zu reinigen. Aus ihrem kleinen weißen Transporter sucht sie sich ihr Werkzeug: Bodenwischer, Reiniger, Eimer. Piepers Berg kommt gerne in das Viertel, auch wenn sie hauptsächlich im unteren Teil von Sachsenhausen arbeitet. Von innen kenne sie aber nur wenige Häuser, und vielen Menschen sei sie dort auch noch nicht begegnet.

Der Lerchesberg ist bekannt für den Wohlstand der Bewohner und Bewohnerinnen. Als der Journalist Ben Witte im Oktober 1970 für „Die Zeit“ dieses Viertel für die Artikelreihe „Wo die reichen Leute wohnen“ beschrieb, zählte er vor allem Immobilienpreise und Sportwagen auf. Was damals das „2,5-Liter-Coupé“ war, ist heute ein Land Rover oder SUV. Tatsächlich stechen auch heute vor allem Autos und Immobilien ins Auge, denn viel anderes ist in dem kleinen Wohngebiet rund um den Berg nicht zu sehen. Das einzige Geschäft ist ein Gartencenter, dessen Inhaber allerdings von der Tatenlosigkeit in den Kleingärten profitieren und Betriebsferien machen.

Lerchesberg in Frankfurt-Sachsenhausen: Wohnhäuser aus den Sechzigern und Siebzigern

Die Wohnhäuser sind größtenteils große Bauten der Sechziger- und Siebzigerjahre. Ein paar von ihnen werden im Internet für Preise zwischen anderthalb und drei Millionen Euro zum Kauf angeboten. Dazwischen liegt eine niedriger bebaute Fläche, auf der sich weiße Bungalows treppenartig aneinanderreihen.

Ein bisschen Protest muss sein (rechts): Der Fluglärm macht denBewohnern des Lerchesbergs schon lange zu schaffen. 

Aber wie überall in Frankfurt wird auch hier fleißig gebaut. In fast jeder Straße steht ein Baugerüst. Großzügige Villen mit mannshohen Zäunen und dekorativen Buddhastatuen in den Vorgärten stehen dicht an dicht mit halbfertigen Neubauten und ihren römisch angehauchten Eingangssäulen. Die zugehörigen Bauarbeiter sind die einzigen Menschen, die dort für Lärm sorgen. Sonst rollt ab und zu ein Auto langsam durch die Straßen, häufig ein Jeep, aber spazierende Menschen mit Hund oder Kind sucht man trotz des schönen Wetters vergeblich.

Aus einem der vorbeifahrenden Autos steigt Aly Selim aus. Auch er wohnt nicht im Viertel, aber besucht häufig Bekannte, die dort bei einer Sicherheitsfirma arbeiten. „Ich finde es sehr schön hier oben, aber es gibt eben den Lärm.“ Bei seinen Fahrten auf den Berg sehe er mittlerweile auch bekannte Gesichter und winke ihnen im Vorbeifahren zu.

Die Annäherung an die Lerchesberger über motorisierte Fahrzeuge scheint zu funktionieren. Auch Mubarek Salem, Busfahrer der Linie 35, hat auf diese Art die Leute des Viertels „kennengelernt“. „Ich fahre seit fünf Jahren diese Strecke. Man sieht immer die gleichen Leute, die im Porsche hier langfahren“, erzählt er grinsend. Salem trägt eine goldgerahmte Sonnenbrille im Pilotenstil. In den Sonnenstrahlen der Mittagsstunde wirkt seine Pause an der Haltestelle Lerchesberg fast schon wie eine im Frühling.

Zufälliges Ziel

Ganz unvorbereitet  gehen FR-Reporter für diese Serie auf Tour. Ihr Ziel ist jeweils ein Ort, der zufällig bestimmt wird, durch einen ungezielten Pfeilwurf auf den Frankfurter Stadtplan.

Wo der Pfeil steckenbleibt,  sind Fotograf und Schreiber am selben Tag unterwegs, sehen sich genau um und fragen die Leute, die sie treffen: Was machen Sie denn da?

Die Zufallstreffer,  die daraus entstehen, sind Geschichten, die sonst vielleicht nie erzählt worden wären.

Eine lange Strecke fährt er nicht, die Linie 35 hat insgesamt nur fünf Haltestellen, von der Station Stresemannallee/Mörfelder Landstraße über den S-Bahnhof Frankfurt Louisa, hoch auf den Lerchesberg und wieder zurück. Laut Plan dauert die Fahrt fünf Minuten. Da der Bus nur zweimal in der Stunde fährt, hat Salem häufig Pausen, in denen er am Handy scrollt oder sich mit schon zugestiegenen Fahrgästen unterhält. Die meisten von ihnen kenne er auch schon. „Die Reichen fahren nie Bus. Ich fahre immer die Putzfrauen und die Schulkinder. Ab und zu vielleicht mal jemanden, der in der Innenstadt nicht parken will.“ Die Menschen, die morgens zur Arbeit auf den Lerchesberg fahren, nehme er nachmittags oder abends wieder zurück nach unten.

FR-Volontärin Valérie Eiseler hat den Lerchesberg getroffen.

Am Fuß des Bergs sind die Geräusche ganz anders. Es ist laut, der Verkehr der Hauptstraßen und das schrille Quietschen der Straßenbahnen lassen einen den Fluglärm vergessen. Im Vergleich ist es dort geradezu wuselig. Der Herr, der vor dem Kiosk einen Kaffee trinkt, die Dame, die ihren Dackel spazieren führt, und das alte Paar, das mit seinen Einkaufstrolleys gemächlich zum Supermarkt trottet, wirken auf einmal wie eine Menschenmasse. Vielleicht war es auf dem Gipfel doch ruhiger als gedacht.

Eigentumswohnungen in Frankfurt werden immer teurer. Derzeit entstehen gleich sieben Projekte mit Durchschnittspreisen über 10 000 Euro pro Quadratmeter.

5300 Euro pro Quadratmeter hat 2019 eine Eigentumswohnung in Frankfurt im Schnitt gekostet. Ganz oben in den Wohntürmen wird teils sogar das Vierfache gezahlt.

Der FR-Newsletter

Das Wichtigste des Tages direkt aus der FR-Redaktion per Mail: Erhalten Sie eine Auswahl der spannendsten Texte und der wichtigsten Themen, ergänzt mit Analysen und Kommentaren unserer Autorinnen und Autoren – kostenlos. Jetzt den täglichen Newsletter abonnieren unter www.FR.de/newsletter

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare