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Leon Bunn: Jäger der Box-Gürtel

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Von: Timur Tinç

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Voll fokussiert: Leon Bunn bereitet sich akribisch auf seinen WM-Kampf vor.
Voll fokussiert: Leon Bunn bereitet sich akribisch auf seinen WM-Kampf vor. © Renate Hoyer

Der Frankfurter Boxer Leon Bunn ist Botschafter der Europäischen Woche des Sports, die am Freitag startet. In vier Wochen kämpft der 30-Jährige in der Fabriksporthalle um einen WM-Titel. Es soll ein Türöffner für weitere große Fights werden.

Vor wenigen Wochen hat Leon Bunn für einige Kinder und Jugendliche von der Boxabteilung von Eintracht Frankfurt ein Training geleitet. Im Rahmen der Europäischen Woche des Sports, deren Botschafter der 30-Jährige ist und die an diesem Freitag beginnt, hat der Boxprofi dem Nachwuchs wertvolle Tipps gegeben. Die Trainingshalle der Eintracht ist nur wenige Meter von der Fabriksporthalle im Stadtteil Fechenheim, wo Bunn lebt, entfernt. Hier wird er am 22. Oktober um den vakanten WM-Titel des Boxverbands IBO (International Boxing Organization) im Halbschwergewicht kämpfen. Eigentlich sollte er schon am 1. Oktober gegen den Franzosen Daniel Blenda Dos Santos antreten. Der hat allerdings wegen einer Verletzung abgesagt. Nun muss sich der in 18 Kämpfen ungeschlagene Frankfurter mit dem ebenfalls unbesiegten Iren Padraig McCrory in der Gewichtsklasse bis 79,38 Kilogramm messen.

„Es ist mein Kindheitstraum, Weltmeister zu werden“, sagt Bunn. Er sitzt in einer Sitzecke der Kampfsportschule „MMA Spirit“ in der Hanauer Landstraße. Gerade hat er eine Einheit Explosivität mit einem Medizinball ganz für sich alleine absolviert. „Ein Titel wäre der Türöffner für alles“, sagt der 1,81-Meter große Boxer. Dann könnte er sich in den Ranglisten der größeren Verbände: WBA, WBO, WBC und IBF wieder nach vorne kämpfen.

Seit dem heutigen Montag ist Bunn wieder in Stuttgart, wo er sich unter der Anleitung von Trainer Konrad „Conny“ Mittermeier vorbereitet, der ihn schon in seinem vergangenen Kampf betreut hat. In das Gym im Frankfurter Osten kommt Bunn jedoch immer, wenn er in seiner Heimatstadt weilt. Als 17- oder 18-Jähriger ist er das erste Mal im MMA Spirit aufgeschlagen, ganz so genau weiß er das nicht mehr. Mit dabei war sein Vater Ralph, der selbst in der Bundesliga geboxt und seinen Sohn von kleinauf trainiert hat.

Mit acht Jahren hat Leon Bunn zunächst Kickboxen gemacht und sich als Zehnjähriger ganz dem Boxen verschrieben. „Ich habe mit meinem Vater immer Ringkämpfe gemacht“, erzählt Bunn schmunzelnd. „Ich war schon immer sehr ehrgeizig.“ Dieser Wille führt ihn zu mehrfachen Hessenmeistertiteln, 2010 wird er deutscher Jugendmeister im Olympischen Boxen. 2015 Deutscher Meister bei den Männern.

Da trainiert er schon am Olympischen Stützpunkt in Heidelberg und arbeitet auf das Ziel hin, bei den Spielen in Rio de Janeiro 2016 teilzunehmen. Doch Bunn bekommt keine echte Chance. Die Funktionäre des Deutschen Boxverbands (DBV) haben Sergej Michel schon frühzeitig als ihren Schützling auserkoren. Auf ein direktes Duell um das Olympia-Ticket wollen sie es nicht ankommen lassen. Bunn wird vertröstet. Er soll der Mann für die Spiele 2020 in Tokio werden. Doch da hat er schon längst die Entscheidung getroffen, Profi zu werden und sich dem Boxstall Sauerland anzuschließen.

Die Umstellung zu den Profis gelingt ihm gut. Etwa sechs Wochen vor jedem Kampf bezieht Bunn ein Hotel in Berlin, wo ihn der legendäre Boxtrainer Ulli Wegner auf seine Kämpfe trainiert. Der Youngster sparrt mit Altstars wie Ex-Weltmeister Arthur Abraham und geht abends mit ihnen essen. Er boxt sich nach oben in den Weltranglisten. 2019 wird sein Jahr. Er gewinnt in der Frankfurter Ballsporthalle vor 2500 Zuschauerinnen und Zuschauern den Internationalen Meisterschaftstitel der IBF und verteidigt ihn wenige Monate später in Koblenz gegen den Berliner Top-Mann Enrico Kölling. Bunn wird zu Frankfurts Sportler des Jahres gewählt.

Doch kurz darauf ändert sich einiges. Erst erfährt Bunn, dass der Sauerland-Boxstall seinem Trainer Wegner gekündigt hat. Dann kommt die Coronavirus-Pandemie, die alle Ambitionen auf große Kämpfe und den weiteren Aufstieg vorerst zunichte macht. „Ich habe Kämpfe im Ausland angeboten bekommen, wo auch das Geld gut war“, berichtet Bunn. Aber gerade in Ländern wie Russland sei es schwierig, gegen Punktrichter anzukommen, wenn es gegen Lokalmatadoren geht. Es dauert 15 Monate, bis er überhaupt wieder in den Ring steigt.

Im vergangenen Jahr übernimmt die Wassermann Media Group den Sauerland-Boxstall. Die Sauerland-Brüder Kalle und Nisse leiten die Boxsparte. Bunn ist einer der wenigen deutschen Boxer, die unter Vertrag sind. „Mit Wassermann habe ich einen sehr guten Partner an meiner Seite, sie sind die Einzigen, die auf deutschen Boden noch internationale Kämpfe machen“, sagt Bunn.

Während der grassierenden Coronavirus-Pandemie hat er nach Einflüssen von außen gesucht. Er ist nach England gegangen, um sich von Ben Davison in London trainieren zu lassen, der Schwergewichts-Champion Tyson Fury nach seinen Alkohol- und Drogeneskapaden wieder zurück in die Spur geführt hat. Er kommt aber wieder zurück nach Deutschland, weil er sich nicht hundertprozentig wohl fühlt.

Am 27. August ist Bunn 30 Jahre alt geworden. „An meinem Geburtstag konfrontiere ich mich immer selber. Was willst du schaffen? Was hast du in dem Sport erreicht?“, erzählt Bunn. Dann sei der Geburtstag oft kein schöner Tag für ihn. In den vergangenen Jahren hat er sich selbst stark unter Druck gesetzt, um es ganz nach oben zu schaffen. Er lebt professioneller als noch zu Beginn seiner Karriere. Wiegt nie mehr als 85 Kilogramm, um nicht zu viel abkochen zu müssen, um auf das Kampfgewicht zu kommen. Bunn führt ein Buch, wo er täglich aufschreibt, was er trainiert. „Ich jongliere auch manchmal gerne oder laufe auf dem Laufband rückwärts oder springe raus und wieder rein, um meinen Kopf zu beschäftigen“, sagt er.

Das ganze Drumherum um das Boxgeschäft blendet er aus. Sein Vater und ein paar enge Freunde kümmern sich darum. Er konzentriert sich voll und ganz darauf, die großen Boxgürtel zu jagen. „Zwischen Vorfreude und Lampenfieber“, beschreibt er seine Gefühlslage vor dem WM-Kampf in vier Wochen. Es gäbe Boxer, bei denen die Karriere mit 30 Jahren allmählich bergab geht. Und dann wiederum welche, bei denen sie erst Fahrt aufnimmt. Leon Bunn will definitiv zu letzter Kategorie gehören.

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