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Auch bei diesem Unfall in Wiesbaden gab es Gaffer.

Frankfurt

Leitfaden gegen Gaffer

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Arbeitsgruppe der Polizei gibt Tipps, wie Schaulustige bei Unfällen zu behandeln sind.

Ihre Wutausbrüche machten sie zu Helden. Als es dem Leiter der Verkehrspolizei Feucht zu viel wurde mit den Gaffern bei einem schweren Unfall auf der A6, fragte er einen filmenden Beifahrer, ob er sich die Leiche mal ansehen wolle. Nur wenige Tage später hatte auch ein Oberkommissar der Autobahnpolizei Südhessen einen emotionalen Ausbruch. Er stellte nach einem Unfall auf der A5 einen Gaffer derart in den Senkel, dass dieser zu weinen anfing. Für ihre Wutausbrüche wurden die beiden Polizisten danach in den sozialen Medien gefeiert, der bayerische Beamte erhielt von einem lokalen Medium gar eine Auszeichnung.

Die beiden Vorfälle vom Mai dieses Jahres haben das hessische Landespolizeipräsidium nachdenklich gemacht. Denn bei aller Genugtuung über Rüffel für sensationslüsterne Gaffer: Es kann für Polizeibeamte nicht das Ziel sein, andere Verkehrsteilnehmer zum Weinen zu bringen. Das Landespolizeipräsidium rief die AG Gaffer ins Leben und machte den Frankfurter Polizeibeamten Erik Hessenmüller zum Leiter der AG. „Es geht darum, den Kollegen draußen etwas an die Hand zu geben“, sagt Hessenmüller, der gleichzeitig auch Leiter der Direktion Verkehrssicherheit in Frankfurt ist. In einem zehnköpfigen Team wurde in mehreren Sitzungen ein Leitfaden entworfen und dieser auf handliche Karten gedruckt. „Verhaltensempfehlung im Umgang mit Gaffern“ heißt es auf der Vorderseite. Erster Tipp: „Bewahre Ruhe und bleibe souverän.“ Gaffer sollten aus der Anonymität geholt und auf die Verwerflichkeit ihres Handelns aufmerksam gemacht werden, wird weiter empfohlen. Zudem soll ein Umdenken angestoßen und eine Einsicht in die Perspektive des Opfers gegeben werden. „Wenn man handlungssicher ist, kann man so eine emotionale Situation gut lösen“, sagt Hessenmüller.

Der Leitfaden zeigt aber auch, welcher Straftaten und Ordnungswidrigkeiten sich Gaffer womöglich schuldig machen. So kann das Filmen von verletzten Menschen mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden. Für die dafür erforderliche Ermittlung dürfen Polizisten gar die Handys von Tatverdächtigen einkassieren.

Wie häufig es bei schweren Unfällen zum Gaffen kommt, ist laut Hessenmüller bislang schwer messbar. Daher wurde die Informationskette der hessischen Polizei in dieser Woche erweitert. Ab sofort sollen hessische Polizisten immer mit aufnehmen, ob es bei einem Unfall Gaffer gab oder nicht. In einem halben Jahr sollen dann zumindest für Frankfurt erste Zahlen evaluiert werden.

Der jetzt auf die Taschenkarten gebannte Leitfaden geht zunächst an die Beamten in den acht hessischen Polizeiautobahnstationen. Dort kommt die Arbeit der AG Gaffer gut an. „Es ist eine Hilfestellung, um von der emotionalen wieder auf die sachliche Ebene zu kommen“, sagt Stefan Styra, Leiter der Polizeiautobahnstation Südhessen und Vorgesetzter des Beamten, der einem Gaffer auf der A5 die Standpauke gehalten hatte. Der Oberkommissar hatte seine Erfahrungen aus dem Mai selbst in die AG Gaffer eingebracht.

Auch alle anderen hessischen Polizisten können sich den Leitfaden herunterladen. Denn Gaffer gibt es nicht nur auf den Autobahnen, wie der Busunfall in Wiesbaden in der vergangenen Woche gezeigt hat. „Es kommt überall vor“, sagt Hessenmüller.

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