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Leiter der Bahnhofsmission: „Viele Familien sind völlig erschöpft“

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Von: Timur Tinç

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Diakon Carsten Baumann ist seit 2016 Leiter der Bahnhofsmission in Frankfurt.
Diakon Carsten Baumann ist seit 2016 Leiter der Bahnhofsmission in Frankfurt. © Renate Hoyer

Diakon Carsten Baumann, Leiter der Bahnhofsmission, spricht im Interview über die Erstversorgung von Geflüchteten aus der Ukraine. Am Frankfurter Hauptbahnhof wurden bereits rund 48 000 Menschen von den Mitarbeitenden der Bahnhofsmission betreut.

Herr Baumann, wie viele Geflüchtete aus der Ukraine kommen täglich am Frankfurter Hauptbahnhof an?

Im Moment sind das rund 1200 Menschen täglich. Die Hälfte davon reist weiter. In Spitzenzeiten waren es 2300. Die Leute kommen mit dem Zug, über den Busbahnhof, aber werden auch von Privaten zu uns gebracht. Es hat sich wahnsinnig schnell herumgesprochen, dass wir die zentrale Anlaufstelle sind. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges am 24. Februar haben wir rund 48 000 Menschen über die Bahnhofsmission weitergeleitet.

Wie läuft das ab?

Wir leiten die Geflüchteten weiter an das Erstaufnahmezentrum in der Messe. Wir haben Schulbusse, die sie dorthin bringen. Menschen, die außerhalb der Fahrzeiten kommen, setzen wir in Taxen. Teilweise kommen die Leute nachts um 3 Uhr an. Für die, die nicht bleiben, klären wir die Weiterfahrt mit den Ukraine Help Tickets der Deutschen Bahn. Oder wir beantworten die drängendsten Fragen zu Themen wie Gesundheit oder Unterkunft.

Wie werden die Menschen versorgt?

Wir versorgen diejenigen, die weiterreisen, mit Lunchpaketen. Viele sind ausgehungert, weil sie drei, vier, fünf Tage über Rumänien oder Bulgarien anreisen und erstmal essen und trinken wollen. Viele Familien sind völlig erschöpft. Sie haben viel Gepäck. Ganz erstaunlich sind die vielen Tiere. Einer hatte sogar eine Riesenbox mit einem Husky dabei. Spannenderweise haben wir sogar in dieser Woche die Ersten gehabt, die wieder in die Ukraine zurückreisen. Wir versuchen natürlich davon abzuraten, weil sich die Situation nicht wirklich verändert hat.

Wie viele Mitarbeitende sind aktuell im Einsatz?

Wir sind in der Schicht mindestens zu acht. Wir haben mittlerweile auch ehrenamtliche Übersetzer:innen damit wir die Sprachbarriere überwinden können.

Werden Geflüchtete noch privat vom Bahnhof abgeholt?

Eher andersrum. Die Menschen kommen aus privaten Unterkünften zurück in die Gemeinschaftsunterkünfte wenn eine gewisse Enge entsteht oder die Versorgung nicht gewährleistet werden kann.

Zumal viele Menschen auch traumatisiert sind und anders betreut werden müssen.

Die Fluchterfahrungen müssen sich erst einmal setzen, wenn die Menschen zur Ruhe kommen, realisieren sie die Kriegsgeschehnisse. Daher schlägt es sich bei uns noch gar nicht nieder, weil es erst mal darum geht, welche Perspektiven für ein geordnetes Leben entstehen können. Die spannende Frage wird sein, wenn die humanitären Korridore im Osten der Ukraine wieder geöffnet sind, was dann nochmal für Menschen kommen. Wir haben jetzt schon Geflüchtete die Kriegsverletzungen erlitten haben. Ich rechne damit, dass wir dann noch einmal vor ganz anderen Herausforderungen stehen werden.

Was hat sich von den ersten Wochen zu jetzt für Ihre Arbeit verändert?

Die Wege sind besser geschult. Es gibt gewisse Routinen. Es gibt mehr besondere Fragestellungen. Die Menschen fragen nach Insulin, Blutdrucksenkern und Antiepileptika. Es kommen Menschen mit Krebserkrankungen, die ihre Chemotherapie fortsetzen müssen. Da sind wir heute weiter als zu Beginn. Wir haben unsere festen Ansprechpartner. Wir haben einen Arzt, der die Sprache spricht. Wir arbeiten mit einer Klinik zusammen. Wir wissen, wie wir einen Behandlungs- und Überweisungsschein bekommen. Das macht es einfacher.

Was ist mit den Geflüchteten, die keine ukrainische Staatsbürgerschaft haben?

Anfangs waren es ganz viele Studierende, die kamen und die Idee hatten, anschlussfrei weiterstudieren zu können. Jetzt ist es ein anderer Community-Kreis, vielleicht weil sich rumgesprochen hat, dass studieren nicht so einfach geht. Wir schicken seit einer Woche niemanden mehr nach Gießen in die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes. Wir warten darauf, dass der Registrierungsprozess an der Messe demnächst an den Start gehen kann.

Es wird schon seit langem sensibilisiert, dass Frauen besonders aufpassen sollen bei der Ankunft, um nicht in die Hände von zwielichtigen Personen zu kommen. Ist das noch ein Problem?

Wir hatten in den ersten zwei Wochen ein paar Männer am Bahnhof. Das hat sich völlig verändert. Alle sind identifiziert. Die ukrainischen Frauen sagen im Gespräch, dass sie da in den sozialen Netzwerken drauf hingewiesen worden sind. Da ist niemand mehr.

INTERVIEW: Timur tinç

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