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Winfried Scheffler, Leiter der Statisterie, und sein Assistent Alexander Preiß mit den Statisten Steffie Sehling und Thomas Schäfer (von links).

Statisten

Leidenschaft im Hintergrund

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Statisten spielen nur die sprichwörtliche Nebenrolle – aber ohne sie würde einer großen Aufführung trotzdem etwas Wichtiges fehlen. Doch wie wird man eigentlich Statist? FR-Autor Damian Rausch ist dieser Frage nachgegangen.

In einem Bastrock und voller Schminke am Körper sprang Thomas Schäfer für einen echten Geparden ein. Kaum zu glauben, dass es sich laut Plan um eine leibhaftige Raubkatze hätte handeln sollen, aber die Auflagen für den Einsatz von Tieren auf der Bühne seien früher eben etwas lockerer gewesen, erzählt er. Schäfer, 58 Jahre alt, ist Lehrer und unterrichtet Deutsch, Englisch und Darstellendes Spiel. Seit 40 Jahren arbeitet er auch als Statist. Aber wie sieht eigentlich die Arbeit von Darstellern wie ihm im Hintergrund aus? Wie wird man Statist?

Winfried Scheffler ist seit 1998 Leiter der Statisterie an der Oper Frankfurt und so etwas wie ein – wie er es nennt – „Headhunter für Statisten“. Je nachdem, was der Regisseur braucht, geht Scheffler auf die Suche, klickt sich durch seine Kartei mit etwa 600 Darstellern und versendet Mails an die infrage kommenden Statisten. Manchmal sollen sie klein sein, manchmal groß. Hin und wieder sind die Aufträge an ihn auch richtig ausgefallen, etwa dann, wenn Gogo-Tänzer oder Vietnamesen gesucht werden. „Der Phänotyp Vietnamese unterscheidet sich erheblich von dem des Koreaners oder des Chinesen“, sagt Scheffler.

„Statisterie ist zunächst stumm. Das ist ein gewisses Markenzeichen“

Vor einigen Jahren sollte Scheffler für die Aufführung „Der Spieler“ von Sergeij S. Prokofjew die stumme Rolle der Baronin Würmerhelm besetzen. Vorgesehen war eine dicke Frau. Einfach „nur dick“ zu sein, habe aber nicht gereicht. Also nahm Scheffler Kontakt mit einer Adipositas-Selbsthilfegruppe auf – und das mit Erfolg. „Einen Menschen zu finden, der seine Fettheit zur Schau tragen möchte, ist gar nicht so einfach. Unsere Statistin konnte aber nicht genug davon kriegen“, sagt Scheffler. „Statisterie ist zunächst stumm. Es gibt keinen Text. Das ist ein gewisses Markenzeichen der Statisterie“, erklärt er. Die Zahl der Mitwirkenden variiert pro Aufführung. Für eine Probe muss der Statist in der Regel drei Stunden an drei Abenden in der Woche einplanen.

Steffi Sehling wird diesen Monat 64 Jahre alt und ist seit zwölf Jahren als Statistin an der Oper dabei. Eine ihrer außergewöhnlichsten Rollen spielte sie in „Die Passagierin“, einer Oper über Auschwitz, geschrieben von Mieczyslaw Weinberg und inszeniert von Anton Weber. Sehling war eine politische Gefangene, eine Insassin im Konzentrationslager: „Ich erinnere mich noch immer an das schaudernde Gefühl, als ich auf den Aufruf meiner Häftlingsummer wartete“, sagt sie.

Ein anderes Mal schlüpfte sie in die Rolle einer Pestkranken. Bei drückender Schwüle und einer Temperatur von etwa 40 Grad, denn geprobt wurde im Freilufttheater in Trier, habe sie eine mit Filz ausgekleidete Tüte auf dem Kopf tragen müssen. Der Regisseur habe zudem geraucht, und der Qualm sei ihr unangenehm in die Nase gestiegen. Thomas Schäfer war in derselben Probe, ebenfalls pestkrank mit Tüte auf dem Kopf, und berichtet von den zahlreichen Fliegen und Wespen, die durch die Löcher bei den Augenpartien in die Tüte gelangten.

Tatsächlich wurde Steffi Sehling schließlich ohnmächtig, aber das bemerkte niemand. „Der Regisseur sagte immer: Das macht nichts, wenn jemand umfällt, ihr habt schließlich die Pest“, erinnert sie sich.

„Das macht nichts, wenn jemand umfällt. Ihr habt schließlich die Pest“

Alexander Preiß, studierter Theater-, Medien-, Film- und Kunstwissenschaftler, hat zunächst als Statist an den städtischen Bühnen angefangen. Mittlerweile ist er Schefflers rechte Hand, unterstützt ihn bei organisatorischen Aufgaben, bei der Besetzung von Kinderrollen oder der Betreuung von Statisten vor Ort.

Die Wege in die Statisterie können ganz unterschiedlich sein. Manche stehen schon im Kindesalter auf der Bühne und brennen seither für das Theater. Andere bewerben sich, um sich ein Zubrot zu Hartz IV zu verdienen. Ein Berufsbild für Statisten oder die Leitung der Statisterie gibt es nicht. „Es gibt nur die Leidenschaft und den inneren Drang, bei einer Opernproduktion mitzuwirken“, sagt Alexander Preiß.

Neben der reinen Begeisterung und Motivation für ein solches Mitwirken sollte der angehende Statist aber auch Talent mitbringen. Während es früher die häufig inszenierten Massenszenen waren, in denen die einzelnen Darsteller unterzugehen drohten, sei heutzutage durch den minimalistischeren Einsatz von Statisten ein Maß an Ebenbürtigkeit mit dem Schauspieler vorauszusetzen.

„Es kommt darauf an, dass man eine Haltung und Ausstrahlung hat. Man sollte dabei nicht versuchen, sich in den Vordergrund zu drängen, sich aber auch nicht verstecken“, erläutert der Chef der Statisterie. In der Oper nenne man das „Raumverdrängung“, weil: „Im Idealfall soll man von der Bugwelle, die der Statist mit sich zieht, weggeschoben und spätestens beim Vorbeigehen von einer Wirbelschleppe weggeblasen werden.“

Ein Casting für die ersehnte Statistenrolle kann ganz unterschiedlich ausfallen. Scheffler schwärmt vom Lösen banaler Probleme. „Wenn ich Regisseur wäre, würde ich einen präparierten, festhängenden Stuhl vor einen Tisch stellen und den angehenden Statisten auffordern, Platz zu nehmen, um zu schauen, wie souverän er mit dem Hindernis umgeht. Wir hatten in der Tat auch Statisten, die Schauspieler geworden sind, zum Beispiel Florian Bartholomäi oder Maximilian Meyer-Brettschneider“, berichtet Scheffler. Das seien aber Ausnahmen. Wer Schauspieler werden möchte, sollte besser direkt auf die Schauspielschule gehen.

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