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Der echte Frankfurter: Zum Leben braucht er nur den genius loci. Und etwas Jägermeister.

Bestandsaufnahme

Lebt denn der echte Frankfurter noch?

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Ja, er lebt noch! Und ist auch allen Unkenrufen zum Trotz nicht totzukriegen. Die Frage ist nur, wer überhaupt echter Frankfurter ist. Versuch einer Bestandsaufnahme.

Die Klage „Es gibt keine echten Frankfurter mehr“ ist wohl beinahe so alt wie die Stadt selbst. Der Legende nach wurde sie von Karl dem Großen erdacht, kurz nachdem ihm eine weiße Hirschkuh eine Furt über den Main und den Franken damit einen Fluchtweg vor den mordbrennenden Sachsen gezeigt hatte. Die gemeinen Fußfranken gerieten daraufhin in widernatürliche Fröhlichkeit, lobten Gottes Schöpfung im Allgemeinen und die weißen Hirschkühe im Besonderen, gaben ihrer Überzeugung Ausdruck, dass nun alles gut werden würde und das Wetter für die Jahreszeit erstaunlich mild sei. Der Frankenfürst aber wusste es besser und ging hoch zu Ross finsteren Gedanken nach. „Es gibt keine echten Frankfurter mehr“, dachte sich der große Karl, und kurz darauf: „alles Aschlöscha!“ Insofern kann man ihn getrost als ersten echten Frankfurter bezeichnen.

Der echte Frankfurter ist von Natur aus realistisch und wortkarg. Der Außenstehende, dem die Nuancen der Frankfurter Konversation unbekannt sind, deutet diese Einsilbigkeit oft als geistige Trägheit. Zu Unrecht. „Alles Aschlöscha!“, sagt etwa der gemeine Frankfurter an der Trinkhalle, die seit alters her sein Podium ist, wenn er etwa über die Fridays-for-Future-Schüler redet. Er meint damit: „Dass ich das auf meine alten Tage noch mal erleben darf, dass die Jugend auf der Gass Rabatz schlägt. Gott segne die herrlichen Racker!“

„Alles Aschlöscha!“, sagt der gemeine Frankfurter auch, wenn er über die aktuelle Landesregierung redet. Er meint damit: „alles Arschlöcher!“ Es bedarf des geschulten Ohres, um den Unterschied zu erkennen.

Zugegeben: Es ist nicht einfach. „Krüppelkiefer!“, zischt der Frankfurter jeden Advent, wenn vor dem Römer der neue städtische Weihnachtsbaum aufgestellt wird. Das klingt auf den ersten Hörer baumkritisch, ist aber lediglich die Frankfurter Coverversion von „O Tannenbaum“.

„Krie die Kränk!“, wünscht der Frankfurter für Uneingeweihte seiner Nachbarstadt Offenbach die Pest an den Hals. Was er aber damit sagen will: „Freue dich, o Lederstadt, wo’s noch zahlbare Mieten hat, in einem Monat, du mein Schatz, zieh‘ ich an den Wilhelmsplatz.“ Denn der echte Frankfurter sieht in Offenbach weit mehr Heimatstadt als etwa den in einem Champagnerluftabzugaskanal erbauten Stadtteil Riedberg oder gar das Europaviertel, in dessen Wohnungen er nicht ganz zu Unrecht eher begehbare Kleiderschränke für Wirtschaftskriminelle sieht als ehrbare Heimstätten. Der echte Frankfurter, so solvent er auch sein mag, würde jederzeit ein Leben in einer Mietwohnung im Riederwald einem in einer Eigentumswohnung am Westhafen vorziehen.

Aber was macht den echten Frankfurter aus? Ganz gewiss nicht die Herkunft. Es ist eine der unleugbaren positiven Eigenschaften des Frankfurters und selbstverständlich auch der Frankfurterin, dass ihnen jede Blut-und-Boden-Mentalität suspekt ist. Frankfurter darf jeder werden, der das gerne will. Es reicht völlig aus, sich in das realistische Weltbild der Frankfurter zu integrieren und die Schlächdbabbelei zu erlernen. Die Verwendung des hessischen Idioms ist nützlich, aber nicht zwingend.

Kaum eine Stadt in Deutschland wächst derart rasant wie Frankfurt. In ein paar Jahren könnte die Metropole am Main 800 000 Einwohner haben. Doch bewältigt Frankfurt diese Entwicklung überhaupt? Wo sollen alle diese Menschen wohnen, wie gelangen sie zur Arbeit, wenn die Straßen immer voller werden, und droht das Umland von Frankfurt aufgefressen zu werden?

Diesen Fragen geht die FR bis Mitte Oktober in der Serie „Frankfurt wächst“ nach. Jede Woche beleuchten wir eine provokante und sehr zugespitzte These. Diese Woche etwa: „Es gibt keine echten Frankfurter mehr.“ In der kommenden Woche schauen wir uns unter der Überschrift „Die Häuser sind noch nicht hoch genug“ den Immobilienmarkt an.

So schaffte es etwa Dragoslav Stepanovic, sich mit einem guthessischen „Lebbe geht weiter“ in den Olymp der echten Frankfurter zu quasseln – was Jahre später Kevin-Prince Boateng mit einem „Bruda, schlag den Ball lang“ freilich genausogut gelang. Boatengs Slang war international, die Kernaussage aber echt frankfodderisch.

Echte Benimmregeln gibt es nicht mehr. Früher etwa erkannte man den echten Frankfurter daran, dass er den Wäldchestag heiligte und Starkregen zum Trotz am Pfingstdienstag spätestens am frühen Nachmittag gen Oberforsthaus pilgerte. Aber das war zu Zeiten, als echte Frankfurter noch in Betrieben arbeiteten, die echten Frankfurtern gehörten und die ihrer Belegschaft darum anstandslos freigaben. Solche Betriebe aber kann man heute lange suchen, und der durchschnittliche Frankfurter Arbeitgeber ist heutzutage ein Schweizer, dem schwäbische Unternehmensberater eingeredet haben, wenn er seine Knechte am Wäldchestag laufen ließe, würden die sich solche Freiheiten auch beim Ironman oder dem JP.-Morgan-Lauf herausnehmen. Dabei verkennen sie aber, dass echte Frankfurter solche Veranstaltungen so sehr schätzen wie Geschlechtskrankheiten.

Auch die Wertschätzung der lokalen Hochkultur gehört schon lange nicht mehr zu den Erkennungszeichen. Der echte Frankfurter hält die Schirn für einen probaten Schutz vor Sonne und Regen, Adorno für einen italienischen Magenbitter und Ernst May für den Sänger von „Über den Wolken“. Eine der wenigen Dinge, an denen man einen echten Frankfurter erkennen kann, ist, dass er alle zwei Wochen ins Waldstadion geht, niemals aber in die Commerzbank-Arena.

Die besten echten Frankfurter kommen oft aus dem Umland. Der Vater einer alten Freundin wurde unlängst am Mainufer von Touristen aus dem fernen China gefragt, wo denn die berühmte Frankfurter Altstadt zu finden sei. „Die ist im letzten Krieg komplett abgebrannt“, war seine Antwort, und mehr Frankfurt geht nicht. Notabene: Der Mann kommt aus Bad Homburg!

Nein, um den echten Frankfurter muss einem nicht bange sein. Um das echte Frankfurt schon eher. Zugegeben: Frankfurt wächst. Das aber nur quantitativ. Die letzten wirklichen Ereignisse, die sich das Möchtegern-Metropölchen als Epizentrum ausgesucht hatten, waren die Neue Frankfurter Schule und die Techno-Bewegung. Von ersterer ist immerhin noch die Caricatura als ernstzunehmender Statthalter geblieben. Von letzterer klingt immer mal wieder der in der Commerzbank-Arena (sic!) abgehaltene „World-Club-Dome“ als müdes Echo durch den Stadtwald – eine Veranstaltung, die der echte Frankfurter mindestens so weiträumig umgeht wie den JP.-Morgan-Lauf.

Aber es gibt ihn noch, den echten Frankfurter (rechts ein paar Beispiele). Der echte Frankfurter ist wie der Goetheturm: hölzern, ungeschlacht, mitunter total abgebrannt. Aber so schlimm es auch stehen mag, er findet immer eine Möglichkeit, sich wieder aufzubauen. Denn der echte Frankfurter ist unsterblich, auch wenn es Menschen gibt, die anderes behaupten. Aber über die hat der Frankfurter seine ganz eigene Meinung: Alles ... na, Sie wissen schon.

Michi Herl

Michi Herl 

Seit Michi Herl von Pirmasens nach Frankfurt gekommen ist, gibt es keine echten Pirmasenser mehr. Und wie Matthias Beltz (echter Frankfurter) könnte man nun höhnisch ausrufen: „Pirmasens und Parmesan, beide sind zerrieben.“ Aber Bösartigkeit ist dem echten Frankfurter so suspekt wie Kultur. Herl aber schafft es, dem Frankfurter Kultur nahezubringen, indem er sein Stoffel-Festival als Bionade-Frischluft-Event und sein Stalburg-Theater als Kneipe tarnt. Über die Jahre hinweg hat Herl sich die Befindlichkeiten dieser Stadt so sehr angeeignet, dass er heute fast hundertprozentig dem Frankfurter Schönheitsideal entspricht. Fast schon ein Fall von Überintegration.

Petra Breitkreuz

Petra Breitkreuz

Seit Jahren leitet Petra Breitkreuz das Stoltze-Museum und hält damit die Erinnerung an den vermutlich echtesten aller echten Frankfurter wach. Zwar verwechseln die meisten Frankfurter den steinernen Stoltze mit Claus-Jürgen Göpfert (echter Frankfurter) oder Karl Marx (kein Frankfurter), aber Breitkreuz tut das Menschenmögliche. Immerhin war sie so schlau, sich die Sparkasse als Museumssponsor zu suchen. Denn wenn’s um Geld geht, dann ist der echte Frankfurter sogar bereit, mal ins Museum zu gehen, in der leisen Hoffnung, dass für ihn etwas abfällt.

Luka Jovic

Luka Jovic

Luka Jovic kommt nicht aus Frankfurt, nicht mal aus Hessen, nicht mal aus Deutschland. Sondern aus Bijeljina, Republika Srpska, Bosnien. Aber er hat mal für Frankfurt gespielt - und wie. Seit diesem Jahr kickt er für Real Madrid, und erzählt seitdem dort jedem, der es hören will, und auch allen anderen, dass es kaa Stadt uff der weite Welt gebe, die ihm so wie sei Frankfort gefalle, un es wolle ihm net in sei Kopp enei, wie nor e Mensch net von Frankfort sei könne. Zugegeben, er formuliert es ein bisschen anders, aber die Kernaussage ist dieselbe. Und man muss nicht unbedingt über den Römer-Weihnachtsbaum motzen, um ein echter Frankfurter zu sein. Es genügt völlig, in einer echten Metropole das Loblied der Mainstadt zu singen. Das beweist Schneid, und das genügt uns zur Einbürgerung vollauf.

Moses Pelham

Moses Pelham

Moses Pelham hat Stefan Raab mal das Nasenbein gebrochen. Er hat aber auch Sachen gemacht, an die man sich weniger gerne erinnert („Schwesta, Schwesta“). Der Rapper und Musikproduzent ist immer noch im Geschäft, steht aber nicht mehr so sehr im gleißenden Licht der Öffentlichkeit wie ehedem. Aber im Gegensatz zu anderen Promis versucht er erst gar nicht, das verblassende Interesse des Boulevards mit Auftritten in Dschungelcamps, Big-Brother-Containern oder ARD-Vorabend-Quizzes wieder anzuheizen. Weil ein echter Frankfurter über so etwas erhaben ist.

Ardi Goldman

Ardi Goldmann

Ein großer Frankfurter, klein von Wuchs, aber mit Hüten, die das locker ausgleichen. Ardi Goldman verkörpert wie fast kein anderer das Wesen des echten Frankfurters: Er schimpft auf alles und jeden, weil er im Grunde seines Herzens alles und jeden liebt und von allen geliebt werden möchte. Das aber funktioniert nicht bei allen, und beim Frankfurter Landgericht schon gar nicht, das Goldman wegen Bestechung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt hatte. Wie jeder anständige Frankfurter sitzt Goldman seine Strafe in Köln ab (siehe Schwesta Ewa), weil es da sofort Freigang gibt. Seit Goldman im Kölner Knast sitzt, sieht man ihn in Frankfurt so häufig wie nie zuvor, wo er auf Stadt, Landgericht und Fluss schimpft wie ein Rohrspatz. Was natürlich nichts anderes ist als ein Schrei nach Liebe. Unsere hat er in jedem Fall: Mehr Frankfurter geht nicht.

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