HU-Sektenprozess_250920
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Vor der Urteilsverkündung las die Angeklagte.

Mordprozess

Lebenslange Haft für Mord an dem kleinen Jan

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Das Landgericht Hanau verurteilt Sektenchefin Sylvia D. Der Richter nennt die Tat unglaublich.

Wegen Mordes hat die erste große Strafkammer des Landgerichts Hanau Sektenchefin Sylvia D. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Gleichzeitig erließ das Gericht nach der Urteilsverkündung am Donnerstag Haftbefehl wegen Fluchtgefahr und folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. D. schüttelte immer wieder den Kopf, ließ sich später aber widerstandslos festnehmen.

Die Kammer um den Vorsitzenden Richter Peter Graßmück sieht es als erwiesen an, dass die damals 41-Jährige am 17. August 1988 den vierjährigen Jan H. in einem über dem Kopf verschnürten Leinensack ersticken ließ, obwohl sie gewusst habe, dass er in Lebensgefahr war. Sie habe vorsätzlich und aus niedrigen Beweggründen gehandelt, so Graßmück. Daran gebe es keinen Zweifel.

Der Junge, den D. offenbar für die Reinkarnation Hitlers hielt, sei für sie und die Sekte ein großer Störfaktor gewesen. Die Angeklagte habe seinen Tod nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern nach Überzeugung des Gerichts sogar gewollt. Zum einen aus wirtschaftlichen Motiven, weil H.s Eltern – Anhänger von Sylvia D. – sich danach voll auf ihre Arbeit und die Gruppierung konzentrieren konnten. Mit ihren kurz vor beziehungsweise nach Jans Tod angetretenen neuen Stellen waren sie eine wichtige Einnahmequelle für die Sekte.

Zum anderen sei der Junge als vom Bösen besessen sowie als angebliche Gefahr betrachtet worden, vor der es sich zu schützen gelte. „Es gruselt einen“ trotz jahrzehntelanger Erfahrung als Strafrichter, sagte Graßmück über den Umgang mit dem Vierjährigen. Er bezeichnete es als unglaublich, dass man ein unschuldiges Kind aus den angeführten Gründen töten könne.

Das Todesermittlungsverfahren im Jahr 1988 war rasch eingestellt worden, weil die Polizei keine Hinweise auf ein Fremdverschulden erkannt hatte. 2015 wurde der Fall wieder aufgenommen, nach Recherchen der Frankfurter Rundschau und Aussagen von Aussteigern.

Oberstaatsanwalt Dominik Mies hatte auf Mord durch Unterlassen und lebenslange Haft plädiert. Die Verteidigung, die den Vorwurf zurückwies, sieht eine Hetzkampagne voller „Pseudo-Erinnerungen“ und Lügen und beantragte Freispruch.

Etwa zwei Stunden lang begründete Peter Graßmück im Hindemith-Saal des Congress-Parks, in dem fast alle verfügbaren Plätze besetzt waren, detailliert und schlüssig die Entscheidung. Wenn Sylvia D. wieder den Kopf schüttelte, machte der Richter klar, dass alles belegt sei, teilweise durch D.s eigene Angaben. Er führte etwa die vielen Tagebucheinträge sowie „Gottesbriefe“ an, in denen sich die Äußerungen über Jan H. vor dessen Tod zuspitzten. Dreieinhalb Monate vorher hieß es zum Beispiel, das Kind wisse, wie fies und gemein es sei, ein wahnsinnig kalter, eingebildeter Schauaffe, dem jede Zuwendung zu Kopf steige. Darüber hinaus verwies Graßmück auf das Ergebnis des rechtsmedizinischen Gutachtens. Demnach war eindeutig der Sack Ursache für den unnatürlichen Tod. Als gelernte Krankenschwester und aufgrund ihrer Erfahrung mit Kindern sei Sylvia D. bewusst gewesen, dass Jan H. in dem Sack sterben könne – zumal sie wenige Tage zuvor von ihrem Sohn Martin darauf hingewiesen worden sei, dass der Junge darin kaum Luft kriege, stark schwitze.

Als weiteren wesentlichen Punkt nannte Graßmück das Nachtatverhalten: Sylvia D. habe sich offensichtlich davon überzeugt, dass Jan H. nicht mehr atmete. Als kurz darauf seine Mutter vom Markt zurückkehrte, fing D. sie ab und sagte zu ihr, Gott könne das Kind früher „holen“ als gedacht. Später habe die Gruppe gemeinsam Beweise, etwa den Sack, verschwinden lassen, D. habe sich vor der Polizei versteckt. Es gebe hier kein Komplott von Aussteigern, stellte der Richter fest. Vielmehr sei es die Sekte gewesen, die nach der Tat gelogen habe.

D.s Anwalt Matthias Seipel kündigte nach dem Prozess an, Revision einzulegen. Oberstaatsanwalt Mies zeigte sich zufrieden und lobte die jahrelange Ermittlungsarbeit der Polizei. Er sprach von einem Sieg der Gerechtigkeit, vor allem für Jan H., aber auch für die Aussteiger, die in der Gruppierung gelitten hatten und bereit waren auszusagen.

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