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Ein Pfund zum Wuchern im oberen Niddertal, das Kunstguss-Museum in Hirzenhain.

Gedern/Hirzenhain/Ortenberg

Lebendige Zentren als Ziel

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Modellcharakter für ländlichen Raum: Oberes Niddertal in Strukturprogramm aufgenommen.

Bei der Entwicklung strukturschwacher Regionen könnte sich künftig der Blick auf das obere Niddertal richten - auf Gedern, Hirzenhain und Ortenberg. Die drei Kommunen nehmen als Verbund an dem Stadtentwicklungsprozess „Aktive Kernbereiche“ teil. Im kommenden Jahr soll unter Bürgerbeteiligung die Planungsphase starten. Das Projekt läuft zehn Jahre. Die baulichen Investitionen werden bis zu 25 Millionen Euro betragen, die sich Bund, Land und Kommunen zu je einem Drittel teilen, heißt es von der Wirtschaftsförderung des Wetteraukreises, mit deren Hilfe die Bewerbung gelang. Zudem besteht das Ziel, im oberen Niddertal die Landesgartenschau auszurichten.

„Es ist eine große Chance für das Tal, seine strukturelle Situation zu verbessern, und ein Pilotprojekt für Hessen“, sagt Bernd-Uwe Domes, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, auf Anfrage der FR. Aufgabe sei es nicht allein, schicke Ortskerne zu produzieren.

„In den drei Kommunen ist der Transformationsprozess einer von Rohstoff geprägten Wirtschaft zu neuen Entwicklungsbereichen steckengeblieben“, nennt er das Hauptproblem. Von 1990 bis 2010 seien so 30 Prozent der Arbeitsplätze verloren gegangen. Mit dem neuen Schwung gelte es aber auch, „das ganze Sozialgefüge, das sich mit der früheren Wirtschaft etablierte, mitzunehmen“.

Niddertal: Ein attraktiver Wohn- und Arbeitsort

Laut Domes ist es für die drei Kommunen schwierig, sich aus eigener Kraft zu helfen, mangels Geld und personellen Ressourcen. Hirzenhain etwa zählt nur rund 2900 Einwohner. Domes sieht in der interkommunalen Bewerbung einen „strategischen Ansatz“. Die räumliche Nähe zueinander, die ähnlichen Probleme und bestehenden Kooperationen bei kommunalen Aufgaben hätten den Beschluss, es zu wagen, zudem gefördert. Allerdings legte das hessische Wirtschaftsministerium Gedern, Hirzenhain und Ortenberg nicht den roten Teppich aus. Erst im zweiten Ablauf klappte es mit der Bewerbung.

Wirtschaftsförderung und Bürgermeister bekräftigen, das obere Niddertal sei trotz entfernter Metropolregion ein attraktiver Wohn- und Arbeitsort. „Das Narrativ der Großstadt gilt vor allem für junge Leute“, so Domes. Schon bei Familien sehe die Welt oft anders aus. Verknappung der Infrastruktur wie Kita-Plätze, Umweltbelastung und hohe Preise führten daher zu einer Verlagerung in das nahe Umland, die sich wellenförmig bis in den ländlichen Raum ausbreite.

Bürgermeister Timo Tichai (parteilos) sieht die Abwärtstendenz von Hirzenhain in Leerständen bei Wohnungen und Läden. Leer steht zudem die große Werkshalle der ehemaligen Eisengießerei Buderus. Dort muss zukunftsträchtiges Gewerbe einziehen, steht für Tichai fest. Die Schwierigkeit hier wie anderswo: Die Gemeinde hat keinen Zugriff auf die Immobilien. Mit der Verbesserung der Umgebung erhofft Tichai sich, Impulse für Besitzer und Nutzer zu setzen.

Niddertal: Leben ohne eigenens Auto?

Das wenige Kilometer entfernte Gedern besitzt laut Bürgermeister Guido Kempel (parteilos) noch eine alltagstaugliche Versorgungsstruktur, aber „alles ist in die Jahre gekommen“, sagt er. Die Sanierung der Fachwerkhäuser sei wegen des Denkmalschutzes oft ein teures Unterfangen und verlange Zuschüsse für die Besitzer. Potenzial böten ein neues Gewerbegebiet und der Gederner See. Der Campingplatz wurde vor Jahren von der Stadt modernisiert und erlebe seitdem einen Aufschwung, der auch im Ort zu spüren sei, sagt Kempel.

Mehr in die Stadt zu investieren, sichere die Versorgung und bringe Arbeitsplätze, steht auch für Ulrike Pfeiffer-Pantring (SPD) fest, Bürgermeisterin von Ortenberg, der mit 9000 Einwohnern größten Kommune in dem Trio. Sie verlangt überdies neue Verkehrskonzepte, damit die Menschen im oberen Niddertal möglichst ohne eigenes Autos auskommen. Seit geraumer Zeit arbeitet die Stadt hier an Lösungen, von Mitfahrbänken bis zum Carsharing. „Mit dem Bahnfahrschein auch das Carsharing nutzen können wie in Bayerischen Wald“, fordert sie. Aber die Bahn gebe sich schwierig.

Die Vogelsbergbahn hätte eine wichtige Verbindung darstellen können, ist sich Wirtschaftsförderer Domes sicher. Die Strecke ist jedoch Geschichte und heute der Vulkanradweg. Laut Domes erarbeiten die drei Kommunen für sich nun ein Integriertes Städtebauliches Entwicklungskonzept (ISEK). Danach wird es mit dem Fördergeld umgesetzt. Obendrein soll die Chance genutzt werden, 2027 die Landesgartenschau in das obere Niddertal zu holen. Nicht nur das wäre eine Besonderheit, auch die damit verbundene Präsentation der „Biodiversität des besonderen ökologischen Raumes“, so Domes.

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