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FR-Stadtgespräch zu „Frankfurter Tatorten“ im Haus am Dom mit FR-Polizeireporter Oliver Teutsch, dem ehemaligen Richter Klaus Drescher und der Polizeihauptkommissarin Anja Lange (von links). FR-Redakteur Georg Leppert moderierte.
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FR-Stadtgespräch zu „Frankfurter Tatorten“ im Haus am Dom mit FR-Polizeireporter Oliver Teutsch, dem ehemaligen Richter Klaus Drescher und der Polizeihauptkommissarin Anja Lange (von links). FR-Redakteur Georg Leppert moderierte.

FR-Geschichte

Lebend in ein Massengrab geworfen

Ein Auszug aus dem neuen Heft „Frankfurter Tatorte“: Die ersten Berichte der FR über Morde an Kriegsgefangenen im Rhein-Main-Gebiet im Juli 1944.

Es sind die ersten Verbrechen, über die in der Frankfurter Rundschau, die am 1. August 1945 zum ersten Mal erschien, berichtet wird: brutale Morde an kriegsgefangenen us-amerikanischen Fliegern, die 1944 im Rhein-Main-Gebiet verübt worden waren. Anlass der Berichterstattung waren die Kriegsverbrecher-Prozesse, die Ende Juli 1945 stattfanden. Eine Quelle für die Berichte gab die FR damals nicht an.

Elf Angeklagte, darunter zwei Frauen, haben sich gegenwärtig in Darmstadt in dem bisher größten Kriegsverbrecher-Prozeß in der amerikanischen Zone gegen die Anklage zu verantworten, während des Krieges sechs kriegsgefangene amerikanische Flieger auf brutalste Weise mißhandelt und lebend in ein Massengrab geworfen zu haben.

Zeugenaussagen am ersten Verhandlungstag gaben folgende Darstellung des Massenmordes: Die beiden angeklagten Frauen, zwei Schwestern, die 38-jährige Katharina Hardt und die 50-jährige Margarethe Witzler, sahen 1944 in der Nähe von Rüsselsheim, wie sechs kriegsgefangene amerikanische Flieger unter militärischer Bedeckung vorbeimarschierten. Die Frauen, so sagten die Zeugen aus, begannen sofort zu schreien: „Reißt sie in Stücke!“ „Schlagt sie tot!“, „Sie haben unsere Wohnungen zerstört!“ Der Vorfall ereignete sich kurz nach einem schweren Luftangriff auf Darmstadt.

Die amerikanischen Flieger wurden dann, nach Aussagen der Zeugen, von den Angeklagten angegriffen, zu Boden geworfen, mit Füßen getreten und mit Schaufeln und Heugabeln geschlagen, einer der Flieger wurde durch einen Ziegelstein am Kopf verletzt. Der 60-jährige Angeklagte Johannes Seipel versetzte, wie die Zeugen berichten, einem am Boden liegenden Flieger einen Fußtritt in den Hals. Die mißhandelten Flieger wurden dann stundenlang ohne ärztliche Hilfe gelassen und schließlich in ein Massengrab geworfen.

Kugel durch den Kopf

Einer der Angeklagten, Josef Hartgen, versuchte vor der Verhandlung, durch Aufschneiden der Pulsader Selbstmord zu begehen, wurde aber gerettet und nimmt an der Verhandlung mit verbundenen Handgelenken teil. Ein sechzehnjähriger Hitlerjunge legte gegen den früheren Propagandaleiter von Rüsselsheim, Josef Hartgen, Zeugnis ab. Er erklärte, daß Hartgen vier der misshandelten und blutenden amerikanischen Fliegern eigenhändig mit seiner Pistole eine Kugel durch den Kopf schoß. Als einer der ermordeten amerikanischen Flieger sich noch am Boden regte, rief Hartgen, wie der Zeuge erklärte: „Schlagt zu –der lebt noch!“

Der jugendliche Zeuge berichtete dann über ein Gespräch, daß er mit einem der deutschen Wachtposten hatte, die pflichtgemäß die kriegsgefangenen Amerikaner ins Gefängnis überführen sollten. „Ich kann die Menge nicht aufhalten“, soll der deutsche Wachtposten gesagt haben, „sonst geht’s mir genau so.“

Ein weiterer Kriegsverbrecher-Prozeß, wieder wegen Ermordung alliierter Flieger, hat hier mit der Verhängung von zwei Todesurteilen vor einem Militärgericht der dritten amerikanischen Armee seinen Abschluß gefunden. Der 40-jährige frühere Leiter der Gendarmeriestation von Groß-Gerau, Nikolaus Fachlinger, und der 24j-ährige Heinrich Flavaus aus Groß-Gerau wurden des Mordes an zwei amerikanischen Fliegern für schuldig befunden und zum Tode durch den Strang verurteilt.

Das Verfahren ergab, daß die beiden amerikanischen Flieger am 29. August 1944 in der Nähe von Frankfurt am Main abgesprungen waren und nach Groß-Gerau gebracht wurden. Wie aus Zeugenaussagen hervorging, wurden die Flieger, als sie im Kraftwagen in Groß-Gerau eingeliefert wurden, von einer erregten Menschenmenge mißhandelt. (Der Vorfall ereignete sich gerade während des Begräbnisses von Todesopfern eines kurz vorher erfolgten Luftangriffes).

„Schlagt die Hunde tot!“

Der als Zeuge vernommene Polizist Steinau sagte aus, daß Fachlinger, als er von der Ankunft der amerikanischen Flieger verständigt wurde, sofort fragte: „Warum hat man sie nicht totgeschlagen?“ Weitere Zeugen sagten aus, daß die Flieger dann von Flavaus auf Befehl Fachlingers mit Eisenstangen totgeschlagen wurden. Der Angeklagte Flavaus hatte während der Voruntersuchung in einem schriftlichen Geständnis mitgeteilt, daß Fachlinger ihm den Befehl gegeben hat: „Schlag die Hunde tot, Goebbels wird dich decken!“ Nach der Mordtat erklärte Fachlinger, wenn jemand den Vorfall anzeigen sollte, werde er ihn verhaften lassen.

Der Verteidiger des Angeklagten erklärte, Flavaus habe nur die Befehle Fachlingers ausgeführt. Die Urteile werden General Patton, dem Oberbefehlshaber der dritten amerikanischen Armee, zur Bestätigung vorgelegt werden.

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