Der Architekt Bernhard Franken.
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Der Architekt Bernhard Franken.

Paradiesplatz

Leben im Kneipenviertel

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Der Architekt Bernhard Franken beschäftigt sich schon länger mit dem Projekt Alt-Sachsenhausen. Das Frankfurter Viertel hat viel Potenzial. Im Interview spricht er über alte Probleme und neue Ideen.

Herr Franken, wie ist die Stimmung in Alt-Sachsenhausen?
Durchmischt: zum einen gibt es immer noch das Ballermann-Leben mit Koma-Saufen, Junggesellenabschieden und Meter-Trinken. Aber auf der anderen Seite kommt ein positiver Flair von der Brückenstraße hierher und neue Projekte sind entstanden.

Was gibt es denn Neues?
Ein neuer Skaterladen, Bonkster, hat eröffnet, die Bembel-Agentur, eine Werbeagentur mit Lokalkolorit, bleibt im Viertel. Ebenso gibt es den Kleinen Mann mit dem Blitz, ein Atelierhaus für Fotografie und Kunst, Galerie und Pop-up-Restaurant. Die bringen alle neues Publikum ins Viertel. Aber im Augenblick bleibt ungewiss, wo die Reise hingeht. Ich würde mich freuen, wenn das Ballermann-Image weg wäre.

Sollten alle Kneipen verschwinden?
Natürlich sollen die alteingesessenen Apfelweinkneipen bleiben und Tradition und Gegenwart verbinden. Das Lorsbacher Thal zum Beispiel hat eine gute Entwicklung hingelegt. Frank Winkler hat mit wenigen Handgriffen das Lokal aufgewertet. Er bietet 120 verschiedene Apfelweinsorten an. Ein kleiner Twist mit Blick in die Zukunft. Die Besitzerinnen der vormals Alten Liebe haben ihr Lokal an zwei Japanerinnen mit einem Reiswein-Sake-Konzept verpachtet. Zudem soll das ganze Objekt umgebaut werden und kleine Apartments entstehen.

Wohnungen, neue Bars, Kunst, ist es das, was Sie sich für das Viertel wünschen?
Es wäre toll, wenn nachhaltige Nutzungen einzögen. Vor allem eine Belebung am Tag, etwa mit Cafés. Ich fände es gut, wenn das Quartier zum Wohn-, Arbeits- und Ausgehviertel würde. Neulich habe ich mit einem Freund gesprochen, ein Professor an der HfG in Offenbach, der hat sich mittendrin ein Haus gekauft. Noch vermietet er es, aber wenn sich das Viertel ein wenig dreht, würde er sofort dort hinziehen.

Sie sind selbst mit zwei Projekten in Alt-Sachsenhausen aktiv. Neben dem Kleinen Mann mit dem Blitz eröffnet das Long-term-Stay-Konzept Lindenberg im Spätherbst, warum hier?
Alt-Sachsenhausen hat viel Potenzial, es wird unterschätzt. Gentrifizierung ist allgemein negativ besetzt – hier würde ein wenig davon guttun, anderes Klientel in der gastronomischen Nutzung und eine andere Denke. Viele Wohnungen über den Lokalen stehen leer. Es gab mal eine Initiative der Stadt, eine Prämie an die Eigentümer zu verteilen, die das Lokal aufgeben und stattdessen Wohnnutzung anbieten. Das sollte wiederbelebt werden.

Muss die Stadt mehr tun?
Die Stadt hat mit ihren eigenen Liegenschaften den Schlüssel dazu in der Hand. Durch neue Nutzungen könnte der Tagesbetrieb gestärkt werden und es käme automatisch eine andere Klientel ins Viertel. Aber auch andere Player könnten die Zukunft gestalten. Gewisse Investoren mit vielen Immobilien verweigern sich. Das ist sehr schade.

Etwas plant die Stadt nun: Einen neuen Anlauf für den Paradieshof – eine gute Idee?
Ich würde ein neues Konzept begrüßen. Einen Nutzungswettbewerb finde ich sinnvoll, so können Ideen auf den Tisch kommen. Eine Anschubfinanzierung oder Mietfreiheit für eine gewisse Zeit wäre sicher gut. Aber ich stelle mir für das Gebäude nicht wieder ein gastronomisches Konzept vor, auch keine Kulturnutzung. Viel eher einen Co-Working-Space für die Kreativwirtschaft mit kleiner Gastronomie oder einem Ausstellungsraum.

Manch einer möchte, dass Alt-Sachsenhausen zu einem Touristenmagnet wird, Sie auch?
Auf keinen Fall. Es soll keine gefakte Altstadt wie am Römer werden, durch die Busladungen von Touristen geschleust werden, sondern ein Wohnviertel für Frankfurter. Mit seiner Citynähe und in seiner Kleinteiligkeit birgt es sehr viel Lebensqualität.

Immer noch beklagen viele den Lärm am Wochenende, Müll, Scherben und Urin, wer kann da helfen?
Der wesentliche Punkt ist die Sperrstunde. Ohne Sperrstunde verbessert sich hier nichts. Um 1 Uhr sollte Schluss sein, dann ziehen die Leute auch nicht mehr nachts durch die Straßen. Die Sperrstunde wäre eine einfache Maßnahme, mit der man sehr viel erreichen könnte.

Genügt das, um eine Veränderung im Viertel zu erreichen?
Hilfreich wäre, einen Runden Tisch einzuberufen. An diesem könnten verschiedene Ämter, wie Stadtplanung, Straßenverkehrsamt, Bauaufsicht, mit einzelnen Bauherren zusammenkommen. So könnten sie gemeinsam etwas erreichen, anstatt sich gegenseitig zu blockieren.

Interview: Judith Köneke

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