Die Gegner der von Anhängern des Islamkritikers Zahid Khan organisierten Kundgebung waren deutlich in der Überzahl. 
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Die Gegner der von Anhängern des Islamkritikers Zahid Khan organisierten Kundgebung waren deutlich in der Überzahl.  

Kundgebungen

Laut, aber friedlich gegen Verschwörungsmythen in Frankfurt

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Etwa 600 Gegendemonstrierende lassen Zahid Khan und die AfD kaum zu Wort kommen. Junge Antifaschisten stellen die überwältigende Mehrheit auf den großen Frankfurter Innenstadtplätzen.

Für den selbst ernannten Propheten Zahid Khan gehört der Islam nicht zu Deutschland und den deutlich dienstälteren Propheten Mohammed nennt er einen Verbrecher. Auf dem Frankfurter Roßmarkt will er am Samstag im Kreise gleichgesinnter AfD-Politiker aber über ganz andere Themen reden. Welche, das bleibt angesichts vehementer Widerrede weitgehend schleierhaft.

Am nahen Rathenauplatz singt ein Paar um 13 Uhr „Hallelujah“ und informiert: „Jesus is coming!“. Ehe dieser weitere Prophet da ist, zieht das Grüppchen jedoch ab und überlässt anderen das Feld: Die Initiative „Aufklärung statt Verschwörungsideologien“ hat gerufen und viele kommen. Antifa und DKP zeigen am deutlichsten Flagge. Dieter Bahndorf von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes begrüßt die Teilnehmer, und fünf Minuten später ist der Platz – leer.

Alle Menschen sind hinübergezogen zum Roßmarkt, der weiträumig abgesperrt ist. Auf dem Boden innerhalb der Sperrgitter sind Kreuze aufgemalt: Positionsmarken mit Corona-Abstand für die Zuhörer der geplanten Kundgebung. Außer Zahid Khan sind drei AfD-Politikerinnen und Politiker angekündigt, die sich, so heißt es, dagegen wehren wollten, dass jemand in Deutschland wegen Corona seiner Freiheitsrechte beraubt werde. Um 13.45 Uhr entsteigen einige Personen ihren dunklen Limousinen. Zum geplanten Veranstaltungsbeginn um 14 Uhr stehen sie etwa zehn, später laut Polizei rund 30 Personen gegenüber, die ihnen zuhören wollen – und etwa 600, die das lautstark verhindern werden; da muss man kein Prophet sein.

Keine Bühne für  völkisch-nationalistische Redner

„Wir wollen und werden nicht zulassen, dass in Frankfurt völkisch-nationalistischen Redner*innen eine Bühne geboten wird und menschenverachtende Ideologien verbreitet werden“, hatte Johannes Lauterwald von der Grünen Jugend Frankfurt angekündigt und gemeinsam mit den Jusos und der Linksjugend Solid zur Beteiligung an den zahlreichen Gegenprotesten aufgerufen. Rachid Khenissi von den Jusos äußerte sich im Vorfeld erleichtert, dass der Kampf gegen Rassismus wieder auf der Tagesordnung stehe: „Das lassen wir uns nicht nehmen“, auch wenn die AfD gleichzeitig zur „Black-Lives-Matter“-Kundgebung auf dem Römer auftrete, was Khenissi perfide nannte. Die Linksjugend betonte: „Krude Verschwörungstheorien sind an solchen Versammlungen nicht das eigentlich Schlimme, es ist das Paktieren mit Nazis und Faschist*innen, die nun durch die Krise ihre Chance gekommen sehen, ihre Umsturzfantasien zu realisieren.“

Unter den Gegendemonstranten auf dem Roßmarkt ist die Seebrücke Frankfurt mit ihrem Transparent „Grenzenlose Solidarität statt Nazis und Aluhüten“, und es sind viele da, die zwischen dieser Versammlung und der antirassistischen Demo auf dem Römerberg pendeln.

Um 14.15 Uhr hat sich an den Stärkenverhältnissen nichts geändert, eher strömen noch mehr junge Menschen der Bewegung „Youth against Racism“ hinzu. „Pünktlichkeit ist eine Zier, nur nicht, wenn ich mich verschwör“, thematisiert einer, dass die Veranstaltung immer noch nicht begonnen hat.

Polizei erinnert  an Mund-Nasen-Bedeckung

Die Polizei erinnert mit einer Durchsage an Abstand und Mund-Nasen-Bedeckung. Hundertfacher Applaus. Als schließlich Khans Tochter Mary (ebenfalls AfD) das Mikrofon ergreift und kritisiert, seit Monaten stehe die deutsche Wirtschaft wegen Corona-Beschränkungen still, erhebt sich der Protest. Ein Auszug der vielhundertstimmigen Beiträge: „Alerta, alerta, antifascista“; „Ganz Frankfurt hasst die AfD“; „Nazis raus“.

Zahid Khan redet anschließend englisch, die Tochter übersetzt, aber Sprechchöre und einsetzender wütender Sturzregen lassen nur Wortfetzen durch: „Impfungen … Bill Gates … Chips einpflanzen … Menschheit auslöschen …“

Die Polizei unterbricht, um zu erklären, dass jeder das Recht auf freie Meinungsäußerung habe (allgemeine Antwort: „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!“), möchte aber vor allem mitteilen: „Unsere Zäune können nichts dafür! Lasst bitte die Gitter stehen.“ Inhaltlich werden die Anliegen der Redner auch im weiteren Verlauf nicht deutlicher. Am Ende kesseln einige Gegendemonstranten den AfD-Flügel-Mann Thomas Seitz kurzzeitig ein, wodurch es zum Gerangel kommt. Ansonsten bleibt es laut, aber gewaltfrei. Die Polizei twittert am Abend: „Wir blicken heute auf viele Versammlungen in #Frankfurt zurück und bedanken uns für den absolut friedlichen Verlauf!“

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