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Die USA haben sich unter Präsident Donald Trump verändert - oder?
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Die USA haben sich unter Präsident Donald Trump verändert - oder?

Mein Amerika

Der Lauf ist noch nicht beendet

  • VonUwe Paulsen
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Über die Jahre hat sich ein ganz persönliches Verhältnis zu Amerika entwickelt - kritisch, aber aufgeschlossen. Dann kommt Donald Trump. Und nun? Ein Gastbeitrag.

Am 8. November 2016 erhielt ich gegen Mittag per Mail zwei Fotos aus den USA. Das erste zeigte einen Stimmzettel (alle Kandidaten der Demokraten hatten die Stimmen bekommen). Auf dem zweiten Bild sah man Schlangen vor den Wahllokalen. Eigentlich schien alles gelaufen: eine Wahl für Hilary Clinton und ein Plebiszit gegen Donald Trump. Ähnlich war die Stimmung am Wahlabend des amerikanischen Konsulats im Gibson in der Frankfurter Innenstadt. Die Gäste wählten, Clinton lag bei über 90 Prozent. Aber es kam bekanntlich anders.

Das erste Mal reiste ich 1986 in die USA. Wir hatten die Freunde aus Philadelphia 1973 kennengelernt. Sie waren auf einer Reise durch Europa, ich selbst auf der Abschlussfahrt meiner Abiturklasse. Wir trafen uns zufällig in Rothenburg ob der Tauber (wo sonst, sagten wir uns, trifft man Amerikaner). Das erste touristische Highlight, zu dem uns die Freunde beim Gegenbesuch führten, war eine riesige Shopping Mall (wohin sonst, dachten wir, führen Amerikaner deutsche Touristen). Wir pflegten unsere Vorurteile und durchquerten das Land in Richtung San Francisco. Mittlerweile gab es zahlreiche Reisen an die amerikanische Ostküste: New York, Philadelphia, Washington, Boston und vieles mehr.

Ich zähle mich zu den verspäteten 68ern, die ein zwiespältiges Verhältnis zu Amerika hatten. Wir demonstrierten gegen den Vietnamkrieg und die Nachrüstung, gegen Pinochet in Chile und die Contras in Nicaragua, überall sahen wir die Amerikaner auf der Seite des Bösen. Natürlich hatten wir auch unsere Helden, allen voran Bob Dylan und Frank Zappa, waren begeistert von Musikern wie John Coltrane und Sarah Vaughn, Schauspielern wie Jodie Foster und Denzel Washington, Schriftstellern wie Toni Morrison, Richard Ford und John Updike. Aber ich bin nicht sicher, ob wir diesen von uns bewunderten Teil Amerikas Teil als das sahen, was er zweifelsohne war: eben auch ein Teil der USA, tief verwurzelt in den Werten der Unabhängigkeitserklärung und der amerikanischen Verfassung.

Nicht immer war uns als Jugendlichen präsent, dass letztlich die Amerikaner Deutschland befreit hatten. Wir sahen sie eher als diejenigen, die nach 1945 rücksichtslos ihre Weltordnung durchsetzen wollten. Aber spätestens das Vorgehen der USA im Golfkrieg 1991 ließ auch mich umdenken, auf Zweifel folgte Bewunderung für eine klug geschmiedete Allianz gegen Saddam Hussein zur Befreiung Kuwaits. Auf der Friedberger Landstraße hingen gleichwohl beschriftete Bettlaken aus den Fenstern befreundeter Wohngemeinschaften: „Kein Krieg für Öl“. Es war auch damals nicht leicht, gegen überzeugte Antiamerikaner zu argumentieren – sie hatten immer vermeintlich wasserdichte Theorien. Dass es noch um viel mehr als die Befreiung Kuwaits ging, erfuhr ich nachdrücklich im Herbst 1991 in Israel. Der Schriftsteller Yoram Kaniuk schilderte uns die Gefühle der Israelis, als sie bei den Angriffen Saddam Husseins Masken zum Schutz gegen Giftgas tragen mussten. Einige Jahre später beeindruckte mich das Buch eines amerikanischen Neokonservativen. Robert Kagan formulierte – angesichts der Kontroverse zwischen Europa und den USA über den Irakkrieg 2003 – eine einfache Wahrheit: Die „kantische Ordnung Europas“ habe nach 1945 nur funktionieren können unter dem Schutz der USA, die nach den „Regeln der alten Hobbesschen Ordnung“ agierten. Als Wehrdienstverweigerer des Jahres 1972 konnte ich die Vorzüge dieser Arbeitsteilung genießen.

2015 unterzeichneten Frankfurt und Philadelphia den Vertrag über die Städtepartnerschaft. Ich war begeistert. Nachdem Philadelphias Bürgermeister Nutter vor der Stadtverordnetenversammlung gesprochen hatte, gab es langen Beifall. Beim Gegenbesuch in Philadelphia traf ich die amerikanischen Freunde jetzt auch auf offiziellen Terminen und Empfängen. Es gab wirklich etwas zu feiern. Nach Unterzeichnung der Urkunden in der City Hall von Philadelphia spielte eine bayerische Trachtengruppe (na ja, wer sonst).

Vor einigen Monaten fand vor dem Römer eine Demonstration gegen Donald Trump statt. Das Motto lautete: This is not America. Das war mehr Wunsch als Wirklichkeit. Denn natürlich sind Trump und seine Wähler auch Amerika. Bernhard Levy hat in der New York Times auf die Frage, welches Buch seiner Meinung nach die politische Situation in den USA am besten erkläre, Philip Roths „The Plot Against America“ genannt. Das ist natürlich eine viel zu pessimistische Analogie, aber der Roman – ein mit Deutschland sympathisierender Kandidat gewinnt 1940 die Präsidentschaftswahlen gegen Roosevelt – zeigt eine zerrissene Gesellschaft als Folge der Wahl. Das ist auch heute in den USA zu spüren. Das Amerikabild vieler Vertreter meiner Generation hatte mit der gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit wenig zu tun, es lag zwischen Heiligsprechung und Verdammnis. Aber es überwog, was der Historiker Dan Diner mit Blick auf die 70er und 80er Jahre über Antiamerikanismus konstatiert hat: Amerika galt als „Weltfeind Nr. 1“. Schlimm wäre es, wenn die Politik Trumps in der jungen Generation erneut ein verzerrtes Bild der USA produzierte. Obama hat am Ende seiner Amtszeit sinngemäß gesagt, er sei nur ein Läufer in einem historischen „Staffellauf“ gewesen und gebe den Stab weiter, um für die fundamentalen amerikanischen Werte zu kämpfen. Nun scheint die Übergabe nicht geklappt zu haben, aber der Lauf ist noch nicht beendet.

Die nächste Reise an die Ostküste steht in diesem Jahr an. Ich muss gestehen, dass wir nach dem Wahlsieg Trumps gezögert hatten. Soll man trotzdem fahren? Selbstverständlich. Aber anders als 1986, als wir fasziniert den Wasserfall im Atrium des Trump Tower bewunderten, werden wir um das Domizil des Präsidenten einen weiten Bogen machen. Oder sollte man einen Blick wagen, schon allein, um auch hier Zeitzeuge zu sein? Schwierige Frage, nicht nur wegen der Sicherheitsvorkehrungen.

Uwe Paulsen ist Stadtverordneter der Grünen im Römer.

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