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Langsam, aber lecker - für alle in Frankfurt

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Von: Thomas Stillbauer

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Gesund und nachhaltig am „Schneckentisch“: Slow Food Frankfurt.
Gesund und nachhaltig am „Schneckentisch“: Slow Food Frankfurt. © Patrick Thiede

Slow Food Frankfurt kämpft und genießt seit 25 Jahren für gesunde und nachhaltige Ernährung - und zurzeit auch für die „Kuh des kleinen Mannes“.

Als alles immer schneller und hastiger wurde, fassten einige Menschen einen Entschluss: Das Essen, wenigstens das Essen, sollte schön langsam, gut, genussvoll sein. Die Idee für die Bewegung Slow Food – deutsch: langsames Essen – war geboren. Zunächst in Italien, dann auch in Deutschland, Gründung in Königstein im Taunus 1992. Doch bis eine Frankfurter Gruppe sich zusammenfand, dauerte es noch weitere fünf Jahre. Zum Ende des Jahres 2022 nun feierte Slow Food Frankfurt sein 25-jähriges Bestehen.

„Das Ziel lautet: gutes, sauberes und faires Essen – für alle“, sagt Andrea Wysemborski, die Leiterin der Frankfurter Gruppe. Eigentlich heißen die Ortsvereinigungen „Convivien“, aber weil der Begriff mehr Fragen aufwirft als erklärt, soll er bald Geschichte sein. Knapp 500 Leute gehören der hiesigen Gruppe an. Ihr Anliegen hat sich im Lauf des Vierteljahrhunderts durchaus gewandelt.

Anfangs sei der Ansatz sehr genussorientiert gewesen, blickt die Leiterin zurück, es sei hauptsächlich um den Versuch gegangen, alte Esskultur zu bewahren. „Jetzt stehen Rezepte und gute Küche nicht mehr gar so sehr im Mittelpunkt – wir legen inzwischen großen Wert auf Nachhaltigkeit und Naturschutz, der politische Part unserer Arbeit ist viel stärker geworden.“ Eben mit Betonung auf: „für alle“.

Das zeigte sich etwa bei der Gründung des Frankfurter Ernährungsrats 2017, maßgeblich mitgetragen von Slow Food Frankfurt. Der Rat setzt sich seither für gesunde und nachhaltige Lebensmittelproduktion ein, die der gesamten Bevölkerung zugutekommen soll. „Wir haben gesehen, dass man auf das politische Geschehen Einfluss nehmen muss“, sagt Andrea Wysemborski. Das äußerte sich beispielsweise am Welternährungstag im Oktober, als Slow Food fünf zentrale Forderungen aufstellte, darunter faire Preise und Arbeitsbedingungen – und Zugang zu gutem Essen in Einrichtungen zur Gemeinschaftsverpflegung, also etwa in Kantinen und Schulen.

Wenn das Gespräch auf Frankfurter Slow-Food-Besonderheiten kommt, auf die „Highlighte“, liegt eines ganz weit vorn: das Slow Mobil, der „zauberhafte Kochwagen“, seit 2010 unterwegs, damit Kinder darin ihr eigenes Süppchen kochen können. Aber nicht nur Süppchen: Mehr als 12 000 Mädchen und Jungen hätten dort inzwischen erfahren, was Lebensmittel sind und wie man etwas anderes auf den Tisch bekommt als Fast Food.

Ralph und Uschi Pflock betreiben das Mobil. „Vielleicht ist es ein Highlight, dass wir so viele Kinder stolz wie Bolle gemacht haben“, erzählen sie, „weil das Essen, was sie fabriziert haben, unglaublich gut geschmeckt hat.“ Ihre Augen leuchten, wenn Kinder beim Abtransport vom Slow Mobil den Kinderkochwagen umarmen und sagen „Tschüss Slow Mobil, und komm recht bald wieder!“ Und wenn sie daran denken, dass sie es geschafft haben, den Kauf eines neuen Kochwagens für 45 000 Euro zu stemmen, als der alte nicht mehr verkehrstüchtig zu machen war. Die Finanzierung des laufenden Betriebs ist eine stetige Herausforderung, denn die Köchinnen und Köche an Bord wollen schließlich auch bezahlt sein. Wer helfen will: unter www.slowmobil- frankfurt.de steht, wie es geht.

Für Erwachsene hält Slow Food Frankfurt unter anderem einen Genussführer bereit mit Orten, an denen man gut und gesund essen kann. Ob der Kartoffelbrei selbstgemacht ist, ob die Produkte aus der Region stammen – das zählt zum Kriterienkatalog, nach dem die Gruppe ihre Empfehlungen gibt.

Außerdem gibt es regelmäßig Veranstaltungen wie etwa in diesem Jahr die Abschluss- und Jubiläumsfeier mit einem Essen ganz im Zeichen der Ziege. Ein Thema, das Andrea Wysemborski am Herzen liegt. Da geht es darum, auch den Ziegenböcken ein würdiges Dasein zu verschaffen durch eine Vermarktung bei verantwortungsvollen Betrieben in Deutschland. „Die Ziege war lange Zeit die Kuh des kleinen Mannes“, sagt die Slow-Food-Leiterin. Ihre Rolle in der Nahrungskette gelte es wieder zu stärken – auch wenn zugleich fleischlose Ernährung an Bedeutung gewinne.

Dem Thema wird sich die Frankfurter Gruppe in nächster Zeit verstärkt widmen: Vegetarische und vegane Kost mit einem Schwerpunkt auf Hülsenfrüchten steht 2023 an – „aber Slow Food-mäßig“, denn nur allzu gern habe sich die Lebensmittelindustrie inzwischen auf fleischlose Convenience-Gerichte verlegt, industriell produziert. Das sei für nachhaltigen Genuss auch nicht der Weisheit letzter Schluss. „Der Erhalt einer guten Ernährung ist nur mit ganz vielen Allianzen zu erreichen“, sagt Andrea Wysemborski, „gemeinsam mit der Klima- und Artenschutzbewegung. Wir müssen das alles zusammen denken – nur dann schaffen wir eine gute Ernährung für alle.“

Beim regelmäßigen „Schneckentisch“ (Stammtisch auf Slow-Food-Art) sind Interessierte nach Anmeldung willkommen. Termine auf der Internetseite www.slowfood.de/netzwerk/vor-ort/frankfurt_main

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