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Landgericht Frankfurt: Plattform der Abscheulichkeit

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Von: Oliver Teutsch

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Cyberkriminalität rückt immer weiter in die Mitte der Gesellschaft.
Cyberkriminalität rückt immer weiter in den Mittelpunkt der Gesellschaft. © Nicolas Armer/dpa

Am Frankfurter Landgericht wird der Darknet-Seite „Boystown“ der Prozess gemacht. Vier Angeklagte.

Einer der Drahtzieher wurde in Paraguay festgenommen, doch verhandelt wird der Prozess um eine der weltweit größten Plattformen für Kinderpornografie in Frankfurt. „Boystown“ hieß die Plattform im Darknet, die zwischenzeitlich rund 400 000 Mitglieder weltweit gehabt haben soll. Auf der Anklagebank des Landgerichts Frankfurt sitzen vier Männer, die die kinderpornografische Plattform „Boystown“ betrieben haben sollen beziehungsweise an ihr beteiligt waren. Zwei der Angeklagten sollen zudem selbst Kinder sexuell missbraucht haben. Da einige der missbrauchten Jungen als Nebenkläger auftreten, beschloss das Gericht gleich zu Beginn des Prozesses, die Öffentlichkeit für Teile der stundenlangen Verlesung der 400 Seiten langen Anklage auszuschließen.

Die international ausgerichtete Plattform hatte laut Anklage Chatbereiche in verschiedenen Sprachen und diente dem weltweiten Austausch von Abbildungen, die überwiegend den sexuellen Missbrauch von Jungen dokumentierten. Bis zur Abschaltung durch das Bundeskriminalamt und die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt im April 2021 gab es mehr als eine Million Forenbeiträge. Unter den ausgetauschten kinderpornografischen Bild- und Videodateien waren auch Aufnahmen schwersten sexuellen Missbrauchs von Kindern, hieß es nach der Schließung der Plattform.

Den Festnahmen gingen mehrmonatige aufwendige Ermittlungen im Rahmen einer von den Deutschen initiierten Taskforce unter Koordination der EU-Polizeibehörde Europol voraus. Beteiligt waren auch Strafverfolgungsbehörden in den Niederlanden, Schweden, Australien, den USA und Kanada.

Bei den drei Hauptbeschuldigten handelt es sich um einen 41 Jahre alten Mann aus dem Kreis Paderborn, einen 49-Jährigen aus dem Landkreis Mühldorf am Inn in Bayern sowie einen 60-jährigen Norddeutschen, der seit mehreren Jahren in Südamerika lebte und im Frühjahr 2021 in Paraguay festgenommen wurde. Nach der Festnahme des 58-Jährigen kamen die Ermittlungen zur Darknet-Plattform Boystown ins Rollen.

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft den drei Angeklagten vor, die Plattform als Administratoren betrieben zu haben. In dieser Funktion sollen sie maßgeblich mit der Einrichtung der Seite, der technischen Umsetzung und Wartung der Serverstruktur wie auch der Mitgliederbetreuung auf der Plattform beschäftigt gewesen sein. Zudem erhielten die Mitglieder der Plattform von ihnen wohl auch Sicherheitshinweise, um das Entdeckungsrisiko zu minimieren.

Neben dem Forum gab es noch zwei Chatbereiche, die der Kommunikation der Mitglieder untereinander und dem Austausch kinderpornografischer Aufnahmen von Jungen und Mädchen dienten. Für diesen Zweck waren verschiedene Sprachkanäle eingerichtet.

Der vierte Angeklagte, ein 66 Jahre alter Hamburger, steht im Verdacht, als einer der frühesten und aktivsten Nutzer mehr als 3500 Beiträge gepostet zu haben. Alle Beschuldigten sind seit Mitte April 2021 in Untersuchungshaft. Die Plattform existierte nach polizeilichen Erkenntnissen seit mindestens Juni 2019.

Wie viele Menschen mit pädosexuellen Neigungen sich auf der Plattform tatsächlich tummelten, ist unklar. Denn viele der Mitglieder legten sich wohl bei jedem Besuch einen neuen Account zu, um ihre Spuren bestmöglich zu verwischen. Medienberichten zufolge soll der weit überwiegende Teil der User keine eigenen Beiträge eingestellt haben.

Sebastian Zwiebel von der Zentralstelle für Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt berichtet am Rande der Verhandlung am Mittwoch von jahrelangen, äußerst umfangreichen Ermittlungen angesichts des „sehr großen Ausmaßes“ der Taten. „Es ist einer der größten Prozesse, die wir angestrengt haben“, sagte Oberstaatsanwalt Zwiebel. Gegen weitere Beteiligte an „Boystown“ werde nach wie vor noch ermittelt. mit dpa

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