Justiz

Gutachter attestiert Schuldunfähigkeit

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Der Mann, der den Achtjährigen vor einen Zug stieß und tötete, soll unter „schweren seelischer Behinderung“ leiden.

Habte A., der vor fast genau einem Jahr eine Mutter und ihren acht Jahre alten Sohn vor einen einfahrenden ICE gestoßen und den Jungen getötet hatte, ist schuldunfähig. Zu diesem für Prozessbeobachter wenig überraschenden Ergebnis kommt jedenfalls der psychiatrische Gutachter, der das Ergebnis seiner Untersuchungen am Donnerstag dem Landgericht vorgestellte.

A. leide unter fast schon lehrbuchhafter paranoider Schizophrenie. Zudem gehe von dem 41 Jahre alten Eritreer weiterhin eine massive Gefahr für die Allgemeinheit aus, die eine dauerhafte Unterbringung im Hochsicherheitstrakt einer geschlossenen Psychiatrie unumgänglich mache. Es sei höchst wahrscheinlich, dass A. auch künftig Straftaten „bis hin zu Tötungsdelikten“ begehen werde, ohne schlüssiges Motiv, ohne Sinn und Verstand und ohne Ansehen der Person – wie es auch im Juli 2019 der Fall gewesen sei.

Dass A. den Irren bloß spielt, um einer Verurteilung als Totschläger oder gar Mörder zu entgehen, hält der Gutachter für ausgeschlossen. Alleine schon der Lebenslauf des Beschuldigten sei das Paradebeispiel eines psychisch Schwerkranken, dem sein Leben entgleitet. Bis Anfang 2018 führte A., der als Kriegsflüchtling in der Schweiz Asyl gefunden hatte, eine Art Vorzeigeleben. Er hatte sich weitergebildet, hart gearbeitet, eine hochbezahlte Arbeit bei der Züricher Verkehrsgesellschaft gefunden, geheiratet, drei Kinder bekommen. Seine damaligen Vorgesetzten beschreiben ihn als engagiert, teamfähig, höflich – kurz: als Mustermitarbeiter. Er kümmerte sich liebevoll um seine drei Kinder, sein Führungszeugnis blieb sauber, seine Frau sagt, dass es nie zu Fällen häuslicher Gewalt gekommen sei.

Auch nicht seit Anfang 2018. Da begannen die Probleme, A. glitt zunehmend in eine Scheinwelt ab, hörte Stimmen, fühlte sich verfolgt, litt unter chronischen Kopfschmerzen. Er hielt das wohl für Depressionen, und der Arzt, den er in der Schweiz aufsuchte, gab ihm einen Medikamentencocktail, vor dem es den Gutachter am Donnerstagmorgen am Landgericht immer noch graust: eine Mixtur aus Antidepressiva, Vitamin B und Kopfschmerztabletten – für die Behandlung einer Psychose unnütz bis kontraproduktiv.

Stimmen im Kopf

A. reiste kreuz und quer durch Europa, in dem vergeblichen Versuch, den Stimmen in seinem Kopf und den imaginären Verfolgern zu entkommen. Bevor er im Juli 2019 nach Frankfurt fuhr, kam es in der Schweiz zum damaligen Tiefpunkt seines Wahns: Er schloss seine Familie in der Wohnung ein und bedrohte eine Nachbarin mit dem Messer, weil er glaubte, diese hätten „Informationen über ihn an seinen Arbeitgeber weitergegeben“.

Auch der behandelnde Arzt in der Psychiatrie, in der A. gegenwärtig untergebracht ist, berichtet von „völlig bizarren Verhaltensweisen“ des Patienten. In der Regel sei dieser „nicht impulsiv, nicht aggressiv, sondern vollkommen lethargisch“. Manchmal lächele er grundlos, „das Lächeln dauert dann meist den ganzen Tag“. Er äußere keinerlei Wünsche, lediglich den, „irgendwann wieder zumindest in der Nähe seiner Familie leben zu dürfen“. Manchmal aber starre A. auch Türen an, untersuche deren Schlösser oder fange an, grund- und sinnlos zu gestikulieren. „Manchmal macht er Bewegungen, als ob er irgendjemand imaginär von sich stoße, ohne dass jemand im Raum ist.“ Wenn man ihn darauf anspreche, könne A. dieses Verhalten weder erklären noch sich daran erinnern.

Die Plädoyers am Nachmittag waren dann eher akademischer Natur. Staatsanwaltschaft und Verteidigung werten den Fall als Totschlag, die Nebenklage als Mord beziehungsweise versuchten Mord – darin, dass A. in die geschlossene Psychiatrie gehört, herrschte dann allerdings Einigkeit. Auf das traditionelle Letzte Wort verzichtete Habte A. und setzte sein Schweigen fort. Das Urteil soll am heutigen Freitag fallen.

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