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Landgericht Frankfurt: Gutachten belastet Angeklagten im NSU 2.0

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Von: Oliver Teutsch

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Sprachwissenschaftlerin führt im NSU 2.0-Prozess aus, warum die Drohschreiben von Alexander M. stammen sollen. Prozessende in Sicht.

Im Prozess um den Drohmail-Komplex NSU 2.0 hat eine Gutachterin den Angeklagten am Freitag schwer belastet. Alexander M. sei „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ der Verfasser der anonymen Drohmails, die fast zwei Jahre lang Frauen des öffentlichen Lebens terrorisierten.

Für ihr Gutachten hatte die Angestellte des Bundeskriminalamts (BKA) die Drohmails mit drei Schreiben verglichen, die garantiert vom Angeklagten stammen: private Mails und vor allem ein mehrseitiger Beschwerdebrief an eine Behörde. In den Vergleichsgruppen gebe es Auffälligkeiten in allen untersuchten Bereichen. Sie enthielten gleiche Fehler, sehr viele gleiche Adverbien und Formulierungen wie etwa „ich als Bürger“ oder „ich als Führer“. Auffällig sei auch der Wechsel des Stils innerhalb eines Schreibens, mal behördensprachlich, mal umgangssprachlich. In beiden zu vergleichenden Textgruppen werde auch von Hafterfahrungen berichtet, führte die promovierte Linguistin aus.

Die 54-Jährige gilt als absolute Expertin auf ihrem Gebiet und befasst sich bereits seit 2007 als Gutachterin mit dem Sprachvergleich von Schriftstücken, 2019 heuerte sie in dieser Funktion beim BKA an. Bei den untersuchten Schriftstücken müssten allerdings Abstriche hinsichtlich der Vergleichbarkeit gemacht werden. Auf der einen Seite stünden anonym verfasste Drohungen, auf der anderen ein Schreiben an Behörden, in dem der Absender etwas erreichen wollte. Diese unterschiedlichen Genres hätten die noch höhere Klassifizierung „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ verhindert.

Die BKA-Expertin räumte auch ein, dass ihre Untersuchung nicht darauf ausgelegt gewesen sei herauszufinden, ob tatsächlich alle der weit mehr als 100 Drohschreiben vom Angeklagten stammen.

Denn die Nebenklage geht immer noch davon aus, dass zumindest das erste Drohfax an die Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz am 2. August 2018 von einem Polizeibeamten des ersten Frankfurter Reviers verschickt wurde. Die Staatsanwaltschaft hält dagegen den Berliner Alexander M. für den einzigen Täter hinter dem „NSU 2.0“. Explizit auf dieses erste Schreiben angesprochen, gab die 54-Jährige an, es enthalte zumindest nicht die bei den meisten anderen Schreiben charakteristischen Wortdoppelungen. Allerdings sei es mit nur 36 Wörtern auch zu kurz für eine vergleichende Untersuchung. Dafür brauche es mindestens 200 Wörter, so die BKA-Expertin.

Wie schon im bisherigen Prozess trat der Angeklagte M. erneut als Anwalt in eigener Sache auf. So wies er die Zeugin auf eines ihrer früheren Gutachten hin, in dem sie zu der Einschätzung gekommen war, bei dem Verfasser der Drohmails handele es sich vermutlich um einen Westdeutschen mit gehobenem Bildungsstandard. Er selbst sei aber „in der DDR sozialisiert und habe nicht mal Abitur“, so M. Die Expertin hielt dem entgegen, der meist abschätzig gebrauchte Begriff „Ossi“ habe sie auf einen Westdeutschen schließen lassen und gehobene Bildung sei nicht nur eine Frage des Schulabschlusses.

Fast genau ein halbes Jahr nach dem Auftakt scheint der Prozess auf die Zielgerade einzubiegen. „Wir haben keine weiteren Zeugen mehr“, sagte die Vorsitzende Richterin Corinna Distler. Allerdings könnten noch eine Reihe von Beweisanträgen folgen. Dies ließ zumindest der Angeklagte durchblicken, der auch am Freitag zum Ende der Verhandlung eine mehrseitige Erklärung verlas, wonach er sich aufgrund eines anderen Gutachtens teilweise entlastet sehe. Dass die Drohschreiben auf seinem Computer gefunden worden seien, bedeute nicht, dass er sie auch geschrieben habe.

Der Prozess wird am 5. September mit der Aussage eines psychiatrischen Gutachters fortgesetzt.

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