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Wolfgang Stillger. Der Verkehr bringt ihn um den Verstand.
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Wolfgang Stillger. Der Verkehr bringt ihn um den Verstand.

Verkehr in Frankfurt

Lärm auf den Straßen verursacht Schlafstörungen und Hektik

Viele Frankfurter leiden unter Verkehrslärm – für Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen gibt es in der Stadt aber keine Mehrheit.

Von Jürgen Schultheis

Die Königsteiner Straße im Frankfurter Stadtteil Höchst zählt zu den am stärksten befahrenen Straßen der Stadt. Die A66 ist hier an die Königsteiner angebunden, im Norden liegt das Main-Taunus-Zentrum. Tausende Autos fahren tagtäglich und lärmend am Haus der Stillgers vorbei – und machen ihnen das Leben schwer. „Ich weiß nicht, wie ich das nennen soll“, sagt Wolfgang Stillger. „Meine Frau und ich leiden unter Schlafstörungen, Hektik und Unruhe.“ Wenn der 61-Jährige aus dem Wohnzimmer im zweiten Stock seines Hauses nach draußen schaut, blickt der gelernte Radio- und Fernsehtechniker auf die vierspurige Königsteiner. „Es geht einem schlichtweg auf den Nerv“, sagt Stillger nach einer kleinen Pause. „Verkehrslärm ist fast wie Terror.“ Und nachts, wenn weniger Autos unterwegs und die Strecke frei sei, drückten die Autofahrer aufs Gaspedal und beschleunigten auf 70 oder 80 km/h.

Lärm als Umweltverschmutzung mit ernsten Folgen für die Gesundheit wird nach einer aktuellen Einschätzung der Europäischen Umweltagentur (EEA) noch immer unterschätzt. Erhebungen der Agentur belegen, dass die Hälfte der Bevölkerung in Siedlungsgebieten mit mehr als 250.000 Menschen Straßenlärm von durchschnittlich mehr als 55 Dezibel (dB) ausgesetzt ist. Allein im Ballungsraum Frankfurt müssen mehr als 60.000 Menschen tagsüber Lärmpegel von mehr als 65 dB ertragen (siehe Grafik „Straßenlärm“). Die Nachtlärm-Richtlinie der Weltgesundheitsorganisation WHO nennt Belastungen von mehr als 55 dB „in wachsendem Maße gefährlich für die öffentliche Gesundheit“ – und empfiehlt, die Belastung in der Nacht in der Zukunft nicht über die Grenze von 40 dB steigen zu lassen.

Die EU hat 2002 mit der Europäischen Umgebungslärmrichtlinie auf die wachsende Gefährdung durch Lärm reagiert. Inzwischen sind Lärmaktionspläne ausgearbeitet worden, die für Südhessen vom Regierungspräsidium Darmstadt vorgelegt worden sind. Seit 15. November 2010 ist der Plan für Südhessen in Kraft. Zu den zahlreichen Empfehlungen, wie Verkehrslärm vermindert werden kann, zählt auch der Vorschlag von Frankfurts Umweltdezernentin Manuela Rottmann (Grüne), auf Hauptverkehrsstraßen in der Nacht Tempo 30 anzuordnen.

Flüsterasphalt soll helfen

Der Vorschlag ist in der Frankfurter Kommunalpolitik umstritten. Dabei belegen aktuelle Untersuchungen der FH Jena, dass Verkehrslärm massiv gesenkt werden kann, wenn das Tempo von 50 auf 30 km/h reduziert wird (siehe Beitrag rechts). Dennoch ist der Mehrheit der im Römer vertretenen Fraktionen gegen Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen in den Nacht.

„Wir haben festgelegt, dass es sinnvoller ist, wenn die Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten wird, auch in der Nacht, und die liegt bei 50 km/h“, sagt CDU-Fraktionschef Helmut Heuser. Die CDU setzt deshalb nicht auf Tempo 30, sondern verlangt mehr Geschwindigkeitskontrollen, die eine „deutliche Reduzierung der Geschwindigkeit“ zur Folge haben würden. „Und dann schauen wir weiter.“ Für SPD-Fraktionschef Klaus Oesterling ist es sinnvoll, dort über Tempo 30 nachzudenken, wo Häuser eng an der Hauptstraße stehen, etwa in der unteren Hälfte der Friedberger Landstraße, in Abschnitten des City-Rings. Aber dort, wo Hauptverkehrsstraße breit und gut ausgebaut seien, plädiert Oesterling dafür, Tempo 50 mit Geschwindigkeitskontrollen zu überwachen und Schnellfahrer zur Kasse zu bitten. Vor allem aber sollten Straßendecken in einen vernünftigen Zustand gebracht und Flüsterasphalt verwendet werden.

Versuch in Darmstadt

Grünen-Fraktionschef Olaf Cunitz lehnt den Tempo-30-Vorschlag nicht ab. „Wir sollten unvoreingenommen alle Maßnahmen daraufhin prüfen, ob sie signifikant zur Lärmreduzierung beitragen.“ Wenn Tempo 30 einen lärmmindernden Effekt habe, dann müssten die Gegner des Vorschlages begründen, warum „wir das nicht machen sollen“. Auch die Linke im Römer plädiert für Tempo 30 auf Hauptstraßen in der Nacht. „Das Thema Verkehrslärm wird immer noch unterschätzt“, sagt Linken-Verkehrspolitiker Udo Mack. Und: „Wir müssen den Menschen erläutern, warum dieses Thema wichtig ist.“

Die FDP „hält nichts davon“, bekräftigt Fraktionschefin Annette Rinn die Haltung ihrer Partei. Es sei fraglich, ob Autofahrer auf gut ausgebauten Straßen Tempo 30 einhalten würden. Wie die SPD ist die FDP für Flüsterasphalt und ebene Straßen, auf denen Kanaldeckel keine Unebenheiten und damit Lärmquellen bildeten.

Andere Städten sind da längst weiter: In den Wiesbadener Stadtteilen Schierstein und Bierstadt ist Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen ausgewiesen worden. Und in der Darmstädter Heinrichstraße soll in diesem Jahr die Auswirkung von Tempo 30 wissenschaftlich untersucht werden.

Wolfgang Stillger mag allein darauf nicht vertrauen. „Der Verkehr wird weiter zunehmen, und wir müssen uns Gedanken machen, wie wir in der Stadt damit umgehen.“ Der 61-Jährige sagt auch: „Wir müssen ran an des Deutschen liebstes Kind, ans Auto. Wir brauchen Tempo 30, wir brauchen ein Nachtfahrverbot für Lkws in der Stadt.“

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