Höchst

Längerer Aufenthalt im Penthouse

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Das Amtsgericht Höchst verhandelt beinahe einen Diebstahlsfall.

So wie es Aufgabe der Paläontologie ist, anhand dürrer Knochen fantastische Tierwesen zu rekonstruieren, so ist es Aufgabe der Fantasie, eine Geschichte, die als dürres Skelett einherkommt, Fleisch werden zu lassen. Und Fleisch hat die Geschichte, die am Donnerstag beinahe vor dem Amtsgericht Höchst verhandelt wird, mit Sicherheit.

Doch die Geschichte bleibt vorerst mager, denn die Angeklagte hat einer Urlaubsreise den Vorzug vor der Gerichtsverhandlung gegeben, und so fällt letztere aus, gegen die Frau ergeht wegen Diebstahls in Abwesenheit ein Strafbefehl von 90 Tagessätzen à zehn Euro.

Von dem Opfer des Diebstahls wissen wir so gut wie nichts. Wir wissen nur, dass es die Ehefrau eines Mannes ist, der heute so wenig im Zeugenstand erscheint wie die mutmaßliche Diebin auf der Anklagebank. Der Mann, soviel wissen wir, ist Ende 60 und steinreich. Er wohnt in einem Penthouse in der Innenstadt, einem vollverglasten Protzoleum, das weithin sichtbar ist. Wir wissen, dass der Mann verheiratet und oft auf Dienstreise ist, und manchmal ist er wohl auch ein bisschen einsam, dann surft er in seinem Penthouse durchs Netz und angelt sich mitunter auch mal eine 20-Jährige.

Wir wissen wenig über die 20-Jährige. Wir wissen, dass sie heute 21 Jahre alt ist, lieber im Urlaub ist als vor Gericht und vermutlich nicht viel verdient, denn sonst läge die Tagessatzhöhe höher als magere zehn Euro. Wir wissen, dass die 20-Jährige vor gar nicht allzu langer Zeit eine Nacht im Penthouse ihrer solventen Internetbekanntschaft verbracht hat. Wir wissen nicht, was von beiden nächtens dort getrieben wurde, wir wissen nur, dass der Endsechziger am nächsten Morgen sagte, er müsse nun leider auf Dienstreise, dass sei aber kein Grund, gleich aus der Kiste zu hüpfen. Er lasse ihr einen Schlüssel da, sie solle sich, bis sie gehe, wie zu Hause fühlen.

Zuhause für vier Tage

Wir wissen, dass sich die damals 20-Jährige vier Tage lang im Penthouse wie zu Hause fühlte. Und als sie am vierten Tage aufbrach, da nahm sie eine Erinnerung mit, und weil es sich dabei ausgerechnet um ein Prada-Handtäschen der Ehefrau des Penthouse-Besitzers handelte und diese wohl nicht mit allem, was in ihrer Abwesenheit in dem Penthouse vorgeht, rundum einverstanden ist, landete der Fall beinahe vor Gericht.

Wenn denn jemand gekommen wäre. Aber außer einer Menge Pressevertreter ist keiner da. Keine Angeklagte, kein Opfer, keine Zeugen. Dafür ist die Handtasche wieder da, erklärt die Richterin den leicht enttäuschten Journalisten, es sei also im Grunde gar nichts passiert, und es sei ihr beim besten Willen völlig unverständlich, wie ein derart bedeutungsloser und banaler Fall auf ein so großes Medieninteresse stoßen könne.

Wir wissen nicht, warum die Richterin so etwas sagt. Wir ahnen aber, dass die Juristerei deutlich näher an der Paläontologie gebaut hat als an der Fantasie.

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