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Das KZ Katzbach war in den einstigen Adlerwerken untergebracht.
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Das KZ Katzbach war in den einstigen Adlerwerken untergebracht.

KZ Katzbach

KZ Katzbach in Frankfurt: „Die Todesrate war extrem hoch“

  • Florian Leclerc
    VonFlorian Leclerc
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Andrea Rudorff vom Fritz-Bauer-Institut hat zum KZ Katzbach in Frankfurt geforscht. Die Ergebnisse erscheinen demnächst als Buch.

Die Historikerin Andrea Rudorff hat im Auftrag des Fritz-Bauer-Instituts, finanziert von der Stadt Frankfurt, die Geschichte des KZ-Außenlagers Katzbach in den Adlerwerken im Gallusviertel erforscht. Dort arbeiteten von August 1944 bis März 1945 1616 Häftlinge in der Rüstungsindustrie. 527 Gefangene kamen während der Haft ums Leben, 165 starben kurz nach dem Abtransport in Krankenlager, weitere bei Räumungstransporten und einem „Todesmarsch“ ins KZ Buchenwald. Dass die Stadt Frankfurt eine Gedenk- und Bildungsstätte in den Adlerwerken einrichten will, begrüßt die Forscherin.

Frau Rudorff, wie sah die Lebenswirklichkeit der KZ-Häftlinge aus?

Es sind von 32 Überlebenden Berichte, Interviews oder Zeugenaussagen überliefert, die Auskünfte über ihre Haftzeit in Frankfurt geben. Aus diesen Texten ergibt sich ein recht präzises Bild der Bedingungen, unter denen sie leben mussten. Ihr Alltag war geprägt von harter Arbeit, Hunger, Kälte, mangelnden sanitären Bedingungen, Krankheiten, schlechter medizinischer Versorgung und Gewalt durch die SS und Funktionshäftlinge, die als Aufseher tätig waren.

Welche Schilderung ist am detailliertesten?

Am detailliertesten ist sicherlich die Darstellung von Janusz Garlicki, der ein ganzes Buch über seine Haft geschrieben hat, das derzeit für die Veröffentlichung in deutscher Sprache vorbereitet wird.

Wie wurde das KZ-Außenlager vom Umfeld wahrgenommen?

In ersten Ermittlungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Unternehmensangehörige und Anwohner:innen befragt, was sie von den Verbrechen mitbekommen haben. Die Kontakte in der Nachbarschaft waren teilweise sehr eng. So waren zwei SS-Männer, die Lebensmittel beschafft haben, im Stadtteil bekannt. Der Frankfurter Schriftsteller Hans Frick hat seine Eindrücke von diesen Begegnungen aufgeschrieben. Spätestens als im März 1945, kurz vor Auflösung des Lagers, zwei geflohene Häftlinge auf offener Straße erschossen wurden, war das KZ Katzbach Stadtgespräch im Gallusviertel.

Nach Adam Golub und Georgij Lebedenko hat die Stadt den Golub-Lebedenko-Platz benannt. Eine Gedenktafel erinnert an sie. Löste das KZ Katzbach im Viertel und in der Stadt Empörung aus?

Das ist differenziert zu sehen. Es gab Menschen, die sich empört haben, die zu intervenieren versuchten und dabei an Grenzen stießen. Im Allgemeinen wurde das Außenlager jedoch als Teil einer Kriegsnormalität wahrgenommen. Die Menschen waren, nicht nur in Frankfurt, daran gewöhnt, dass Zwangsarbeitende ausgebeutet wurden, das gehörte zum Alltag im Deutschen Reich. So empfanden sie das KZ-Außenlager nicht als so skandalös, wie wir es in der Rückschau erwarten würden.

Zur Person

Andrea Rudorff ist 46 Jahre alt und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fritz-Bauer-Institut. Ende April erscheint ihr Buch „Katzbach – das KZ in der Stadt. Zwangsarbeit in den Adlerwerken Frankfurt am Main 1944/45“ im Wallstein-Verlag, circa 400 Seiten, 40 Euro. fle

Wie wurde die Geschichte des KZ Katzbach aufgearbeitet? Hat die Stadt sich ausreichend damit beschäftigt oder wurde das Thema totgeschwiegen?

Auch das ist komplex. In meiner Forschungsarbeit ist die Aufarbeitung nicht der zentrale Schwerpunkt, dazu wäre eine weitere Studie nötig. Fest steht: In Frankfurt, wie in anderen Städten, wurde lange nicht über das Außenlager gesprochen. In der direkten Nachkriegszeit ist es als normale Nebenerscheinung des Krieges beurteilt worden.

Wann begann die Aufarbeitung?

Erst in den 1980er Jahren hat sich eine neue Generation mit der Aufarbeitung beschäftigt. In Frankfurt ist es das Verdienst von Ernst Kaiser und Michael Knorn.

Sie haben das Buch „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“ geschrieben.

Das ist ein Standardwerk, das ehrenamtlich geschrieben wurde, und Hochachtung verdient. Der Arbeit von Kaiser/Knorn und ihrem Bemühen, einen Gedenkort zu schaffen, begegnete die Stadt aber lange mit Misstrauen.

Was ist der Fokus Ihrer eigenen Arbeit?

Ich habe neue, bisher unbekannte oder unzugängliche Quellen ausfindig gemacht und konnte dadurch zum Beispiel das Verfolgungsschicksal der einzelnen Häftlinge besser nachvollziehen: Wo kamen sie her? Was hatten sie zuvor erlebt? Was passierte mit ihnen auf dem Todesmarsch und nach der Befreiung? 140 Überlebende konnte ich identifizieren – möglicherweise waren es noch mehr. Die Todesrate war extrem hoch.

Sie haben in Ihrer Arbeit auch die Zahlen zu Verstorbenen aktualisiert.

Die Zahl der 527 in Frankfurt Verstorbenen ergibt sich in der Zusammenschau von verschiedenen Registrierungen durch Sterbemeldungen, Standesämter, Einäscherungs- und Bestattungsbücher. Die Zahl der 165 Menschen, die kurz nach dem Abtransport in Krankenlager starben, ist auch wichtig zu erwähnen, denn dass sie so erschöpft waren, hatte mit den schlimmen Verhältnissen in Frankfurt zu tun. Die meisten Häftlinge starben jedoch während der Räumung des Lagers und auf weiteren Todesmärschen, denen sie bis zu ihrer Befreiung ausgesetzt waren.

Interview: Florian Leclerc

Andrea Rudorff.

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