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Blick auf das ehemalige Gelände der Adlerwerke heute.

Frankfurt

KZ-Gedenkstätte in Frankfurt scheitert an Grundstückbesitzern

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Auf dem Adler-Gelände in Frankfurt war das KZ-Außenlager Katzbach angesiedelt. Auch 75 Jahre später gibt es noch keine Gedenkstätte.

  • Politik bemüht sich um Gedenkstätte in Frankfurt-Gallus
  • Besitzer der Immobilien in Frankfurt-Gallus scheinen sich querzustellen
  • Römer-Koalition will Wanderausstellung zum Thema Zwangsarbeit

Frankfurt - Es sind 75 Jahre vergangen, seit mitten in Frankfurt am Main der letzte, grauenvolle Weg für etwa 500 Menschen begann. Sterbende, kranke und marschunfähige Häftlinge des KZ-Außenlagers Katzbach in den Adlerwerken im Gallus wurden am 13. März 1945 in Güterwagons gepfercht, die bald darauf die Fahrt zum KZ Bergen-Belsen antraten. 

Von dort startete am 24. März 1945 ein Todesmarsch in die Konzentrationslager Buchenwald und weiter nach Dachau. Nur eine Handvoll der insgesamt 1600 Häftlinge, die das Außenlager Katzbach durchliefen, überlebte die Tortur.

Frankfurt-Gallus: Keine KZ-Gedenkstätte

75 Jahre später gibt es noch immer keine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Adler-Gelände im Gallus. Heute stehen dort Gebäude, in denen Büros der Deutschen Bahn AG und anderer Unternehmen untergebracht sind. Der ehemalige Frankfurter DGB-Sekretär Horst Koch-Panzner ist Vorsitzender eines „Fördervereins für die Errichtung einer Gedenk- und Bildungsstätte KZ Katzbach“. 

Vor 34 Jahren, so erinnert er sich im Gespräch mit der FR, begann der Kampf engagierter Bürgerinnen und Bürger für einen Ort des Gedenkens. Koch-Panzner zieht eine bittere Bilanz. Alle Anfragen seitens des Vereins und der Stadt nach Räumen für eine Gedenkstätte seien ins Leere gelaufen. „Die Deutsche Bahn als wesentlicher Besitzer antwortet überhaupt nicht“, sagt er. Die beiden anderen Eigentümer, Immobilienfirmen in Hamburg und Frankfurt, hätten mitgeteilt, es gebe keine Räume.

Eigentümer der Immobilien in Frankfurt-Gallus weichen dem Thema aus – Kulturdezernat

Auch Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) bestätigt diesen Befund. Ihre Sprecherin Jana Kremin: „Zusammen mit zivilgesellschaftlichen Initiativen vor Ort arbeitet das Kulturdezernat seit einigen Jahren daran, für diesen Teil der Frankfurter Geschichte einen angemessenen Ort zu schaffen – leider bis jetzt ohne Erfolg.“ 

Kremin weiter: „Wir haben das Gefühl, die Eigentümer der Immobilien der ehemaligen Adlerwerke würden dem Thema ausweichen wollen.“ Schriftliche Anfragen von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und der Kulturdezernentin seien ergebnislos geblieben.

KZ-Außenlager in Frankfurt-Gallus: Teil der Geschichte darf „nicht schamvoll kaschiert werden“

Auch eine Anfrage der FR bei der Deutschen Bahn AG blieb unbeantwortet. Ebenfalls keine Auskunft gab es bei der HIH Property Management GmbH in Frankfurt, die einen anderen Teil des ehemaligen Adler-Geländes verwaltet.

Gedenkveranstaltung 2018 zur Erinnerung an das KZ-Außenlager. 

Ina Hartwig will aber nicht aufgeben: „Frankfurt war ein Teil des nationalsozialistischen Arbeits- und Vernichtungslagersystems. Dieser Teil der Stadtgeschichte ist beschämend, darf aber nicht schamvoll kaschiert werden“, so die Kulturdezernentin gegenüber der FR.

KZ-Gedenkstätte in Frankfurt-Gallus: Am Geld liegt‘s nicht

Hartwig will „die Erinnerung an das Konzentrationslager dauerhaft im Gallusviertel verankern“. Die Römer-Koalition von CDU, SPD und Grünen macht dazu einen ersten, zaghaften Anfang. Im städtischen Doppelhaushalt 2020/2021 werden 30.000 Euro zur Verfügung gestellt, mit denen eine Gedenkstätte zumindest geplant werden könnte. Weitere 30.000 Euro, so Horst Koch-Panzner, erwartet der Förderverein vom Hauptvorstand der IG Metall in Frankfurt.

Schon 2018 hatte die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung 100.000 Euro für einen Forschungsauftrag zur Aufarbeitung der Geschichte des KZ-Außenlagers bewilligt. Das Fritz-Bauer-Institut beauftragte die Historikerin Andrea Rudorff mit der Studie. Am morgigen Donnerstag stellen Hartwig, Rudorff, Koch-Panzner und der polnische Generalkonsul Jakub Wawrzyniak das Ergebnis öffentlich vor, um 19 Uhr im „StadtRAUMfrankfurt“, Mainzer Landstraße 293.

Adlerwerke in Frankfurt-Gallus legten erstmalig 1992 Kranz zum Gedenken nieder

Auch der Linke Lothar Reininger will den Kampf um die Gedenkstätte nicht aufgeben. Der frühere Stadtverordnete engagierte sich schon 1986 als Betriebsratsvorsitzender der damaligen Adlerwerke für die Erinnerungsarbeit.

„Ich habe damals darauf hingewiesen, dass es das KZ-Außenlager auf dem Adler-Gelände gab, das wollte damals niemand hören.“ Mitte 1992 legten Mitarbeiter der Adlerwerke auf dem Areal zum ersten Mal einen Kranz zum Gedenken nieder.

Im KZ-Außenlager in Frankfurt-Gallus waren vor allem Zwangsarbeiter

Unter den Opfern von 1944/45 fanden sich vor allem Teilnehmer des Warschauer Aufstandes und polnische Menschen, die zur Zwangsarbeit nach Frankfurt deportiert worden waren. Anders war das allerdings beim letzten Häftlingstransport, der am 5. Februar 1945 in Frankfurt eintraf. 

Er habe sehr heterogene Häftlingsgruppen in das Lager gebracht, wie die Historikerin Andrea Rudorff ermittelte. „Die Studie des Fritz-Bauer-Institutes gibt vielen bislang anonymen Opfern ein Gesicht. Sie legt außerdem Zeugnis ab von der Verstrickung der Stadt und der Adlerwerke in die nationalsozialistischen Verbrechen“, sagte die Kulturdezernentin der FR vorab.

KZ-Außenlager in Frankfurt-Gallus: Einer der letzten Überlebenden

Am 5. Februar 2020 starb mit Andrzej Branecki einer der letzten Überlebenden des KZ-Außenlagers. Der gebürtige Warschauer wurde 90 Jahre alt. Er war kurz nach Weihnachten 1944 im Außenlager Katzbach im Gallus angekommen und nannte das Lager später „den schlimmsten Ort, an dem ich in meinem Leben gewesen bin“.

Andrzej Branecki aus Polen war einer der letzten Überlebenden. Hier vor der Gedenktafel auf dem Areal der Adlerwerke.

Branecki hatte Frankfurt später mehrfach wieder besucht, vor Schulklassen über sein Schicksal berichtet und den Kampf um eine Gedenkstätte immer wieder unterstützt.

Gedenktafel ist einzige Erinnerung an KZ-Außenlager Katzbach in Frankfurt-Gallus

So bleibt die einzige Erinnerung an das Grauen von Katzbach weiterhin eine schlichte dunkle Tafel an einer der Außenmauern der heutigen Gebäude. Man kann sie leicht übersehen.

Deshalb soll nach dem Willen der Römer-Koalition von CDU, SPD und Grünen im Rathaus nun zumindest eine Wanderausstellung entstehen, die eine zeitgemäße künstlerische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Zwangsarbeit ermöglicht.

Von Claus-Jürgen Göpfert

Vor einem Jahr haben Schüler des Goethegymnasiums im Gallustheater mit eigenen Kurzfilmen der Häftlinge im KZ-Außenlager Katzbach in Frankfurt-Gallus gedacht.

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