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Die Masken bleiben ungenutzt an den Wänden.
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Die Masken bleiben ungenutzt an den Wänden des Sadomaso-Studios in Frankfurt.

Prostitution

Kurz vor dem Kollaps: Prostitutionsverbot treibt Sexarbeiterinnen in Frankfurt in die Enge

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Die Betreiberin einer Bordellwohnung in Frankfurt befürchtet eine Welle von Pleiten. Das Prostitutionsverbot in Hessen wegen Corona gilt bis 31. Januar 2021.

Frankfurt – Rote Ledermasken, schwarze Lederpeitschen, Fesseln: ein Studio für Sadomasosex mitten in einem Wohngebiet im Osten Frankfurts in einem Keller eines Wohnhauses. Im oberen Stockwerk befinden sich neun Einzelzimmer, eine Küche und ein Bad. Die Wohnung gehört Leonie. Seit 14 Monaten betreibt sie ihr Wohnungsbordell. Davor arbeitete Leonie mehrere Jahre als Domina.

Prostitutionsverbot wegen Corona: Bordelle in Frankfurt geschlossen

Leonie heißt im echten Leben anders, doch Diskretion ist ihr wichtig. Ihren richtigen Namen soll niemand wissen. Sie betreibt seit fünf Jahren noch eine weitere Bordellwohnung im Süden der Stadt. Für ihre sogenannten Terminwohnungen stellt sie die Zimmer für Sexarbeiterinnen zur Verfügung. Die Frauen kümmern sich selbst um die Termine und Inserate. 150 Euro verlangen bei ihr die Sexarbeiterinnen pro Stunde. Das Zimmer kostet 500 Euro pro Woche. „Vor Corona war jeder Monat ausgebucht“, sagt Leonie. Doch seit neun Monaten kommen keine Gäste und keine Frauen mehr. Denn zum Schutz vor Covid-19 sind nach den aktuell gültigen Corona-Schutzverordnungen derzeit alle Bordelle und Laufhäuser geschlossen.

Es ist schon das zweite Mal in diesem Jahr, dass in Deutschland ein Prostitutionsverbot verhängt ist. Das erste galt von Mitte März an je nach Bundesland bis in den September. Nur in Hessen und Mecklenburg-Vorpommern gilt das Prostitutionsverbot seit dem ersten Lockdown. Die Landesregierung verlängerte das Öffnungsverbot bis zum 31. Januar 2021. Nun gilt zunächst bis zum 10. Januar ein harter Lockdown. Es gilt daher als sehr wahrscheinlich, dass das hessenweite Prostitutionsverbot verlängert wird. Leonie glaubt sowieso nicht daran, dass sie Ende Januar wieder öffnen kann. „Vielleicht erst im März, April, mal sehen“, schätzt sie.

Betreiberin von Bordellwohnung in Frankfurt verdient wegen Corona keinen Cent

Seit neun Monaten verdient Leonie keinen Cent mehr, die Kosten jedoch bleiben. „Ich bezahle jeden Monat für beide Wohnungen 5000 Euro Miete“, sagt sie. Hinzu kommen monatliche Einnahmeverluste im unteren fünfstelligen Bereich und die Miete ihrer Privatwohnung. Seit Mitte März sind Leonie Einnahmen im unteren sechsstelligen Bereich entgangen. Noch kann sie die finanziellen Defizite dank ihrer Familie begleichen.

Konzession

Mit Inkrafttreten des bundesweiten Prostituiertenschutzgesetzes am 1. Juli 2017 benötigen Prostitutionsstätten eine Konzession.

Diese Erlaubnispflicht gilt für Kolleg:innen, die zusammenarbeiten, also ab zwei Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Und sie gilt ebenfalls für Laufhäuser, Bordelle, Terminwohnungen, SM-Studios oder Escort-Agenturen.

In Wohnungen oder Häusern benötigen nur diejenigen Mieter:innen eine Konzession, die die Wohnung maßgeblich nutzen oder den Betrieb steuern. Die Erlaubnispflicht gilt aber ebenso für Wohn- oder Hauseigentümer:innen, wenn dort das Prostitutionsgewerbe ausgeübt wird.

Eine Konzession wird nur dann erstellt, wenn das Betriebskonzept alle Forderungen erfüllt. So darf unter anderem von außen keine Werbung oder ein Hinweis auf den Betrieb sichtbar sein. Nachbar:innen dürfen sich nicht gestört fühlen, genauso wenig darf es zu einer Gefährdung des Jugendschutzes kommen. Die Räumlichkeiten müssen mit Notrufsystemen ausgestattet sein, und sämtliche Türen müssen von innen geöffnet werden können. Prostituierte dürfen nicht in ihren Arbeitszimmern schlafen oder wohnen.

Leonies Beispiel zeigt wohl sehr drastisch, wie das Prostitutionsverbot Betreiberinnen kleiner Terminwohnungen an den Rand des Kollaps führt. Die ganz Großen in der Branche hat es schon längst erwischt. Die Großen, das sind etwa das „Pascha“ in Köln und das „Avalon“ in Berlin. Beide Häuser mussten Insolvenz anmelden. In Frankfurt sind Pleiten von Laufhäusern im Bahnhofsviertel bisher nicht bekannt.

Illegale Prostitution in Frankfurt verlagert sich: Vier Hotels im Fokus

Das Geschäft der illegalen Prostitution hat sich vor Monaten auf die Straßen, Hotels, auf Baustellen oder in Privatwohnungen verlagert. Vier Hotels seien derzeit im Fokus der Stadtpolizei, sagt Ralph Rohr vom Ordnungsamt. Doch bis auf vereinzelte Kontrollen des Ordnungsamts, die des Öfteren zuungunsten der Sexarbeiterinnen enden, ändert sich nichts. Die Landesregierung antwortete auf eine Anfrage der FDP, es lägen „zum Umfang illegaler Aktivitäten im Prostitutionsgewerbe in Hessen keine belastbaren Daten vor“. Um in etwa zu erahnen, in welchem Umfang die Sexarbeit illegal fortgesetzt wird, lohnt sich ein Blick auf die Internetplattform „ladies.de“. Dort können Prostituierte ihre Dienste anbieten. Rund 230 Inserate findet man dort allein für Frankfurt. In der Mainmetropole sind nach Angaben der Stadt 2800 Prostituierte gemeldet. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Leonie. „Es geht hier um Existenzen. Die Frauen müssen doch auch von irgendwas leben können.“

Durch ihre Arbeit in der Illegalität sind die Frauen nicht vor Gewalt oder einer Ansteckung mit dem Coronavirus geschützt. In den Prostitutionsstätten gelten strenge Hygienekonzepte. In jedem Betrieb sind Notrufsysteme eingerichtet. Das entspricht nur eines Bruchteils der Voraussetzungen für Betreiberinnen und Betreiber, um eine Konzession zu erhalten. Diese Erlaubnispflicht benötigen Prostitutionsstätten seit dem 2017 eingeführten Prostituiertenschutzgesetz. Neben den Laufhäusern im Bahnhofsviertel gibt es elf konzessionierte Prostitutionsstätten. Dazu zählen etwa Escort-Agenturen und Terminwohnungen. Nach Angaben des Ordnungsamtes sind vier Prostitutionsstätten erlaubt, vier wurden abgelehnt, und bei drei Einrichtungen läuft noch das Verfahren.

Risiko für Sexarbeiterinnen in Frankfurt bleibt

Leonie sagt, dass so mancher Betreiber einer abgelehnten konzessionierten Bordellwohnung seine Zimmer aktuell an Sexarbeiterinnen vermietet. „Wenn das Ordnungsamt mal vorbeikommen sollte, dann werden die Frauen entweder sagen, dass sie dort nur übernachten, und wenn ein Mann dabei ist, dann ist es eben ihr Lebenspartner“, sagt sie.

Rohr vom Ordnungsamt versichert, dass man solchen Hinweisen intensiv nachgehe. Dennoch, das Risiko für die Frauen bleibt. „Niemand garantiert den Frauen dort Schutz, Fürsorge oder das Einhalten von Hygienekonzepten“, bemängelt Leonie. Aber Betriebe wie ihre, die sich an Gesetze halten, weiter die Miete zahlen, die würden durch das Prostitutionsverbot „diskriminiert“, sagt Leonie. Und betont dann deutlich: „Der Diskriminierungseffekt geht ausschließlich um die Zeit, als fast alles geöffnet war. Ich habe nichts gegen die Schließungen wegen dem Lockdown.“

Angst vor Bordellschließungen in Frankfurt wegen Corona

Darüber hinaus befürchtet sie eine Reihe von Schließungen in den nächsten Monaten. „Dann wird sich alles ins Bahnhofsviertel verlagern. Doch die meisten Frauen wollen dort nicht arbeiten“, sagt sie.

Der Frust über die fast schon ausweglose Situation ist ihr während des Gesprächs anzusehen. Mal wirft sie fragend ihre Arme hoch, mal schüttelt sie mit dem Kopf. „Dieses Gewerbe ist ja etwas rebellisch, manchmal nimmt man es mit dem Gesetz nicht so genau.“ Sie habe sich immer an alle gesetzlichen Regeln gehalten. Aber wenn sie an die Kollegen denke, die einfach weitervermieten, „da stelle ich mir schon die Frage: Mensch, vielleicht solltest du doch vermieten.“ Solche Gedanken gehen ihr schon einmal durch den Kopf. Ein Stück Vertrauen in den Staat ist bei Leonie jedenfalls verloren gegangen.

Ob Leonie so weit gehen wird oder nicht, das bleibt ihr Geheimnis. Der Frust ist da, und der wird so schnell nicht verfliegen. „Ich führe keinen ausufernden Lebensstil. Es geht mir nur darum, meine privaten Kosten zu decken, damit ich nicht pleitegehe.“

Ob jemals wieder „Damen“, wie sie sagt, in ihrer Küche Kaffee trinken, im Sadomasostudio Kunden rote Ledermasken über das Gesicht stülpen oder sich in einem der Zimmer mit den Sexarbeiterinnen vergnügen – die Hoffnung schwindet. Doch Leonie will noch an ein gutes Ende glauben. (Stefan Simon)

Derweil will die Römer-Koalition aus CDU, SPD und Grünen in Frankfurt Prostituierte während der Corona-Pandemie mit staatlichen Mitteln unterstützen.

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