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Die Kunst der Verfremdung

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Von: Florian Leclerc

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Viviane Komati greift in der virtuellen Welt nach einem Blatt Papier.
Viviane Komati greift in der virtuellen Welt nach einem Blatt Papier. © peter-juelich.com (peter-juelich.com)

Die Architektur-Klasse der Städelschule überträgt ein Werk von Marcel Duchamp in die virtuelle Realität.

Die Städelschülerin Viviane Komati zieht eine „Virtual Reality“-Brille (VR) auf. Dann blickt sie in eine Welt, die sie selbst mit geschaffen hat. „Junggesellen“ stehen in einem dreidimensionalen, weißen Raum. Darüber die „Braut“. Die Junggesellen schießen auf die Braut.

Es ist das Kunstwerk „Großes Glas“ von Marcel Duchamp. Eigentlich ist der Titel sperriger. „Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet, sogar (oder: Großes Glas)“. Es entstand in den Jahren 1915 bis 1923 und ist eines der großen Kunstwerke des frühen 20. Jahrhunderts.

Die Städelschüler der Architekturklasse von Professor Johan Bettum haben es digital nachgebildet. Sie sind ins Moderna Museet, das Museum für Moderne Kunst in Stockholm, gereist und haben das fast drei Meter große Objekt gescannt.

In der Städelschule nimmt Viviane Komati eine Fernbedienung und schießt: Rote Blitze feuern in der virtuellen Welt. Die Strahlen kleben an einem Zettel fest. Sie zieht ihn heran. Das beschriebene Blatt stammt aus der „Grünen Schachtel“, die zu Duchamps Kunstwerk gehört. Viviane Komati liest vor und dringt tief in den Kosmos von Duchamps ästhetischen Begriffen hinein.

Besucher des Städelschul-Rundgangs können das selbst ausprobieren, vom 1. bis 5. Juni. Die Architektur-Klasse der Professoren Johan Bettum und Daniel Birnbaum und des wissenschaftlichen Mitarbeiters Damjan Jovanovic stellen fünf Tage lang die virtuelle Gruppenarbeit aus (in der Dürerstraße 10, Raum I 9). Auch in den anderen Ateliers der Kunsthochschule in Sachsenhausen sowie in der Daimlerstraße im Ostend geben die Städelschüler einen Einblick in ihre Arbeiten.

Oft sind es Projekte im Entstehen, wie das VR-Kunstwerk. „Die ‚Junggesellen‘ sollen sich bewegen und durch den Raum hüpfen“, sagt Damjan Jovanovic. Er programmiert das virtuelle Geschehen. „Die VR-Technik wird für Architekten immer wichtiger“, sagt Professor Johan Bettum. Einige Büros setzten sie schon heute ein, um Auftraggeber durch virtuelle Gebäude zu führen.

Neben den technischen Fertigkeiten, die die Studierenden in dem zweijährigen Master-Studiengang in Architektur lernen, gehe es in den Städelschule vor allem um die künstlerische Herangehensweise „Wir versuchen, kreativ auf die Herausforderung des Entwurfs zu reagieren“, sagt Johan Bettum. Die Job-Aussichten für die mittlerweile rund 60 Studierenden der Architektur-Klassen seien gut. „Viele Architekten erweitern ihr Portfolio um einen kreativen Ansatz“, sagt er. Allerdings täten das noch längst nicht alle Büros. „Ganz experimentelle Gebäude sind selten.“

Ein experimenteller Bau ist das Kunsthaus Graz, ein dunkles, biomorphes Gebäude mit hervorstechenden Dachluken, 2003 errichtet nach Plänen von Sir Peter Cook und Colin Fournier. Sir Peter Cook hat früher an der Städelschule unterrichtet. Um seine Arbeit zu würdigen, hat ihn die Hochschule eingeladen, die „Dean’s Honorary Lecture“ zu halten. Die Lesung ist einer der Programmpunkte zur Feier des 200-jährigen Bestehens.

1815 hatte Johann Friedrich Städel seine Kunstsammlung und sein Vermögen einer Stiftung vermacht. Aus ihr ging das Städel-Museum hervor, das 2015 Jubiläum feierte. Im Testament hatte der Kaufmann und Bankier festlegt, dass die Stiftung das Erlernen von „Künsten und Bauprofessionen“ ermöglichen solle. Das Städelsche Kunstinstitut nahm 1817 seine Arbeit auf.

Renommierte Professoren wie Wolfgang Tilmans, Kasper König, Daniel Birnbaum prägten in den vergangenen Jahren die Lehre. Heute unterrichten namhafte Vertreter der internationalen Kunstszene wie Peter Fischli, Tobias Rehberger und Willem de Rooij oder die Kritikerin Isabelle Graw.

Bis zu 500 Interessierte bewerben sich auf einen Studienplatz. Die Hochschule hat ausgezeichnete Künstler und Architekten hervorgebracht. Jüngst erhielt die Städelschul-Absolventin Anne Imhof aus Frankfurt den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig für die Gestaltung des deutschen Pavillons.

Beim Festakt zur 200-Jahr-Feier im Römer im Mai hat der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) den Geist der Hochschule so zusammengefasst: „Talentierte junge Menschen, unabhängig von Geschlecht, sozialer Herkunft oder Religion, werden in ihrer künstlerischen Entwicklung bestmöglich gefördert.“

Die Finanzierung der staatliche Hochschule unter der Leitung von Rektor Philippe Pirotte übernimmt ab 2019 das Land. Der Etat liegt bei vier Millionen Euro. Bislang war die Stadt Frankfurt in der Verantwortung. Das Land beteiligte sich ab 2016 an den Kosten. Die Stadt finanziert auch weiterhin die Pensionen der Professoren sowie die Ausstellungshalle Portikus.

Von den rund 200 Städelschülern kommen rund zwei Drittel aus dem Ausland. Unterrichtssprache ist Englisch.

Die Städelschülerin Viviane Komati stammt aus dem Libanon, hat ihren Abschluss als Architektin in Beirut gemacht. Auf Englisch erklärt sie das Videoprojekt, das sie neben der Gruppenarbeit am „Großen Glass“ derzeit beschäftigt.

Wie im Film „Inception“ mit Leonardo DiCaprio biegen sich die Hochhäuser der Frankfurter Skyline, der Main fließt gleichzeitig im Flussbett und am Himmel. Viviane Komati nutzt die Software „Deepdream“ von Google, die einen Effekt der Verfremdung verursacht. Das macht den virtuellen Stadtrundgang zu einem psychedelischen Trip.

Verstörend wirkt das Video, das Städelschülerin Yara Feghali entwickelt hat. Ein „Maschinenauge“ hat sich im Kopf eines Menschen festgesetzt. Es denkt, spricht, fühlt, blickt. Die Maschinen-Augen-Bilder, die über den Bildschirm huschen, hat sie per Software verändert. Yara Feghali hat wie ihre Kommilitonin in Beirut Architektur studiert. Sie nutzt ebenfalls das ästhetische Konzept der Verfremdung.

Beim Rundgang Anfang Juni sind diese beiden Arbeiten allerdings noch nicht zu sehen. Die Absolventen der Architektur-Klasse präsentieren ihre Abschlussarbeiten Mitte Juli in der Städelschule.

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