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Tirmiziou Diallo im alten Studierendenhaus.

Frankfurt

Kunst der Revolte

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Ein neues Buch erinnert an Rolle des Frankfurter Studierendenhauses in der 68er Zeit. Der heutige 80-jährige Zeitzeuge Tirmiziou Diallo berichtet.

Die Erinnerungen werden wieder wach an die Zeit vor 50 Jahren. Tirmiziou Diallo geht durch den ersten Stock des alten Studierendenhauses auf dem Universitätscampus in Bockenheim. An den Wänden hängen noch Plakate und andere Stücke aus der Ausstellung „Kunst der Revolte//Revolte der Kunst“, die von März bis Mai 2018 hier zu sehen war. Diese Schau zeigte: Die Revolte von 1968 und der Jahre danach bedeutete auch einen künstlerischen Aufbruch. Und das Studierendenhaus in Frankfurt war ein wichtiger Schauplatz. Der 80-jährige Diallo, emeritierter Professor der Soziologie und Ethnologie, studierte damals als junger Mann aus Guinea an der Frankfurter Goethe-Universität. „Es gibt keine Minute, die ich missen möchte“, sagt der Wissenschaftler schlicht.

Diallo ist ein wichtiger Zeitzeuge, als jetzt im Studierendenhaus das Buch vorgestellt wird, das auf der Ausstellung fußt. Die Kuratorinnen Michaela Filla-Raquin und Andrea Caroline Keppler machen in dem Band „Kunst der Revolte – Revolte der Kunst“ auch deutlich, welche Hoffnungen in den 50er Jahren mit dem Gebäude auf dem Campus verbunden waren. Universitätsrektor Max Horkheimer, einer der Väter der Kritischen Theorie, hoffte bei seiner Rede am 21. Februar 1953 zur Eröffnung auf eine akademische Jugend, „die den Geist der realen und tätigen Demokratie praktiziert“. Es brauche praktizierte Solidarität, unabhängiges Denken und das „Bedürfnis nach Freiheit“. Genau darauf beriefen sich 15 Jahre später die Studierenden, als sie in Frankfurt den Aufstand probten. Und das Studierendenhaus wurde zum Brennpunkt. Die studentische Theatergruppe Neue Bühne, geleitet von Karlheinz Braun, dem späteren Mitgründer des Verlags der Autoren, spielte dort.

Die Studentenzeitung „Diskus entstand in den Räumen. Hans-Peter Riese, Kulturredakteur des „Diskus“, organisierte unter anderem eine Ausstellung tschechischer zeitgenössischer Kunst. Die Gruppe Filmstudio zeigte im großen Saal des Hauses kritische Filme etwa zum Vietnamkrieg. Die Aktionskünstler Bazon Brock und Wolf Vostell organisierten Happenings. Das sind nur Beispiele aus dem Buch.

In einem Saal im zweiten Stockwerk des Studierendenhauses sind Veteranen der 68er-Zeit, aber auch junge Künstlerinnen und Künstler von heute gekommen. Sie hören Tirmiziou Diallo zu, der von seinen Aktionen 50 Jahre zuvor berichtet. 1968 hat er vor dem Studierendenhaus eine Demonstration gegen den senegalesischen Präsidenten Leopold Senghor organisiert.

Der autoritäre Herrscher wurde in der Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. „14 Tage zuvor waren bei einer Demonstration in Dakar 14 Schüler umgebracht worden“, erinnert er sich.

Afrikaner aus ganz Deutschland versammelten sich damals zum Protest vor dem Studierendenhaus. Den Friedenspreis bekam Senghor dennoch – für seine Lyrik.

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