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Kunst mit Körpereinsatz in Frankfurt

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Von: Anja Laud

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Ein Stein auf dem anderen: die Videoarbeit des bolivianischen Künstlers Maximiliano Siñani.
Ein Stein auf dem anderen: die Videoarbeit des bolivianischen Künstlers Maximiliano Siñani. © Monika Müller

Absolventinnen und Absolventen der Frankfurter Städelschule zeigen ihre Arbeiten

Steine hat der bolivianische Künstler Maximiliano Siñani in Anlehnung an die Bauweise der Inka zu einer ringförmigen Struktur mit einer Höhe von drei Metern und einem Durchmesser von 3,30 Metern aufgeschichtet. 1342 Steine hat er dafür am Main gesucht und jeden einzelnen bemalt. Sein Kunstwerk ist in einer Videoarbeit auf drei Bildschirmen in der Absolventenausstellung „Medium Rare“ zu sehen. Sie zeigt auf zwei Etagen in einem Bürogebäude am Untermainkai von Samstag, 2. Juli, bis Sonntag, 17. Juli, die Arbeiten von 29 Studierenden der Städelschule. „Medium Rare“, den Titel ihrer Ausstellung, haben die Künstlerinnen und Künstler in ironischer Selbstreflexion gewählt. Sie bezeichnen sich am Ende ihrer Ausbildung als „halbgar“.

Wobei sich die 29 Absolventinnen und Absolventen mit „halbgar“ im Understatement üben. Die meisten haben Ausstellungserfahrungen. Maximiliano Siñani beispielsweise, der seit einigen Jahren mit Steinen arbeitet, stellt in diesem Jahr im bolivianischen Pavillon auf der Biennale von Venedig, einer internationalen Ausstellung zeitgenössischer Kunst, aus. Seinen Steinkreis konnte er weder in den Ausstellungsräumen noch am Main in einer Außenausstellung zeigen. „Für eine Außenausstellung haben wir von der Stadt keine Erlaubnis bekommen. Sie fürchtete, die Bewässerungssysteme könnten beschädigt werden“, sagt Alke Heykes.

Er kuratierte die Ausstellung, die das Ergebnis eines fünfjährigen Studiums in fachspezifischen Klassen ist. Sie gilt als formaler und künstlerischer Höhepunkt des Studiums an der Städelschule.

Für seine Videoarbeit fuhr Maximiliano Siñani mit einem Dolly, einem Kamerawagen, der eine ruhige Kameraführung erlaubt, um seinen Steinkreis und filmte. Die Steine werden in seinem Film von Rauch umweht. Der Künstler verbrannte in einem Ritual, wie es indigene Völker machen, Zucker und Gras. „Wir geben Mutter Erde etwas zurück“, sagt er.

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Die Absolventen-Ausstellung der Städelschule „Medium Rare“ ist von Samstag, 2. Juli, bis Sonntag, 17. Juli, auf zwei Etagen in einem temporär genutzten Bürogebäude am Untermainkai 27-28 zu sehen, das direkt am Main vis-à-vis des Städels gelegen ist. Eröffnung ist am heutigen Freitag, 1. Juli, von 18 bis 22 Uhr.

Gezeigt werden die Arbeiten von 29 Studierenden aus allen sieben Klassen der Bildenden Kunst, darunter Gemälde, Skulpturen, Video- und Soundarbeiten, Fotografien, Drucke, Zeichnungen, Installationen und Performances.

Die Absolvent:innen sind Minhyeok Ahn (Südkorea), Rasoul Ashtary (Iran), Rachel Ashton (Großbritannien), Nooshin Askari (Iran/Deutschland), Jackson Beyda (unbesetztes Tongva Gebiet), Giulio Bonfante (Italien), Jack Brennan (Großbritannien), Theresa Büchner (Deutschland), Juliet Carpenter (Neuseeland), Tamar Chaduneli (Georgien), Clyde Conwell (USA), Rashiyah Elanga (Frankreich), Lydia Ericsson Wärn (Schweden), Béla Feldberg (Deutschland), John Hussain Flindt (Großbritannien), Alexis Gautier (Frankreich), Yun Heo (Südkorea), Evan Jose (USA), Atiéna R. Kilfa (Frankreich), Sonia Knop (Sibirien), Sam Lasko (USA), Jing Lin (China), Dominik Litwin (Polen), David Moser (Schweiz), Luis Polyanszky Worth (Deutschland), W. Rossen (Niederlande), Maximiliano Siñani (Bolivien), Robin Stretz und Alex Thake (Deutschland).

Geöffnet ist die Ausstellung dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs von 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Begleitete Rundgänge durch die Ausstellung mit dem Kurator Alke Heykes werden für Gruppen von mindestens acht Personen auf Anfrage per E-Mail organisiert:

alke.heykes@staedelschule.de

Es werden auch regelmäßig Performances gezeigt. Bei „Citations“, einem 30-minütigen Werk von Jackson Beyda, lesen Performer:innen einen von künstlicher Intelligenz generierten Text. Die Performance ist jeweils am Samstag, 2. Juli, 14 Uhr, und am Sonntag, 17. Juli, um 18 Uhr zu sehen. Der/die nichtbinäre Künstler:in Clyde Conwell zeigt sein/ ihre Performance ((Nay Sir Cis)) an jedem der Ausstellungstage in der Zeit zwischen 17 und 18 Uhr.

Weitere Termine zu der Ausstellung können der Webseite der Städelschule entnommen werden.

staedelschule.de/de/calendar/medium-rare-absolventenausstellung-2022.

Die Gewinner:innen der Absolventenpreise sind Theresa Büchner (1. Preis) und Jack Brennanund Rashiyah Elanga (2. und 3. Preis). Die Jury bestand aus David Dreyfus (Repräsentant, Städelschule Portikus e.V.), Fatima Hellberg (Direktorin, Bonner Kunstverein), Ana Pohl (Geschäftsführerin, Sammlung Pohl), Sarah Gilder (Direktorin, Sammlung Pohl) und Yasmil Raymond (Rektorin, Städelschule und Direktorin, Portikus) lad

Zwölf Videoarbeiten sind im abgedunkelten Erdgeschoss des Bürogebäudes zu sehen. „Viel mehr als in den Jahren zuvor“, sagt Kurator Heykes. Wenige Schritte von Maximiliano Siñani entfernt zeigt der Brite John Hussain Flindt in einem Film Seiten des britischen Satiremagazins „Punch“, darunter Illustrationen, die 1857 während des indischen Aufstands gedruckt wurden. Diese setzt der Künstler, der zunächst am Chelsea College of Arts in London studierte und 2018 an die Städelschule kam, in Bezug zu aktuellen Bildern. Die Videoarbeit sei, so der Künstler, ein Mittel gewesen, sich mit der Krebserkrankung seiner Mutter auseinander zu setzen und eine neue Verbindung zum Vater aufzubauen.

Der erste Stock ist im Gegensatz zum Erdgeschoss hell erleuchtet. Dort sind Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Drucke, Zeichnungen und Installationen zu sehen. Letzteres beispielsweise von der im südkoreanischen Seoul geborenen Künstlerin Yun Heo, die in ihren Arbeiten die oft komische Beziehung zwischen Empathie und Pop untersucht. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt und ist, wie Alke Heykes erzählt, kein Morgenmensch. Weswegen zu früher Stunde bei ihr schon mal etwas daneben geht. In der Ausstellung zeigt die Künstlerin eine skulpturale Installation aus überdimensionierten Styropor-Kaffeetropfen, die wie ausgeschüttet auf dem Boden aussehen. Dazwischen liegen ebenso große Abgüsse aus Hartplastik von Hundespielzeugen, die scheinbar von Vierbeinern schon ausgiebig benagt worden sind.

Körpereinsatz ganz anderer Art hat der Künstler Alexis Gautier gemeinsam mit Freunden gezeigt. Der Franzose, dessen Arbeiten oft in Zusammenarbeit mit anderen Personen aus anderen Kulturkreisen entstehen, zeigt drei Skulpturen, die er zusammen mit dem Chinesen Fang Yaqi aus dünn ausgewalztem Porzellan geschaffen hat. Es seien drei Türen, erzählt Alexis Gautier und verweist bei einer, die für eine indische Tür steht, auf dunkle, kleine Einschlüsse. Das sei Zigarettenasche, die durch Zufall dorthin geriet. Dies inspirierte ihn und Fang Yaqi, für eine weitere Tür aus Zigaretten eine Ascheglasur herzustellen. Acht Kilo Zigaretten seien notwendig gewesen, um 500 Gramm Asche zu erhalten. Freundinnen und Freunde griffen dafür zum Glimmstengel.

Theresa Büchner hat sich künstlerisch mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt und, wie sich noch am Abend herausstellt, bei den Absolventenpreisen den ersten Platz geholt. „Erbmasse“ ist der Titel ihrer Arbeit. „Als ich die Wohnung meiner Eltern auflöste, fielen mir alte Magazine in die Hände“, sagt die Künstlerin, die ihre Studien an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach begann. Beim Durchblättern fiel ihr die Werbung auf. Drei Bilder dieser Anzeigen stellt sie bearbeitet neben drei Fotografien, die etwa einen Aktenordner aus dem Familiennachlass zeigen, den sie dem Main übergeben hat. Durch die Bilder, die die Anzeigen zeigen, drücken sich Formen von Schlüsseln, die sie in ihrem Elternhaus fand. Sie hätten keinem Schloss mehr zugeordnet werden können, sagt sie.

Clyde Conwell, ein/eine nichtbinäre/r Künstler:in aus den USA zeigt großformatige Gemälde. Die Leinwand ist für sie/ihn ein ökologischer Ort, der die Verflechtung von Kunst und Leben repräsentiert. Florale Elemente sind zu finden. Clyde Conwell hat auch Forstwirtschaft studiert und eine besondere Nähe zur Natur. Und er/sie ist Performer:in. Beim Presse-Rundgang greift er/sie sich eines seiner/ihrer Gemälde, das auf vier weißen Sockeln ruht, bewegt es, trägt es und schreitet mit ihm herum. Schließlich lässt er/sie es mit der Farbseite nach unten auf die Sockel zurück knallen. „((Nay Sir Cis))“ ist der Titel der Performance, und Clyde Conwell wird sie an jedem Ausstellungstag zwischen 17 und 18 Uhr aufführen.

Verschütteter Kaffee auf dem Boden und abgenagtes Hundespielzeug: eine skulpturale Installation der Künstlerin Yun Heo.
Verschütteter Kaffee auf dem Boden und abgenagtes Hundespielzeug: eine skulpturale Installation der Künstlerin Yun Heo. © Monika Müller
Alexis Gautier mit der
Alexis Gautier mit der © Monika Müller
Clyde Conwell bei seiner/ihrer Performance. Diese ist an jedem Ausstellungstag zu sehen.
Clyde Conwell bei seiner/ihrer Performance. Diese ist an jedem Ausstellungstag zu sehen. © Monika Müller
„Erbmasse“ heißt die Arbeit von Theresa Büchner. Sie kam bei den Absolventenpreisen auf den ersten Platz.
„Erbmasse“ heißt die Arbeit von Theresa Büchner. Sie kam bei den Absolventenpreisen auf den ersten Platz. © Monika Müller

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