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"Wir haben eine lange Verbindung mit der lokalen Wirtschaft", sagt Städeldirektor Philipp Demandt.

Philipp Demandt

"Kunst bringt Menschen immer weiter"

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Städel-Direktor Philipp Demandt spricht im FR-Interview über Kultur als Standortfaktor und seine Kontakte in die lokale Wirtschaft. Ein Gespräch.

Herr Demandt, Sie leiten drei große Museen. Wie sehr beschäftigen Sie sich beruflich noch mit Kunst im engeren Sinne – und wie sehr geht es um Betriebswirtschaft?
Die Managementtätigkeit überwiegt sicherlich. Natürlich haben wir eine ganze Reihe von Aufgaben: Sammeln, bewahren, forschen, ausstellen, vermitteln, das sind die Grundaufgaben eines Museums. Aber ein Museum ist zunächst erst einmal ein komplexer Logistikbetrieb – da macht das Verwalten und Finanzieren den Hauptteil der Arbeit aus.

Sie sind Kunsthistoriker. Wie haben Sie ins wirtschaftliche Denken hineingefunden?
Das ist eine Frage von Berufs- und Lebenserfahrung. Ich hatte das große Glück, dass ich direkt nach dem Studium angefangen habe, in der Kulturstiftung der Länder zu arbeiten, die große Museen und Archive bei der Erwerbung herausragender Kunstwerke berät. In dieser Position habe ich fundierte Einblicke in das Museums- und Ausstellungswesen bekommen, in die Provenienzforschung, die Restaurierung, den Kunstmarkt und auch die Förderlandschaft und Kulturpolitik. Ich bin dann in die Alte Nationalgalerie gewechselt und damit in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die als eine der größten Kulturstiftungen Europas dutzende Häuser unter ihrem Dach vereint – da lernen Sie natürlich das Denken und Handeln in komplexen Systemen.

Hat das Ihren Blick auf die Kunst verändert?
Ich würde eher sagen: erweitert. Ich hatte das Privileg, in Ruhe studieren und promovieren zu dürfen und über viele Jahre ein Fundament der kunsthistorischen Expertise aufzubauen – das ist etwas, das einen doch sehr trägt. Ich habe mich intensiv mit kultureller und nationaler Identität im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt. Mit der Frage, welche Funktion Kunst hat in einer Gesellschaft. Das hilft mir bis heute.

Sie sind Gastredner beim IHK-Jahresempfang. Wie wichtig ist für Sie der Kontakt zur lokalen Wirtschaft?
Ich habe in den ersten Monaten in Frankfurt sehr viele Antrittsbesuche gemacht und ganz unterschiedliche Persönlichkeiten kennengelernt – aus der Wirtschaft, der Industrie, dem Finanzwesen, vor allem auch aus den großen Stiftungen, die oft von Unternehmern gegründet wurden. Auch das Städel Museum ist ja vor 200 Jahren von einem Unternehmer gestiftet worden. Wir haben also eine lange Verbindung mit der lokalen Wirtschaft.

Wie überzeugen Sie Menschen, Ihnen ihr Geld oder ihre Kunstwerke anzuvertrauen?
Letzten Endes mit der Überzeugungskraft unserer Ausstellungsideen und der Sinnfälligkeit unserer Vorhaben. Aber Museen sind weit mehr als Ausstellungshäuser. Auch wenn dringend notwendige Arbeiten anstehen, wie aktuell die Sanierung der Mainfassade des Städels, sind wir auf Spenden angewiesen. Schon mein Vorgänger Ludwig Justi hat 1905 ein Loblied auf die Liebe der Frankfurter zu ihrem Städel Museum gesungen. Wenn ich mich mit möglichen Unterstützern treffe, dann fragen sie meist relativ schnell: Herr Demandt, was können wir für Sie tun? Und da fällt mir natürlich so einiges ein.

Macht Frankfurts lange Tradition als Stadt der Stifter und Mäzene es einfacher, Geldgeber zu gewinnen, als etwa in Berlin?
Die Bereitschaft, sich zu engagieren, erlebe ich als sehr groß. Aber ein Selbstläufer ist es nicht. Wir haben auf der einen Seite einen Vertrauensvorschuss, weil unsere Häuser, die Schirn, das Städel und das Liebieghaus, in den vergangenen Jahren großartige Arbeit geleistet haben. Allerdings müssen Sie sich dieses Vertrauens auch immer wieder würdig erweisen. In Berlin ist die Situation insofern anders, als dass die großen Kulturinstitutionen dort städtisch oder vom Bund finanziert werden. Für die Schirn stellt die Stadt eine Grundfinanzierung sicher. Im Städel allerdings müssen wir etwa 80 Prozent unserer Kosten selbst erwirtschaften – oder besser: generieren. Denn ein Museum lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad als Wirtschaftsbetrieb führen.

Der Anteil von privaten Spenden und Sponsorenleistungen liegt bei rund einem Drittel. Birgt das nicht auch Risiken? Zum einen ist Sponsoring auch interessengeleitet, zum anderen könnte es dazu führen, dass der Staat seine Förderung reduziert …
Eigentlich nicht. Ich glaube, es ist weit genug bekannt, dass es den meisten Museen in Deutschland, was die Finanzen und die personelle Ausstattung betrifft, nicht gerade glänzend geht. Und wir haben auch klare Regeln, was wir einem Förderer als Gegenleistung anbieten können. So lange man diese Regeln transparent und gewissenhaft anwendet, sehe ich das nicht als Risiko und auch nicht als Abhängigkeit. Wenn man Häuser wie Städel, Schirn und Liebieghaus international mit einem so hochkarätigen Programm positionieren möchte, wie wir das tun, kann man das nicht ohne entsprechende Unterstützung von außen.

Inwiefern profitiert der Wirtschaftsstandort Frankfurt von Kultureinrichtungen wie Städel, Schirn und Liebieghaus?
Zum einen ist die Beschäftigung mit Kunst und Kultur etwas, das Menschen immer weiterbringt, etwas, das Menschen inspiriert und ihr Leben bereichert. Wenn wir das nicht glauben würden, dann hätten wir unsere Arbeit falsch gemacht. Zum anderen macht das kulturelle Angebot einen Standort auch attraktiver für Menschen, die in dieser Stadt leben und arbeiten. Und nicht zuletzt ist der Kulturtourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden, denken Sie nur an die Zahlen aus Berlin. Aber auch die neun Millionen Übernachtungen in Frankfurt gehen nicht nur auf das Messekonto.

Sie haben angekündigt, die Digitalisierung Ihrer Sammlungen stark voranzutreiben. Warum? Was gewinnen Museen durch die Digitalisierung?
Als öffentliche Sammlung ist es uns ein Anliegen und auch unser Bildungsauftrag, Zugang zu allen Schätzen unseres Hauses zu ermöglichen. Zudem können wir immer nur einen kleinen Teil unserer Sammlung zeigen – der Großteil schlummert im Dunkel der Depots. Die Digitalisierung ist eine ideale Möglichkeit, auch diese Werke zugänglich zu machen. Auch hat sich die Art und Weise der Vermittlung in den letzten Jahren rasant verändert. Je stärker wir online kommunizieren, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Menschen für unsere Arbeit interessieren können. Aber natürlich ist es Teil unserer Vermittlungsarbeit, das Fluidum des Originals nicht verpuffen zu lassen und darauf zu achten, dass der Mehrgewinn eines Museumsbesuches nicht verloren geht. Ein Museum ist am Ende doch ein höchst analoger Ort.

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