Die Belegschaft protestiert bei einer Mahnwache gegen die Schließung der Karstadt Filiale in Frankfurt, in der rund 450 Menschen beschäftigt sind.  
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Die Belegschaft protestiert bei einer Mahnwache gegen die Schließung der Karstadt Filiale in Frankfurt, in der rund 450 Menschen beschäftigt sind.  

Arbeitskampf

Kunden solidarisieren sich mit Karstadt-Beschäftigten in Frankfurt

  • Sandra Busch
    vonSandra Busch
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Die Mitarbeiter des Karstadt auf der Frankfurter Zeil suchen bei Mahnwachen und mit Unterschriftenlisten die Unterstützung der Kundschaft - und finden sie auch. Denn auch die Kunden wollen nicht, dass ihr Karstadt schließt.

Die Unterschriftenlisten liegen neben den Kassen. „Kunden unterstützen solidarisch unsere Filiale“ heißt es auf den Zetteln im Karstadt auf der Zeil. Eigentlich unscheinbare Kopien, doch von der Schlange im ersten Stock bei der Damenbekleidung greifen immer wieder Kundinnen zum Stift und unterzeichnen. So wie Gudrun Ernst. „Ich gehe seit 30 Jahren zu Karstadt – oder früher Hertie“, sagt die Kundin, die gerade ein taubenblaues Oberteil gekauft hat und gleich noch in die Haushaltswarenabteilung will. „Hier gibt es alles. Wo soll ich denn hin, wenn Karstadt zumacht?“

Mehr als 60 Filialen will Galeria Karstadt Kaufhof schließen. Zum 31. Oktober soll es Karstadt auf der Frankfurter Zeil treffen. Mit einer Mahnwache fordern die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Mittwochmittag vor der Tür des Warenhauses die Konzernspitze erneut auf, Verhandlungen mit dem Eigentümer der Immobilie aufzunehmen. Dieser hatte eine Mietminderung von mehr als einer Million Euro pro Jahr offeriert. Auf Transparenten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist zu lesen: „Die Zeil ohne uns geht gar nicht.“

Seit einer Woche sucht die Belegschaft nun auch Unterstützung bei der Kundschaft. Die Beschäftigten haben die Listen an den Kassen ausgelegt, und „wir haben bisher 13 000 Unterschriften zusammen“, sagt Betriebsratsvorsitzender Norbert Sachs. Seit Montag gibt es zudem die Mahnwachen mittags vor der Tür, auch dort unterzeichnen Kundinnen und Kunden für den Erhalt des Karstadt. Ob alt, ob jung – alle sind der Meinung: Karstadt muss bleiben. „Ich habe viele Erinnerungen an die Spielzeugabteilung“, sagt der 14-jährige Paul, nachdem er unterschrieben hat. Da sei er oft gewesen, als er noch jünger war. „Aber es ist auch schön, dass es hier einfach alles gibt.“

„Verarmung der Innenstadt“ befürchtet

Das findet auch Anita Langer, die seit mehr als 25 Jahren regelmäßig bei Karstadt einkauft und natürlich auch gleich vor der Tür am Stand der Mahnwache zum – davor natürlich desinfizierten – Stift greift. Sie fürchtet, dass es zur „Verarmung der Innenstadt“ kommt, wenn Karstadt mit seinem breiten Angebot die Türen schließen muss. „Und dann macht noch so ein menschenverachtender Billigladen wie der hier auf“, sagt sie und zeigt mit dem Kopf verächtlich auf den Textildiscounter neben Karstadt. Und eine Passantin merkt an, sie fände es „erschreckend“, wenn wir uns nun auf dem Weg zu Smart Citys befinden sollten. Eine andere fürchtet, nun nur noch online ohne Beratung bestellen zu müssen.

Rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind mittags vor die Tür zur Mahnwache gekommen. Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Janine Wissler, ist zur Unterstützung ebenfalls da. „Es geht schließlich um den Erhalt von fast 450 Arbeitsplätzen“, sagt sie. „Die Zeil ist eine der umsatzstärksten Einkaufsstraßen Deutschlands, da muss es möglich sein, ein Konzept für den Erhalt von beiden, von Kaufhof und Karstadt, zu finden.“ Von der SPD ist die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen gekommen. Die Bundestagsfraktion der SPD habe am Tag zuvor mit dem Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi eine Telefonkonferenz abgehalten. „Da wurde für Frankfurt im Gegensatz zu anderen Standorten ein kleines Licht gesehen“, erzählt sie im Nieselregen. Weil eben der Vermieter bereit sei, etwas zu machen. Für die Stadt wäre die Schließung des Traditionshauses jedenfalls „eine Katastrophe“.

Mitarbeiterin fühlt sich „rausgekickt“

Für Isolde Weigand auch. Sie arbeitet in der Uhren- und Schmuckabteilung. Seit 35 Jahren ist sie bei Karstadt, seit 25 Jahren auf der Zeil tätig. Sie fühle sich „rausgekickt“, nachdem die Belegschaft die vergangenen Jahrzehnte immer wieder leiden und „seit 16 Jahren immer wieder verzichten musste, kommt dann so ein Hammerschlag jetzt“. Das sei „unmenschlich“. Und Betriebsratsvorsitzender Sachs sagt, dass alle „eiskalt erwischt“ worden seien, dass der Karstadt auf der Zeil auf der Schließungsliste gelandet sei, schließlich schreibe das Warenhaus schwarze Zahlen.

Von der Kundschaft gibt es viel Anteilnahme an der Situation. Das merkt Isolde Weigand beim Verkauf in Kundengesprächen. Oder bei den Mahnwachen mittags vor der Tür. Auch an diesem Tag zeigen sich die Menschen solidarisch. Manchmal schimpfen Kunden über „die, die es verzockt haben“ – und die nun bestimmt riesige Abfindungen bekämen. Auch äußern Kundinnen und Kunden immer wieder, sie wollten, dass der Karstadt erhalten bleibe. „Es ist schlimm, dass das passiert“, sagt eine junge Frau zu einer Mitarbeiterin, während sie ihren Namen auf die Liste setzt. Die häufigste Äußerung der Kundinnen und Kunden zur Belegschaft ist an diesem Tag aber ganz schlicht – sie lautet einfach: „Viel Erfolg!“

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