Rosemarie Nitribitt in einem ihrer Autos.
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Rosemarie Nitribitt in einem ihrer Autos.

Frankfurt

Die Kunden im Bett von Geschäftsfrau Rosemarie

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Erich Kubys Buch über die ermordete Edel-Prostituierte Nitribitt steht im Mittelpunkt des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“.

Sie hat Würgemale am Hals und eine Platzwunde am Kopf: Rosemarie Nitribitt wird am 1. November 1957 tot in ihrer Wohnung im Haus Stiftstraße 36 aufgefunden, gegenüber vom Bürogebäude der Frankfurter Rundschau. Die FR-Reporter berichten von einer Menge Schaulustiger, die sich vor dem Wohnhaus einfindet. Denn die Ermordete, 24 Jahre alt, ist zu diesem Zeitpunkt die bekannteste Prostituierte in Frankfurt am Main.

Längst ist sie eine Symbolfigur auch für das beginnende sogenannte „Wirtschaftswunder“ der 50er Jahre geworden. Denn anders als andere Frauen ihres Berufs stellt Nitribitt den Wohlstand, den sie sich erworben hat, selbstbewusst zur Schau, fährt in einem schwarzen Mercedes-Cabriolet mit roten Ledersitzen durch die Straßen.

Der Journalist Erich Kuby, der für „Spiegel“ und „Stern“ arbeitete, veröffentlichte 1958 das Buch „Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind“, in dem er das Leben Nitribitts in ein kritisches Panorama der bundesdeutschen Gesellschaft der 50er Jahre einbettet. Der Reporter wollte bescheiden das Rubrum Roman für sein Werk nicht akzeptieren, dazu sei es literarisch zu wenig anspruchsvoll.

Auch die Corona-Pandemie wird bei den 70 Veranstaltungen des Lesefestivals „Frankfurt liest ein Buch“ vom 24. Oktober bis 2. November ein Thema sein. Wenn sich die Vorschriften bis dahin nicht ändern, gelten weiter die Abstands- und Hygienevorschriften.

Auftakt ist am 24. Oktober ab 19.30 Uhr in der Deutschen Nationalbibliothek, Adickesallee 1. Hier liest unter anderen auch Susanna Böhme-Kuby, die Witwe des Autors Erich Kuby, aus dessen Buch „Das Mädchen Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind“. Und es gibt noch etliche weitere Veranstaltungen zu diesem Buch und dem Themenkreis. 

Die FR unterstützt besonders am 25. Oktober die Veranstaltung des Evangelischen Stadtdekanats um 19 Uhr in der Frankfurter Katharinenkirche: „Von einer Lebedame, kirchlicher Moral und zweideutigen Chansons“ , Lesung und Musik.

Der Frankfurter Schöffling Verlag hat den Text jetzt unter dem schlichten Titel „Rosemarie“ neu aufgelegt. Denn er steht im Mittelpunkt des Lesefestivals „Frankfurt liest ein Buch“ vom 24. Oktober bis 1. November, also nach der Frankfurter Buchmesse. Dieses Fest, vom Verleger Schöffling in seiner Badewanne erfunden, hat das Ziel, zu Unrecht vergessene literarische Preziosen wieder ins Bewusstsein zu rufen. Für Kubys Buch ist das absolut verdient. Denn der Reporter zeichnet mit Ironie, die manchmal beißend ist, das Milieu der 50er Jahre nicht nur in Frankfurt. Sein Ziel umriss Kuby so: Er wolle „eine Erschütterung des Ansehens, welches die Rosemarie-Kunden als Leitbilder unserer Gesellschaft skandalöserweise genießen“.

Und genau das gelingt ihm auch. Das Buch birgt wunderbare Szenen. Etwa die Betriebsversammlung, in der ein Industrieller, der zu Nitribitts Kunden zählt, die 17 000 Beschäftigten seines Betriebes auf treue Gefolgschaft einschwört. Bald, so ruft er aus, werde man wieder die Produktion auf die Höhe des Jahres 1942 gebracht haben. Also auf die Leistungsfähigkeit, die sie zur Zeit des nationalsozialistischen Gewaltregimes hatte. Das sagt der Wirtschaftskapitän natürlich nicht. Wie überhaupt das Buch ein Dokument der Verdrängung der jüngsten deutschen Vergangenheit ist. Über die Zeit von 1933 bis 1945 spricht man damals in großbürgerlichen Kreisen einfach nicht.

Im Bett bei Rosemarie verrät der Industrielle ihr, wie er sich seine Mitarbeiter gefügig hält. „Zur Sau machen darfst Du sie immer nur einzeln, aber sonst, immer nur lächeln. Die haben ein Vertrauen zu mir, das kannst Du Dir nicht vorstellen.“

Nach dem Tod Nitribitts wird intensiv spekuliert, welcher ihrer illustren Kunden ein Interesse an ihrem Tod haben könnte. Die Polizei ermittelt gegen Angehörige der Familien Krupp, Quandt und Sachs. Angeklagt wird nur ein einfacher Handelsvertreter, der mit der Prostituierten persönlich befreundet war. 1960 muss ihn das Frankfurter Schwurgericht freisprechen. Sein Anwalt, der spätere bayerische Innenminister Alfred Seidl, hat den Todeszeitpunkt infrage gestellt, den die Polizei für Nitribitt ermittelte, weil der Einfluss ihrer luxuriösen Fußbodenheizung nicht berücksichtigt worden war.

Der Mord wurde nie aufgeklärt. Auch das Mercedes-Cabriolet verschwand spurlos. Geblieben aber ist das Buch Erich Kubys. Seine Witwe Susanna Böhme-Kuby lebt in Venedig. Sie will zum Festival im Herbst anreisen und auftreten. Viele Prominente haben zugesagt, zu einer der 70 Veranstaltungen zu kommen, darunter „Tigerpalast“-Direktor Johnny Klinke und die Galeristin Barbara von Stechow.

Schön aber ist, dass Erich Kubys Buch wieder gelesen wird. Ein verdientes Comeback. Er entwirft ein Bild der Prostituierten Rosemarie als kühl kalkulierender Geschäftsfrau, die ihren Körper mit Bedacht einsetzt. „Es waren keine Ekstasen aus ihr herauszuholen.“ Die Männer der bürgerlichen Gesellschaft taumeln als tumbe, aber gleichwohl mächtige Toren durch die Szenerie der 50er Jahre. Ein Text, bei dem einem das Lachen im Halse steckenbleibt.

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