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Kulturcampus in Frankfurt: ABG-Chef - „Das Juridicum muss fallen“

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Von: Christoph Manus, Florian Leclerc

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ABG-Geschäftsführer Frank Junker hält es nicht mehr für möglich, 1200 Wohnungen auf dem Kulturcampus zu bauen. Monika Müller
ABG-Geschäftsführer Frank Junker hält es nicht mehr für möglich, 1200 Wohnungen auf dem Kulturcampus zu bauen. Monika Müller © Monika Müller

ABG-Chef Frank Junker über den langen Weg zum Kulturcampus, die Verzögerung beim Bau der Musikhochschule und die Schwierigkeiten für den Wohnungsbau auf dem früheren Uni-Gelände.

Herr Junker, wird es noch etwas mit dem Kulturcampus?

Natürlich. Leider haben sich die Umzugspläne der Universität drastisch nach hinten verschoben. Wir gehen aber davon aus, dass in den Jahren 2024/2025 die jetzt noch von der Uni genutzten Flächen freigeräumt werden, sodass wir den Kulturcampus in Gänze übernehmen.

Der Status quo ist ernüchternd: Zwölf Jahre nach der ersten Präsentation der Pläne gibt es weder den Neubau der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst noch das „Zentrum der Künste“, das einmal Kulturinstitutionen von Weltrang unter einem Dach vereinen sollte.

Das ist leider so. Ursprünglich sollte die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst auf dem Standort der Universitätsbibliothek entstehen. Doch dann hat das Land entschieden, dass die staatlichen Einrichtungen auf den südlichen Teil des Campus kommen. Auf dem Baufeld Labsaal/Juridicum müssen nach dem Bebauungsplan mindestens zu 30 Prozent Wohnungen entstehen. Die Musikhochschule ist ebenfalls gesetzt. Wir müssen sehen, wie wir die anderen gewünschten kulturellen Einrichtungen unterbekommen. Das wird nicht trivial.

Quelle: Stadt Frankfurt/ FR Layout
Quelle: Stadt Frankfurt/ FR Layout © Stadt Frankfurt/ FR Layout

Das Land und die Stadt haben sich auf einen Architektenwettbewerb für die Hochschule und einen Ideenwettbewerb für das Zentrum der Künste einschließlich des Frankfurt Lab verständigt. Wie realistisch ist es, angesichts der offenen Finanzierungsfrage, dass es das Zentrum der Künste geben wird?

Das ist eine Frage, die die Stadt Frankfurt beantworten muss. Für die Finanzierung muss die Stadt Frankfurt geradestehen, entweder über eine Investition oder als Mietlösung.

Alle warten seit Jahren auf die Ausschreibung der Wettbewerbe. Was sind die Gründe für die enorme Verzögerung?

Das sind, würde ich sagen, Abstimmungsprobleme zwischen dem Land Hessen und der Stadt. Ich gehe davon aus, dass die Ausschreibung jetzt im Herbst erfolgt.

Wann gäbe es das Ergebnis?

Dieses könnte Mitte kommenden Jahres vorliegen idealerweise. Danach könnte die Planung beginnen.

Manche haben den Eindruck, dass das Projekt Kulturcampus für Stadt und Land einmal eine höhere Priorität hatte . . .

Das täuscht etwas. Was stimmt: Als die Verträge zum Kulturcampus im Jahr 2011 geschlossen wurden, sind wir alle sehr euphorisch davon ausgegangen, dass die Universität sehr bald ihre Gebäude räumt und das große Projekt rasch umgesetzt werden kann. Das hat sich eben sehr verzögert. Das heißt aber nicht, dass der Kulturcampus nicht kommt.

Mit dem Begriff Kulturcampus waren große Hoffnungen verbunden. Doch bisher wird das Areal geprägt vom umgebauten Philosophicum, in dem teure Apartments entstanden sind, dem Hybridturm One Forty West, in dem Wohnungen etwa eine Million Euro kosten, dem Senckenbergturm und dem Bürohaus 21West. Was hat das mit Kultur zu tun?

Das Areal, auf dem einst der AfE-Turm stand, war genau für die Nutzungen vorgesehen, die dort nun realisiert wurden. Nun ist dieser Bereich - anders als von mir erwartet – als erster entwickelt worden. Dass dort so hochpreisige Wohnungen entstanden sind, ist auch nicht in meinem Sinn. Die kulturellen Einrichtungen, die den Campus prägen, werden aber ja noch entstehen.

Bis zum Bau der Musikhochschule würden Bürgerinitiativen gern das Juridicum nutzen. Kommt das für Sie infrage?

Das ist eine schöne Idee. Sie kommt aber leider nicht infrage. Priorität hat für uns die Unterbringung von Geflüchteten, insbesondere von Menschen aus der Ukraine. Wir arbeiten daran, dass das Gebäude nach dem Freizug durch die Universität, also wahrscheinlich im Frühjahr 2023, entsprechend genutzt wird.

Zur Person

Frank Junker (65) ist Geschäftsführer des städtischen Immobilienkonzerns ABG Frankfurt Holding, dem unter anderem mehr als 54 000 Wohnungen, 25 Bürgerhäuser und 37 000 sonstige Mieteinheiten wie Garagenstellplätze und Gewerbeeinheiten gehören. Der Rechtsanwalt gehört seit 1991 der Geschäftsführung an. Seit 1993 steht er an der Unternehmensspitze.

Die ABG hat im Jahr 2011 ein 16,5 Hektar großes Areal des alten Universitätscampus in Bockenheim vom Land Hessen gekauft. Dieser soll sich in einen Kulturcampus verwandeln, der Platz für die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, weitere kulturelle Einrichtungen, aber auch Wohnungen und Büros bietet. Die Pläne haben sich, unter anderem, weil die Goethe-Universität einen Teil der Gebäude später räumt, massiv verzögert. cm

Geht nicht beides? Könnten nicht Geflüchtete dort wohnen und es trotzdem auch eine kulturelle Nutzung geben?

Dafür sind die Flächen zu klein.

Das Juridicum steht exemplarisch für den Baustil der 1960er Jahre in Frankfurt. Allerdings hat das Gebäude, 1967 von Architekt Heinrich Nietschke errichtet, keinen Denkmalschutz. Ist es nicht trotzdem sehr schade, es abzureißen?

Das sehe ich etwas leidenschaftsloser als Sie. Wenn man auf der Fläche, die zur Verfügung steht, begrenzt durch die Bockenheimer Landstraße und die Merton- und Jügelstraße, die Musikhochschule unterbringen soll, das Frankfurt Lab und Wohnraum, dann wird das aller Voraussicht nach nicht unter Aufrechterhaltung des Juridicums gehen. Die Hochschule hat sich auch schon positioniert. Sie braucht Räume, die acht Meter hoch sind. Das ist im Juridicum nicht darstellbar.

Wurde eine mögliche Umnutzung des Gebäudes untersucht?

Nein, eine solche Untersuchung gibt es nicht. Doch die Bestandspläne liegen vor. Sie zeigen, was möglich ist und was nicht. Die Hochschule, das Frankfurt Lab und den Wohnraum kann man nur unterbringen, wenn das Juridicum fällt.

Die ABG wollte einst 1200 Wohnungen auf dem Campus errichten, davon 30 Prozent gefördert. Ist das noch realistisch?

Zu 30 Prozent gefördertem Wohnraum haben wir uns verpflichtet. Aber 1200 Wohnungen können dort nicht mehr entstehen. Durch die Inanspruchnahme von großen Flächen für die Hochschule sind Flächen für den Wohnungsbau verlustig gegangen.

Wie viele Wohnungen werden noch gebaut?

Ich gehe davon aus, dass wir höchstens noch 300, 400 oder maximal 500 Wohnungen bauen werden. Zum größten Teil entlang der Gräfstraße.

Auf dem Gelände des Juridicums soll der Neubau der Musikhochschule entstehen. Peter Jülich
Auf dem Gelände des Juridicums soll der Neubau der Musikhochschule entstehen. Peter Jülich © Peter Jülich

Wie hoch werden die Mieten sein?

Beim geförderten Wohnungsbau sind die Preise durch die Fördergeber vorgegeben. Beim frei finanzierten Wohnungsbau käme derzeit angesichts der drastisch gestiegenen Kosten ein Mietpreis heraus, der jenseits von Gut und Böse ist. Wir gehen davon aus, dass sich der Markt irgendwann wieder reguliert, so dass wir wieder in den Bereich von bezahlbareren Baukosten kommen. Wenn heute die Entscheidung fiele, dort Wohnungen zu errichten, müssten wir das auf der Zeitschiene verschieben, weil es nicht bezahlbar wäre.

Schon 2014 haben sechs Gruppen den Zuschlag für gemeinschaftliche Wohnprojekte im Areal erhalten. Werden diese noch gebaut?

Die sind nach wie vor gesetzt. Allerdings ist die Entscheidung vor acht Jahren gefallen. Ob die Wohngruppen weiterhin Interesse anmelden, kann ich nicht sagen. Grundstücke übertragen können wir aber leider nicht vor 2024/2025.

Im Sommer ist der Campus Bockenheim abends ein Biotop, in dem sich Menschen treffen, ein kühles Getränk zu sich nehmen und laut sein können. Wird das in Zukunft auch so sein?

Aus meiner Sicht schon. Das Offene Haus der Kulturen ist gesetzt. Wo sich heute die Neue Mensa befindet, wird es künftig eine Freifläche geben, die sich dafür anbietet. Aus der Ansiedlung der kulturellen Einrichtungen werden sich weitere Impulse ergeben.

Das Offene Haus der Kulturen kann laute Veranstaltungen anbieten, ohne dass sich die Nachbarschaft beschwert?

Das ist so leider nicht möglich. Für das Offene Haus der Kulturen gilt die Einschränkung, wenn die Wohnnutzung heranrückt, dass es sich nach 22 Uhr bei den Lärmemissionen im Rahmen des geltenden Rechts bewegen muss. Nach 22 Uhr wird es etwas leiser werden müssen.

Interview: Florian Leclerc und Christoph Manus

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