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Kultur in Frankfurt sucht Wege aus der Krise

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Von: George Grodensky

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Claus-Jürgen Göpfert und Ina Hartwig diskutieren im Club Voltaire über Kultur.
Claus-Jürgen Göpfert und Ina Hartwig diskutieren im Club Voltaire über Kultur. © Peter Jülich

Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig und FR-Mann Claus-Jürgen Göpfert sprechen im Club Voltaire über die städtischen Bühnen, über Etats und Konzepte für die Zukunft.

Die Doppelanlage der städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz lässt sich auf gar keinen Fall sanieren. Da ist Ina Hartwig (SPD) ganz bestimmt. Die Frankfurter Kulturdezernentin diskutierte am Montagabend mit dem langjährigen FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert im Club Voltaire. Das Thema: Kultur in all ihren Ausprägungen.

Es geht um Erinnerungskultur, um kritische Öffentlichkeit, um unabhängigen Journalismus, um ein Gastarbeiterdenkmal, das für die Gastarbeiter wichtig wäre, für ihre Nachkommen aber anders heißen müsste, weil die ja keine Gäste seien, sondern eingeborene Frankfurterinnen und Frankfurter. Und es kommen die scheinbar stockenden Planungen zu den städtischen Bühnen zur Sprache.

Die stockten nämlich gar nicht, sagt Hartwig. „Im Hintergrund passiert da viel.“ Zum Beispiel habe sich die Koalition im Römer endgültig darauf verständigt, dass der Osthafen als möglicher Standort ausfalle. „Diese Schnapsidee!“, schimpft Hartwig. Oper und Schauspiel müssten in der Innenstadt bleiben.

Drei Varianten seien noch im Rennen für mögliche Neubauten. Eine Entscheidung erwartet Hartwig im nächsten Jahr. Die Sanierung ist raus. „Es ist das am besten untersuchte Gebäude in ganz Deutschland“, sagt Hartwig dazu. Sie könne mit gutem Gewissen sagen, dass eine Sanierung nicht infrage komme. Auch wenn sie anfangs dafür war, alte Bausubstanz zu erhalten. In diesem Fall sei die Bausubstanz nicht zu revitalisieren.

Moderne Vorgaben in Sachen Brandschutz und Barrierefreiheit seien im Bestand nicht umzusetzen. Auch in Sachen Arbeitsrecht nicht, die Arbeitsbedingungen fürs Orchester seien schlicht katastrophal.

Ob die große Investition politisch zu verantworten sei? Hartwig, ohne zu zögern: „ja.“ Die Kosten erstreckten sich über „viele, viele Jahre“. Das Geld verschwinde auch nicht einfach. „Es entsteht ein Mehrwert für die Stadt.“ Man könne das Gebäude nicht „vor sich hinrotten lassen“.

Ebenso kommen die anstehenden „drastischen“ Einschnitte im Kulturetat zur Sprache. Die werden so nicht möglich sein, sagt Hartwig – wieder recht bestimmt. Sie müsste dafür etwa die kompletten Zuweisungen an die freie Szene streichen. „Dann wäre die tot.“ Das könne niemand wollen, sagt sie. „Oder wir schließen Museen“, überlegt Hartwig laut. Das kann aber auch niemand wollen.

Stattdessen müsste der Kulturetat um zehn Prozent wachsen, findet die Dezernentin. Die Kultur sei seit Jahren unterfinanziert. Warum sich der Magistrat überhaupt auf so unrealistische Zahlen geeinigt habe? „Das hat rechtliche Gründe“, erklärt Hartwig. Das Land Hessen muss den Haushalt genehmigen. „Frankfurt ist eben nicht Landeshauptstadt.“

Ohne eine finanzielle Beteiligung des Landes an der Frankfurter Kultur werde es in Zukunft aber nicht mehr gehen, sagt Hartwig. „Wir haben eine der tollsten Opern Deutschlands, aber die ist ein Stadttheater.“ Dabei profitiere die ganze Region von den Frankfurter Spielstätten, dafür zahlen tut das Umland nicht. Die Bühnen müssten ja nicht gleich Staatstheater werden. Aber eine Form der Beteiligung müsse gefunden werden. Zur Not müsse der Bund eben einen Think Tank einrichten, der sich dem Problem widme – der Krise der Kultur.

„Wenn es nur Corona gewesen wäre, das hätten wir verkraftet“, sagt Hartwig. Geschlossene Kultureinrichtungen, das war ein Schock. Davon hätte man sich aber erholt. Nur folgen Inflation, und Energiepreiskrise. Dazu die Unsicherheit über die neue Weltordnung, mit dem Krieg.

Die Spielstätten hätten erhebliche Mehrkosten. Das Publikum erheblich mehr Sorgen und bleibe eher mal weg, als viel Geld auszugeben. „Dann geht man eher dreimal im Jahr ins Theater als zehnmal.“ Für eine Umkehr des Rückzugs ins Private komme dem öffentlichen Raum eine große Rolle zu. Wenn die Kultur sich dort präsentiere, erreiche sie wieder mehr Menschen, glaubt Hartwig. Die Schwelle eines Museums oder Theaters falle dann weg. Zudem finde die Kultur ohnehin weniger Räume mit bezahlbarer Miete.

Die Oper ist ein eigener Fall. So angesehen sie auch ist: Sie ziehe, wie ein Herr aus dem Publikum anmerkt, vornehmlich älteres Zuschauer an, so wie ihn. „Ewig werde ich nicht mehr hingehen können.“ Hartwig wünscht sich Öffnung. Das neue Opernhaus müsse auch tagsüber eine Anlaufstelle sein, für alle Menschen aus allen Generationen.

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