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Frankfurt

Kultur des Schweigensund Vertuschens

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Nikolaus Münster schrieb ein Buch über seine Eltern und ihre Verdrängung der Nazi-Zeit.

Es sind sehr schmerzhafte Erfahrungen. Nikolaus Münster spricht sie dennoch nicht nur aus, er hat sie auch zu Papier gebracht. Der Titel seines Buches, „Acht Jahre Haft unter dem Hakenkreuz“, gibt unzureichend wieder, worum es geht. Der langjährige Journalist hat die Lebensgeschichte seiner Eltern recherchiert und geschrieben, eines kommunistischen Widerstandskämpfers gegen die Nazis und einer „lebensfrohen Wegseherin“. Der 69-jährige Frankfurter schildert vor allem aber das große „Schweigen und Verdrängen“ seiner Eltern nach der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. An ihnen hat sich der Sohn wieder und wieder vergeblich abgearbeitet, wie viele Angehörige der Nachkriegsgeneration. Es ist eine exemplarische, bewegende Geschichte, die hier erzählt wird.

Münster führte von 1991 bis 2016 das Presse- und Informationsamt in Frankfurt, diese Tätigkeit hat ihn über die Stadt hinaus bekannt gemacht. Vier Jahre arbeitete der frühere FAZ-Redakteur an dem Buch, das seinem 2015 gestorbenen älteren Bruder Thomas gewidmet ist. „Es war für mich sehr schmerzhaft, dass ich das Ergebnis nicht mehr mit ihm teilen konnte.“ Sein Vater war der renommierte Wissenschaftler Arnold Münster, ehemals Direktor des Instituts für theoretisch-physikalische Chemie an der Frankfurter Goethe-Universität. Seine Mutter Lilly arbeitete über Jahrzehnte in Frankfurt als Kieferorthopädin. Sie waren beide angesehene Mitglieder der großbürgerlichen Frankfurter Gesellschaft.

Was kaum jemand wusste: Arnold hatte als Student im katholischen Münster in den Anfangsjahren der Nazi-Zeit einer kommunistischen Widerstandsgruppe im Untergrund angehört. 1935 verhaftete ihn die Gestapo, er überlebte verschiedene Gefängnisse, bis er 1943 mit Billigung des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, begnadigt wurde. Noch vor seiner Abkommandierung an die Front heiratete er 1944 in den Trümmern der halb zerstörten Stadt Frankfurt die angehende Ärztin Lilly Curtius. Sie war die Geliebte eines bekannten nationalsozialistischen Mediziners, der Zwangssterilisationen zu verantworten hatte.

Die Söhne Thomas, 1948 geboren, und Nikolaus, 1951 zur Welt gekommen, erfuhren später über diese Lebensgeschichte von ihren Eltern nichts. „Wir haben immer wieder gefragt“, erinnert sich der Journalist. Sein Vater baute sich eine Karriere als Wissenschaftler mit internationalem Ruf auf, er hielt Vorträge in Frankreich, England, den Niederlanden und Belgien, lehrte an der Universität Sorbonne in Paris. Für die Söhne blieb keine Zeit und keine Liebe. „Er konnte mit uns nichts anfangen, es entwickelte sich keine emotionale Beziehung zwischen ihm und mir“, sagt Münster heute. Seine bittere Bilanz: „Er war sehr viel weg, ich bin eigentlich ohne Vater aufgewachsen.“

Die Söhne besuchten das renommierte altsprachliche Lessing-Gymnasium im Frankfurter Westend. Auch dort stießen sie auf eine „Kultur des Schweigens und Vertuschens“, was die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft anging. Die Lehrer, so Münster, wollten und konnten nicht mit den Schülern über die Nazi-Zeit reden. Ein sadistisch veranlagter Pädagoge habe Schüler gequält und missbraucht. „Über Jahrzehnte hinweg schaute die Leitung dieses altehrwürdigen Gymnasiums einfach weg.“

Obwohl der wissenschaftliche Ruf seines Vaters untadelig war, scheiterte Arnold Münster in den 50er und 60er Jahren bei der Bewerbung auf mehrere Professuren an deutschen Universitäten. Auf Umwegen bekam er die Einschätzung zu hören, er sei „für eine deutsche Universität untragbar“. Er musste erleben, dass ihm Wissenschaftler mit Nazi-Vergangenheit vorgezogen wurden. Auch die Hoffnung, als Kulturreferent an das Goethe-Institut in Paris berufen zu werden, erfüllte sich nicht. Auf die Studentenrevolte 1968, die auch die Goethe-Universität erschütterte, reagierte der Professor mit Angst und Unsicherheit. Münster recherchierte, dass sein Vater in dieser Zeit in seiner Aktentasche stets eine Pistole bei sich trug. So früh wie möglich emeritierte Arnold Münster im Jahr 1977, nachdem er durch die Universitäts-Reform seinen Posten als Institutsdirektor verloren hatte.

Allen Versuchen seiner Söhne, über seine Vergangenheit mit ihm zu sprechen, entzog sich der Vater auch jetzt noch. Auch Anfragen von jungen Wissenschaftlern nach seiner Arbeit im kommunistischen Untergrund wehrte er wütend ab: „Das geht Sie einen feuchten Kehricht an!“ Auch die Mutter wollte nie „wichtigere Dinge mit ihren Söhnen besprechen“. Arnold Münster starb 1990 im Alter von 78 Jahren. Erst zwanzig Jahre später, nach dem Tod der Mutter, ging sein Nachlass auf die Söhne über.

Nikolaus Münster erklärt sich das Schweigen seines Vaters auch mit dessen Erfahrungen in acht Jahren als Gefangener der Gestapo, davon zwei Jahre in Einzelhaft. „Er hatte gelernt, diszipliniert zu sein.“ Vater wie Mutter seien Angehörige einer Generation gewesen, die „verdrängt und nach vorne geschaut“ habe. Diese Verdrängung, dessen ist sich der Sohn sicher, bedeutete für seinen Vater „eine Gewalttat gegen sich selbst“. Zugleich sei es damals weder üblich noch möglich gewesen, die Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung psychotherapeutisch aufzuarbeiten: „Eine solche Therapie hat er nicht gekannt.“

Erst 2013 veröffentlichte der ehemalige Gefängnisseelsorger Dieter Wever ein Buch über das Zuchthaus Münster in der Nazi-Zeit und über den Widerstand. Zugleich erschien eine Arbeit über die wissenschaftlichen Verdienste von Arnold Münster. Für seinen Sohn waren das Anstöße, umfassende eigene Recherchen zu beginnen. Für Nikolaus Münster sind sie nicht abgeschlossen: „Ich forsche weiter nach Details.“

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