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Kulminationspunkt der Stadt

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Frankfurt 19.2.22 Göpferts Runde mit der Schauspielerin Lotte Schubert, HIER vor dem Eingang des Schauspielhauses mit den Infokästen
Frankfurt 19.2.22 Göpferts Runde mit der Schauspielerin Lotte Schubert, HIER vor dem Eingang des Schauspielhauses mit den Infokästen © Monika Müller

Die 27-jährige Schauspielerin Lotte Schubert fordert andere Formen des Theaters. Es müsse angstfreies Arbeiten ohne Diskriminierung geben.

Heute hat sie frei und genießt es. Keine Probe; kein Auftritt. Zeit, in der Kantine von Schauspiel Frankfurt dieses irre letzte Jahr noch einmal zu betrachten bei einem Kaffee. Der Abschluss an der legendären Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, der Jahrgang von „kollektiver Zukunftsangst“ gebeutelt. Macht Corona dem Theater den Garaus? Doch dann das Angebot aus Frankfurt am Main. „Ich hab nicht lange gefackelt“, sagt Lotte Schubert, nimmt einen tiefen Schluck, streicht die Haare zurück.

Ihr erstes festes Engagement in einem Ensemble. Klar, sie hatte „totale Vorurteile“, was Frankfurt anbelangt. „Kalt“ die Stadt, nur Banken und Kapitalismus. Und jetzt? „Ich bin total geflasht.“ Sie ist begeistert, dass die Bühnen an der Schnittstelle liegen zwischen multikulturellem Bahnhofsviertel und Hochhausquartier, „am Kulminationspunkt“ der Stadt, da, wo sie hingehören. Und Frankfurt besitze eine „schöne Größe“.

Lotte Schubert ist eine Hoffnungsträgerin des deutschen Theaters. Sie hat gerade ihren 27. Geburtstag gefeiert. Ihre ersten Auftritte blieben in Erinnerung. Der nervöse Irrwisch im „Kirschgarten“, die intensive „Elektra“, die verstörte „Julia“. Aber auch wenn sie singt, hinterlässt das Eindruck. Die Ballade „Vater“ von Gundermann, das brüchig-intensive „Leather“ von Tori Amos. Ihre erste Hauptrolle in Frankfurt ist die Tochter aus gutem Hause in „Liberté oh no no no“, inspiriert von Rimbaud.

Die gebürtige Berlinerin hält es gerade in Zeiten der Pandemie für „wichtig für die Gesellschaft, dass wir weitermachen“. Das Theater sei „noch heiliger geworden“, sie ist „für jede Vorstellung dankbar“.

Klar, Corona hinterlässt Spuren. „Es wird lange brauchen, bis wir uns wieder trauen, miteinander zu sein“; sie hofft, „dass die alte Unbefangenheit wieder zurückkehrt“. Andererseits hat sich gerade ihre Generation am Theater viel vorgenommen, will sich das nicht kaputtmachen lassen. 21 junge Frauen und Männer waren sie im Abschlussjahrgang an der Ernst Busch. Und sie haben sich Ziele gesetzt. Schubert überlegt, wie sie das am besten in Worte fassen kann. „Ein angstfreies Arbeiten einfordern am Theater“, sagt sie dann, „dass man sich nicht verstecken muss“. Und weiter: „Ein menschlicher Umgang miteinander, Diskriminierung abbauen.“

Es muss sich etwas ändern am Theater. Gut, sie selbst hat als junge Frau „am eigenen Leib keine schlimmen Übergriffe erfahren“. Aber sie kennt das, dass man sich gegenüber Intendanten „in seltsamen Machtspielchen wiederfindet“. Nicht in Frankfurt, fügt sie sofort hinzu. Aber als sie sich getroffen haben im Jahrgang nach ihren ersten Engagements, stellten sie fest, „wie viele Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, als junge Frau, als homosexueller junger Mann“. Draußen am Eingang hängt das Plakat mit den Fotos des Ensembles von Schauspiel Frankfurt. Weiße Menschen sehen den Betrachter an. „Die Diversität in der Theaterwelt muss noch gesucht und gefunden werden.“

Der Schauspielerin ist bewusst, dass es an den Städtischen Bühnen in Frankfurt in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal ein Mitbestimmungsmodell gab, das berühmt wurde. Ein gewähltes Führungsteam, Abstimmungen im Ensemble anstelle eines allmächtigen Intendanten. „Eine Dreier- oder Doppelspitze fände ich auch heute nicht schlecht“, sagt sie: „Theater ist ein Teamsport, man braucht einander.“ Sie stellt sich Treffen des Ensembles vor, bei denen Ideen für die nächste Spielzeit oder ein Motto für die Saison gesammelt werden.

Draußen taucht die Sonne die Spitzen der Hochhaustürme in gleißendes Licht. Wir sprechen über die vielen Talente der Lotte Schubert. Die Tochter des Schauspielers Götz Schubert und der Schauspielerin Simone Witte wollte ursprünglich nicht in die Fußstapfen der Eltern treten. Ihr Vater warnte sie, dass der Schauspielberuf „sehr hart sein kann“. Lotte zeichnete schon als Kind sehr gerne. Und dann ist da die Musik: Über Jahre Klavierunterricht, außerdem spielt sie Gitarre und Ukulele. Sie begann, Grafikdesign und Buchkunst in Leipzig zu studieren, arbeitete in Galerien in Weimar und Leipzig, auch als Kuratorin.

Doch es fühlte sich falsch an für sie. Als die junge Frau ihr Studium abbrach, war sie wie befreit. „Lotte ist so gut drauf“, sagten ihre Freunde. Die Tochter bewarb sich an der Schauspielschule Ernst Busch, an der ihre Eltern sich kennengelernt hatten. Als sie die Aufnahmeprüfung dort bestanden hatte, rief sie ihren Vater an. „Lotte, mir zittern die Knie“, sagte der. Mutter und Vater unterstützten sie „herzlich“: „Es gab kein Konkurrenzding“. Die Tochter lächelt in der Erinnerung: „Mama hat mir eine Kiste mit Monologbüchern gepackt.“

Die Ostberliner Schauspielschule war zu Zeiten der DDR berüchtigt für die Härte der Ausbildung. Das Argument der Lehrenden sei stets gewesen: „Am Theater wird es später genauso sein.“ Die Absolventin sagt entschieden: „Das ist doch Quatsch!“ Sie selbst fasst ihre Schulerfahrung so zusammen: „So schlimm ist es heute nicht mehr, aber das Pensum ist immer noch wahnsinnig hoch, der Lehrplan richtig voll.“ Für die junge Frau spiegelt sich da, was ihrer Generation überhaupt widerfährt: „Der Druck ist hoch, man soll mit 17 Jahren schon wissen, was man studiert, man hat überhaupt keine Zeit mehr, das ist irre!“

Schubert hält inne, denkt an ihre Rolle in „Liberté, oh no no no“. Auch die Altersgenossin dort stehe ständig unter Druck, sei rastlos, auf der Suche nach Erfüllung. Gleichzeitig wisse sie aber nicht, was ihr Traum sei. Stille im Raum, nur im Hintergrund zischt und röchelt die alte Kaffeemaschine. „Ich finde mich da wieder“, sagt die Schauspielerin. Als sie elf Jahre alt war, begann sie, ihre Erfahrungen, ihre Enttäuschungen in eigenen Liedern festzuhalten. Noch heute tut sie das, nimmt die Songs auf. „Für mich eine wichtige Form, Dinge zu verarbeiten.“ Sie hat der Frau, die da singt, einen Namen gegeben: Smilla Zorn. Kann schon sein, dass daraus mal eine Platte wird. „Ein Album würde ich gerne rausbringen.“

Aber erst einmal nimmt Schauspiel Frankfurt sie in Anspruch. Sie steht noch in anderen Produktionen auf der Bühne, zum Beispiel „Öl“ nach Upton Sinclair, die Geschichte eines skrupellosen Industriebarons und seiner Familie, in der es auch darum geht, was der Mensch der Natur antut. Und dann tritt sie in „NSU 2.0“ auf, der szenischen Aufarbeitung der unaufgeklärten Vorgänge um rechtsradikale Drohungen gegen eine Anwältin in Frankfurt, aber auch gegen Politikerinnen. Das Theater ist hier so nah an der Wirklichkeit, wie es nur sein kann.

Draußen auf dem Willy-Brandt-Platz sammeln sich Mannschaftwagen der Polizei. Sirenen heulen. Wieder einmal steht eine Demonstration von Gegner:innen der offiziellen Corona-Politik ins Haus. Lotte Schubert hält es für hanebüchen, wenn sich Demonstierende mit Opfern von Polizeigewalt in den USA vergleichen, gar Plakate mit der Aufschrift „I can’t breathe“ hochhalten, die an den Fall von George Floyd erinnern, der Opfer eines brutalen Polizeieinsatzes wurde. „Bei solchen Vergleichen wird mir schlecht, das ist verletzend und falsch.“

Wir sprechen darüber, wie und ob man die Corona-Demonstrierenden noch erreichen, sie wieder in einen demokratischen Diskurs zurückholen kann. Die Schauspielerin hofft, dass zumindest ein Teil der Menschen noch ansprechbar ist. Für sie gilt aber auch: „Man geht nicht mit Nazis auf die Straße!“ Schubert ist wohl bewusst, dass auch das Theater etliche Menschen nicht erreicht, dass noch immer gerade bildungsferne Personen nicht die Schwelle des Schauspiels überschreiten. Sie träumt von anderen Formen des Theaters, fordert sie energisch ein. Am liebsten würde sie „mit dem Bollerwagen über die Dörfer ziehen“, sich auf jeden Fall „vor Brennpunkten nicht drücken“. Sie setzt auf Diskussionen, bei denen sich „nicht alle einig“ sind.

Lotte Schubert verkörpert die Zukunft des Theaters. Oder anders gesagt: Sie glaubt daran, dass es diese Zukunft überhaupt gibt. „Ich glaube ganz, ganz fest daran, dass Theater bestehen wird.“ Auch angesichts der Konkurrenz der sozialen Medien, auch angesichts immer härterer gesellschaftlicher Gegensätze. „Es bleibt ein Grundbedürfnis der Menschen, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen.“ Draußen zieht eine lange Karawane von Polizeifahrzeugen vorbei, junge Polizistinnen im Alter der Schauspielerin sind zu sehen.

Lotte Schubert ist froh über ihren Dreijahresvertrag, der ihr eine „schöne Sicherheit“ gebe. Sie hat sich angefreundet mit der immensen Bühne von Schauspiel Frankfurt, der größten Europas. Anfangs hatte sie „großen Respekt“ und sprach sehr laut, weil sie glaubte, sie müsse so die Distanzen überbrücken. Das hat sie inzwischen korrigiert. „Ich habe die Bühne begrüßt, ich liebe sie sehr.“ Im Gegensatz etwa zum Berliner Ensemble sei der Bühnenraum von jedem Platz im Publikum gut einzusehen: „Das ist sehr demokratisch.“

Sie mag Rituale. Noch immer fertigt sie Zeichnungen von all ihren Premierengeschenken an, hebt sie auf. Dass die Stadt Frankfurt allen Ernstes beschlossen hat, die Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz abzubrechen, kann die 27-jährige nicht verstehen. Jeder Raum hier atme Geschichte. „Die Vorstellung, dass ein Theater abgerissen wird, tut mir in der Seele weh.“ Noch freilich hat die Kommunalpolitik nicht die Kraft gefunden, einen konkreten Beschluss über einen Neubau zu fassen. Lotte Schubert arbeitet sich gerade intensiv in die Geschichte der Städtischen Bühnen in Frankfurt ein. Nach und nach lernt sie immer mehr der 1200 Menschen kennen, die hier arbeiten. Mit etlichen in der Kantine entspinnt sich ein kurzer Plausch. Sie wird weiter darauf zielen, dass sich ihr Beruf so verändert, wie es sich ihr Jahrgang in der Schauspielschule vorgenommen hatte. Das Theater, davon ist sie überzeugt, besitzt einen gesellschaftlichen Auftrag.

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