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Sie wollen sich testen lassen: Menschen warten vor dem Kiosk des Internisten Siemon.

Corona in Frankfurt

Corona-Schnelltest durchs Fenster: Kritik an Kiosk in Bockenheim

  • vonIsabel Knippel
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Ein Arzt bietet in einem Kiosk in Bockenheim (Frankfurt) Schnelltests auf Corona an. Die Reaktionen dazu sind unterschiedlich.

Lang ist sie, die Schlange vor dem Kiosk Fitfit im Stadtteil Bockenheim in Frankfurt, dabei hat der Laden gerade erst aufgemacht. Der Grund ist nicht Freibier: Im Geschäft werden statt Getränken Corona-Schnelltests verkauft. Deswegen gab es jetzt Kritik an dem Internisten Georg Siemon, der die Tests dort durchführt.

Es herrscht eine angespannte Situation dort: Auf der einen Straßenseite die Schlange, die bis in die Nebenstraße hineinragt. Abstände werden nicht immer eingehalten, manche tragen auch gar keine Maske, sondern haben nur behelfsmäßig den Schal hochgezogen.

Vor dem Kiosk stauen sich mutmaßlich mit Corona infizierte, Passanten sind verärgert

Auf der anderen Straßenseite stehen diejenigen, die schon getestet wurden, für mindestens 20 Minuten. So lange dauert es, bis das Resultat des Tests feststeht. Eine Frau schaut sorgenvoll: „Ich warte auf das Ergebnis meines Tests. Mein Sohn ist corona-positiv.“ Namen nennen will hier niemand. Eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Fahrrad drängt sich durch und raunzt barsch: „Müssen Sie hier denn so eng stehen, wenn Sie vielleicht Corona haben?“

Auch ein Transporteur steht da und schaut rüber zu der Schlange: „Solche Deppen! Die stellen hier alles zu mit ihren Autos“, ruft er unwirsch. Er selbst kommt mit seinem Wagen nicht durch, muss wohl warten, bis der Ansturm abflaut. Passanten bleiben stehen und starren, manche schütteln den Kopf. „Skurril ist das. Besser wär’s vielleicht, wenn sie da ein Pfeifchen verkaufen würden“, meint ein Mann im Vorbeigehen. Eine andere Frau sagt: „Ich finde das nicht gut, dass die Leute auf der Straße auf ihre Ergebnisse warten müssen.“ Eine weitere Frau erzählt, sie meide die Straße seit Wochen, da ihre Corona-Warn-App an dieser Straßenecke schon ausgeschlagen hätte. 17 Risikobegegnungen hätte sie, seitdem sie am Kiosk vorbeigelaufen sei.

Kioks Fitfit in Bockenheim (Frankfurt): Testender Arzt verteidigt sich

Georg Siemon dagegen glaubt nicht, dass sein Angebot das Infektionsrisiko vergrößert: „Wir halten uns an die Vorgaben der nationalen Teststrategie.“ Sein privatärztliches Testzentrum hat er mit der Landesärztekammer abgeklärt. Rund 100 Tests kriege er zurzeit von den Apotheken geliefert. Viel mehr könne er aber auch gar nicht an einem Tag bewerkstelligen, er sei eigentlich im Vaterschaftsurlaub.

Anfangs waren nur wenige Menschen gekommen, später hätte es eine teilweise 100 Meter lange Schlange gegeben. „Aber besser überlastet als sich zu fragen, ob man die Kosten wieder reinbekommt“, meint er. Darüber muss sich Siemon gerade keine Sorgen machen: 15 Euro kostet ein Test auf Corona für ihn laut eigenen Angaben im Einkauf, für 40 Euro bringt er die Tests auf die Straße. Die Rechnung ist schnell gemacht, und sie fällt äußerst lukrativ für den Internisten aus.

Corona-Schnelltests für alle: Knappe Ressource, die eigentlich Risikogruppen schützen sollten

Doch Siemon meint, er biete die Tests zu einem „sozialen Preis“ an. Ein spontaner PCR-Test sei viel teurer, die Zuverlässigkeit nur noch minimal unterschiedlich. „Ich mache das für den Jungen, der seine Oma besuchen wollte.“ Der Junge war symptomlos, der Schnelltest jedoch positiv und hielt den Getesteten letztendlich davon ab, seine Oma mit Corona zu gefährden.

Unter Kollegen ist Siemons Idee umstritten. „Gerade die Antigentests sollten dort eingesetzt werden, wo sie wirklich gebraucht werden, zum Beispiel beim Schutz von Risikogruppen“, zitierte die „Bild“ den Chef des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk. „Für die Allgemeinheit beziehungsweise für eine asymptomatische Testung sind sie völlig ungeeignet.“

Test auf Infektion mit Corona: Am besten erst mal an den Hausarzt wenden

Siemon reagiert auf die Kritik verärgert: „Ich gebe hier nicht Tests an jedermann. Ich schicke auch Leute weg. Aus Spaß kann man sich hier keinen Test holen.“ Einen jungen Mann beispielsweise hätte er abgewiesen, der sich am gleichen Tag mit einer Corona-Positiven getroffen hätte. Aber statt Leute in die Quarantäne zu stecken. sollten sie sich lieber schnell testen lassen, meint Siemon. Er nimmt die Maske ab, kratzt sich kurz unter der Nase und sagt: „Ich teste mich selbst auch alle drei Tage.“

Aus Sicht der Landesärztekammer ist der Kiosk „aus berufs- und hygienerechtlicher Sicht in Ordnung“, wie eine Sprecherin sagte. Der Kiosk sei quasi der ausgelagerte Untersuchungsraum einer Privatpraxis. Der Arzt selbst habe dafür Sorge zu tragen, dass die Wartenden sich an den Mindestabstand halten. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen will die Initiative des Internisten nicht kommentieren, rät aber, sich bei Verdacht auf Corona zuerst an den Hausarzt zu wenden. Der sei die erste Adresse, wenn es darum gehe, ob ein Test sinnvoll und welcher Test geeignet sei. (Isabel Knippel)

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