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Die ersten von der Bundeswehr ausgeflogegen afghanischen Familien sind am Mittwochorgen in Frankfurt gelandet.
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Die ersten von der Bundeswehr ausgeflogenen afghanischen Familien sind am Mittwochmorgen in Frankfurt gelandet.

Trauer und Wut

Sorgen um Familien in Afghanistan - „Ein humanitäres Armutszeugnis“

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Die in Frankfurt lebenden Qudsia Scharifi und Nesam Halim bangen um das Leben ihrer Familien in Afghanistan. Auch in Frankfurt sammelt sich die Diaspora für eine Protestaktion.

Frankfurt - Zwanzig Jahre nach ihrem Einmarsch hinterlässt die Internationale Gemeinschaft Afghanistan in totalem Chaos. In nur wenigen Wochen haben die Taliban eine Provinz nach der anderen eingenommen. Es sind dramatische Szenen, die sich derzeit abspielen. „Es ist ein humanitäres und moralisches Armutszeugnis für die Internationale Gemeinschaft. Die Trauer in den letzten Wochen ist in Wut umgeschlagen“, sagt Qudsia Scharifi.

Die 25-jährige Deutsch-Afghanin ist in Afghanistan geboren. Ihr Vater arbeitete für das Militär. Scharifis Eltern mussten mit ihren drei Kindern aus ihrem Heimatland flüchten. Scharifi war damals erst vier Monate alt. Ein Teil ihrer Familie lebt weiterhin in Afghanistan.

Nesam Halim organisiert die Protestaktion „Stop killing Afghans“ am 28. August in Frankfurt.

Täglich haben sie und ihre in Frankfurt lebende Familie mit den Angehörigen in Kabul und in anderen Teilen des Landes Kontakt. Scharifi ringt im Gespräch mit der FR oft mit ihren Worten. Ihre Familie spüre eine große Unsicherheit. „Niemand weiß, was in den nächsten Tagen passieren wird. Momentan können meine Cousins noch arbeiten. Die Frauen und Kinder sind zu Hause. Sie haben Angst, das Haus zu verlassen“, sagt sie. Den jüngsten Aussagen der Taliban, dass alle Frauen weiter arbeiten gehen könnten oder allen verziehen würde, die gegen die Taliban waren, glaubt Scharifi kein Wort. „Ich weiß, dass die Taliban sich nicht verändert haben.“

Gebürtige Afghanen in Frankfurt: Menschen in Afghanistan wollen Frieden

Die Menschen in Afghanistan wollen Frieden, erzählt sie. „Meine Familie hat 20 Jahre Krieg erlebt, danach Phasen des Fortschritts und der Hoffnung. Jetzt müssen sie wieder in den Krieg“, erzählt Scharifi.“

Proteste

Die Demonstration „Stop killing Afghans“ findet am 28. August um 14 Uhr am Frankfurter Hauptbahnhof statt. Die Protestaktion startet weltweit in 35 Städten und 17 Ländern.

In Mainz findet bereits am 20. August um 18 Uhr vor dem Theaterplatz eine Kundgebung statt.

Einen Tag später , am 21. August um 16 Uhr, organisiert die Seebrücke in Frankfurt eine Kundgebung. Ort wird noch bekannt gegeben.

Weitere Kundgebungen finden unter anderem statt am 20. August um 18.30 Uhr in Bensheim auf dem Beauner Platz sowie um 18 Uhr in Darmstadt auf dem Luisenplatz und am 23. August um 18 Uhr in Wiesbaden auf dem Dern’schen Gelände. 

Frankfurt: Afghanische Diaspora geeint

Die Krise im Land hat die afghanische Diaspora geeint. Die Solidarität innerhalb der Community sei sehr stark, sagt Scharifi. „Das gibt einem viel Kraft.“ Dennoch fühle sich die afghanische Bevölkerung von den internationalen Mächten verraten und im Stich gelassen. „Erkämpfte Frauenrechte und der Bildungszugang für Mädchen werden zunichte gemacht und die Welt schaut dabei zu“, sagt Scharifi.

In 35 Städten weltweit laufen derzeit auf Hochtouren die Planungen für die Protestaktion „Stop killing Afghans“ am 28. August. Auch in Frankfurt findet die Demonstration statt. Der 25-jährige Nesam Halim ist Mitinitiator und organisiert die Aktion in Frankfurt. Doch es gibt auch Widerstand gegen die Protestaktion. Halim erhielt sogar anonyme Drohanrufe. Doch aufhalten lassen werden sie sich nicht. „Wir stehen zusammen für unsere Ziele; für Frauenrechte, gegen Genozide, für Freiheitsrechte und Schutz von Journalisten“, sagt er.

Frankfurt: Einsatz für Menschen in Afghanistan - trotz Drohungen

Die Drohungen gegen ihn seien auch ein Grund, warum er sich mit Aussagen über seine Familie in Afghanistan bedeckt hält. „Sie haben Angst, verstecken und schließen sich ein. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Niemand weiß das“, sagt Halim. Einer seiner Verwandten arbeitete als Dolmetscher für die Bundeswehr. „Die stehen noch stärker auf der schwarzen Liste der Taliban.“

Bei Qudsia Scharifi ist die Trauer der letzten Wochen nun in Wut umgeschlagen.

Die Menschen in Afghanistan fühlten sich von der Internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen. „Wir müssen mitansehen wie die Taliban im Präsidentenpalast sitzen und in den Medien ihre Propaganda verbreiten können“, sagt Halim. Die Welt schaue zu, wie Vergewaltiger und Mörder aus den Gefängnissen entlassen würden. Manche Staaten würden die radikalen Islamisten akzeptieren. „Dabei kennen sie doch die Taliban seit vielen Jahren.“

Schon vor einigen Monaten warnten Expertinnen und Experten vor einem Abzug der internationalen Truppen. „Doch auf sie wurde einfach nicht gehört“, sagt Scharifi. Es brauchte dann wohl dramatische Aufnahmen, um zu verstehen, wie verzweifelt die Menschen dort sind. Eben jene Szene, wie Afghanen auf dem Rollfeld vor, neben und hinter einer US-Militärmaschine rannten und manche sich an das Flugzeug klammerten. „Es war die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Erst dann wachte die Welt auf“, sagt Halim. (Stefan Simon)

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