Thomas Feltes ist Polizeiwissenschaftler und Seniorprofessor an der Universität Bochum.
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Thomas Feltes ist Polizeiwissenschaftler und Seniorprofessor an der Universität Bochum.

Polizei

Kriminologe: „Polizei gilt als Spaßbremse“

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Der Kriminologe Thomas Feltes spricht im Interview über gelangweilte Jugendliche, dementierende Polizisten und eine aggressiver werdende Gesellschaft.

Herr Feltes, sehen Sie Parallelen zu den Ausschreitungen von Stuttgart?

Die Ausschreitungen in Stuttgart und jetzt in Frankfurt haben beide einen deutlichen Bezug zur aktuellen Situation: Junge Menschen fühlen sich (und sind es teilweise auch) seit Monaten eingesperrt, Sie haben keine Möglichkeit, Clubs oder Freizeiteinrichtungen aufzusuchen, in denen sie sich ansonsten getroffen haben. Die „Partykultur“ gibt es schon länger, allerdings meist in geschlossenen Räumen, und sie war bislang im Wesentlichen gewaltfrei. Jetzt eskaliert die Lage, corona-bedingt müssen sich Jugendliche neue Versammlungsorte suchen, an denen sie dann als störend empfunden werden. Die Polizei wird dann als „Spaßbremse“ empfunden, und man solidarisiert sich mit der Gruppe und gegen die Polizei.

Der Frankfurter Polizeipräsident Bereswill spricht von einer „aufgeheizten, undifferenzierten Vorwurfslage“.

Schönes Wort: „Vorwurfslage“. Das ist typischer Polizeisprech und soll die Tatsache verdecken, dass es sehr konkrete Tatsachen sind, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Dies als „Vorwurf“ zu bezeichnen, entspricht der typischen Haltung der Polizei in solchen Fällen: Wenn Totschweigen nicht mehr geht, erst dementieren, dann die Aufklärung verweigern oder behindern und schließlich vertuschen, was und wo immer es geht. In Wirklichkeit haben wir es hier mit einer besonderen Situation von Gruppendynamik zu tun, der sich der einzelne Partygänger kaum entziehen kann.

Was für eine Dynamik ist das?Gewalt wird zum emotionalen Erlebnis in einer ansonsten relativ ereignislosen Zeit (im Gefühl der Jugendlichen, nicht objektiv betrachtet). Plötzlich hat man das Gefühl, mächtig und stark zu sein – in der Gruppe. Hinzu kommt quasi als „Aufhänger“ die aktuelle Diskussion um Polizeigewalt und Rassismus in der Polizei, zumal viele der Jugendlichen selbst schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben. Dies ist nicht der auslösende Faktor, aber er führt mit dazu, dass sich die Mitläufer in der Gruppe solidarisieren und dann eben entweder mitmachen oder die Gewalttäter verbal unterstützen. Man kann da andocken und bekommt die Aufmerksamkeit von Medien und Politik. Was will man mehr?

zur Person

Thomas Feltes ist Seniorprofessor an der juristischen Fakultät der Ruhr-Uni in Bochum. Der 69-jährige Polizeiwissenschaftler befasst sich seit mehr als 40 Jahren auf nationaler und internationaler Ebene mit der Polizei und ihrem Verhalten. Der Jurist ist außerdem in einer Dortmunder Kanzlei als Strafverteidiger tätig. Foto: RUB, Marquard

Inwieweit sind die Aggressionen gegen die Frankfurter Polizei hausgemacht? Oder hätte das auch überall sonst passieren können?

Das kann ich nicht beantworten, da ich zu weit von Frankfurt entfernt bin. Generell aber gilt: Jede Form von Gewalt ereignet sich nicht im luftleeren Raum, sondern hat immer eine Vorgeschichte, die kurz oder lang sein kann, einen konkreten persönlichen Bezug haben kann oder einen eher gesellschaftlichen. Und: Wenn wir über Gewalt gegen Polizei reden, dann ist dies immer etwas, was mit Gegenseitigkeit zu tun hat. Gewalt gegen Polizei ohne Anlass ist mir nicht bekannt.

Könnte es sein, dass sich derzeit überwiegend Migranten „im Recht“ sehen, wenn sie gegen die Polizei vorgehen und daher von neutraler Klientel verbal unterstützt werden?

„Migrationshintergrund“ ist keine sozialwissenschaftliche oder kriminologische Erklärung für irgendetwas. Gewalt und Kriminalität sind eine Frage der sozialen Lage, nicht der Herkunft. Da sollte man genauer hinsehen, und dann kann man vielleicht erkennen, dass wir im Moment generell eine aggressiver werdende Situation in unserer Gesellschaft haben. Verbale Attacken werden intensiver, in den sozialen Netzwerken, aber auch aus politisch rechten Ecken. Wir haben zunehmend ein gesellschaftliches Selbstverständnis, das von Gewalt, Aggression und Durchsetzung sowie populistischen Einstellungen geprägt ist. Viele Jugendliche, die ohnehin sozial und finanziell benachteiligt sind, fühlen sich hier noch mehr an den Rand gedrängt, weil sie keine Macht haben.

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