Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Il sont fous,ces hesses!
+
Il sont fous, ces hesses!

Frankfurt 2021

Kreuz und quer

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
    schließen

Ein neues Jahr ganz ohne Corona? Wo gibt’s denn sowas? Natürlich exklusiv in der Lügenpresse. Aber so wie es aussieht, haben wir 2021 in Frankfurt am Mainstream ganz andere Probleme. Und dennoch, keine Sorge, am Ende wird doch alles wieder gut, auch wenn das an ein Wunder grenzt.

JANUAR

Niemand weiß, wo sie herkommen, es ist unklar, was sie wollen, aber dass in Frankfurt eine neue Bewegung immer größer wird, ist nicht zu ignorieren. Sie nennen sich selbst „Querbabbler“, und sie machen eigentlich nichts anderes, als verbal in aller Öffentlichkeit die hessische Lebenseinstellung zu verhöhnen. An Wasserhäuschen, in Ebbelweikneipen, im Waldstadion, in der U-Bahn, im Supermarkt, überall hört man plötzlich Sätze wie „Die da oben machen eigentlich vieles richtig“, „Eine Zensur findet nicht statt“, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ oder „Schönes Wetter heute“, und all das zu allem Überfluss auch noch auf Hochdeutsch. Die Alteingesessenen reagieren irritiert bis aggressiv.

FEBRUAR

Die Querbabbler, bei denen es sich in der Mehrzahl um Zugezogene aus anderen Regionen Deutschlands handelt, werden von den alteingesessenen Frankfurtern zunehmend als Bedrohung für die lokalen Sitten betrachtet. Es entsteht eine Gegenbewegung: Die „Schlächdbabbler“, die sich zu Beginn hauptsächlich aus Sachsenhäuser Apfelweinwirten rekrutieren, pochen auf das angeblich in der Hessischen Verfassung verbriefte Recht, ihre chronisch schlechte Laune in freier Rede zu äußern. An einigen Wasserhäuschen kommt es zu ersten Auseinandersetzungen, die glimpflich verlaufen. Als die Querbabbler aber vor dem letzten Wochenende des Monats mit „Fridays for Feldmann“-Transparenten gen Römerberg ziehen, um mit dem Kirchentagslied „Danke“ Oberbürgermeister und Magistrat für deren aus ihrer Sicht vortreffliche Arbeit zu huldigen, eskaliert die Situation. Beide Lager gehen aufeinander los, die Polizei setzt Wasserwerfer ein, aber auf Dauer ist das auch keine Lösung.

MÄRZ

Die Kommunalwahlen bringen angesichts der zunehmenden Radikalisierung und Lagerbildung ein überraschendes Ergebnis und einen Dämpfer für die etablierten Parteien. Die Bürger Für Frankfurt (BFF), die vor allem bei den Schlächdbabblern hohes Ansehen genießen, werden mit 33 Prozent stärkste politische Kraft, dicht gefolgt von der eher bei den Quer babblern beliebten ÖkoLinX-ARL (32 Prozent). Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler (CDU) wittert Wahlbetrug und moniert, dass die Wahlautomaten von einem dubiosen Unternehmen namens Fun Forest GmbH AbenteuerPark Offenbach aufgestellt wurden, das normalerweise Glücksspielautomaten verleiht. Er will das Ergebnis nicht akzeptieren. Und damit ist er nicht allein. Siegler und Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) verbarrikadieren sich im Römer. ÖkoLinX-Chefin Jutta Ditfurth tritt aus Protest in den Hungerstreik. BFF-Fraktionschef Mathias Mund will das auch tun, aber seine Ehefrau verbietet es ihm.

APRIL

In einer von den Mainstreammedien totgeschwiegenen, aber ansonsten vielbeachteten Rede geißelt der AfD-Landtagsabgeordnete Rainer Rahn den aus seiner Sicht von Freimaurern, Querbabblern und Offenbachern organisierten Wahlbetrug, die immer irrer werdenden Frankfurter Verhältnisse und vor allem den „Großen Umtausch“ der Frankfurter Stadtbevölkerung durch gutgelaunte, unkritische und daher leicht zu manipulierende Kulturfremde. Er fürchtet, dass diese Entwicklung auch in anderen Städten eintreten könnte. Rahn schließt seine Rede mit dem flammenden Appell „Wer Hessen nicht hasst, soll Hessen verlassen“, der als dernier cri de guerre von den Schlächdbabblern aufgenommen wird und den alten Kampfruf „Hass macht hessisch!“ ablöst. Es gärt in der Stadt.

MAI

Der beliebte, aber chronisch klamme Party- und Eventkoch Mirko Reeh erklärt völlig überraschend seinen Rückzug aus der Jury des Grie-Soß-Wettbewerbs. Seine Begründung mutet etwas abenteuerlich an: Reeh erklärt den im Mai 1871 im Hotel zum Schwan geschlossenen Friedensvertrag zwischen Deutschland und Frankreich für ungültig und behauptet, dass Frankreich die darin festgeschriebenen Reparationszahlungen von fünf Millionen Goldfrancs nicht bezahlt habe. Die sollen nun gezahlt werden, und zwar an ihn, weil das damalige Hotel heute die Buchhandlung Hugendubel ist, er noch einen uneingelösten Gutschein über 20 Euro besitze und somit legitimer Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches sei. Das Grie-Soß-Festival aber sei von Anhängern der französischen Nouvelle Cuisine unterwandert. Für die Schlächdbabbler ein willkommener Anlass, ihren alten Zorn auf den Franzosen als solchen aufzufrischen: Mit Fackeln und Mistgabeln stürmen sie das französische Konsulat in der Zeppelinallee, die Diplomaten können rechtzeitig fliehen und erhalten in Offenbach politisches Asyl. Für die Schlächdbabbler ein willkommener Anlass, ihren alten Zorn auf den Offenbacher als solchen aufzufrischen.

JUNI

Hunderte von Querbabblern demonstrieren vor dem besetzten Konsulat, das mittlerweile von den Schlächdbabblern als Hauptquartier genutzt wird, gegen die sich virulent verbreitende Franzosenfeindlichkeit. Sie halten als Zeichen der Solidarität Baguettes in die Höhe, singen „Je t’aime“ und werden von den Besetzern mit Bierflaschen beworfen und als „Offenbacher“ und „Froschfreunde“ herabgewürdigt. Die Querbabbler versuchen, ihre Kontrahenten davon zu überzeugen, dass es sich bei Begriffen wie „Frankfurter*Innen“ und „Offenbacher*Innen“ lediglich um ein soziales Konstrukt handele und jeder Mensch selbst und frei entscheiden könne, wo er sich heimisch fühle. Aber das macht die Schlächdbabbler bloß noch wütender. Die alte Bismarck-Hoffnung „Ich wünsche von Herzen, dass der Friede von Frankfurt auch den Frieden für Frankfurt und den Frieden mit Frankfurt bringen werde“ hat sich jedenfalls nicht erfüllt. Eher im Gegenteil.

JULI

Aber auch die Beziehung der Nachbarstädte leidet unter den völlig unbewiesenen Wahlbetrugsvorwürfen, die Siegler und Feldmann alltäglich vom Balkon des Römers in die Stadt posaunen und die auf offene Ohren treffen. Immer wieder kommt es zu Übergriffen, vor allem von Seiten der Frankfurter. Nach dem überraschenden Angriff einer paramilitärischen Bierboot-Flotte der Schlächdbabbler auf den Offenbacher Westhafen schließt die Lederstadt die Mainschleuse und erhebt mit einer offensichtlichen Fälschung eines historischen Dokuments („Wallmannsche Schenkung“) Anspruch auf das komplette Kaiserlei-Areal. Frankfurt versetzt die Freiwillige Feuerwehr in Alarmbereitschaft. Ein bewaffneter Konflikt scheint unvermeidlich, aber in letzter Sekunde verhindert die ganz große Politik das Schlimmste: Die Türkei erklärt sich zur Schutzmacht Offenbachs, Russland sichert Frankfurt seine Unterstützung zu, und die Waffen schweigen. Die Frankfurter und Offenbacher freilich nicht.

AUGUST

Der Offenbacher Rapper Haftbefehl deckt auf seinem Telegram-Kanal einen allzu lange vertuschten Skandal auf: Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) handele es sich keinesfalls um einen souveränen Staat, sondern lediglich um eine GmbH. Insofern sei die Deutsche Meisterschaft von 1959 widerrechtlich an die Frankfurter Eintracht gegangen und damit ungültig, der Titel müsse unverzüglich den Offenbacher Kickers übergeben werden, die damals arglistig getäuscht worden seien. Zudem würden im sogenannten „DFB-Leistungszentrum“ im Frankfurter Stadtteil Niederrad entführte Minderjährige gequält und gefügig gemacht, um später als sogenannte Einlaufkinder in den Katakomben des Waldstadions missbraucht zu werden. Und zu schlechter letzt stecke hinter dem harmlos anmutenden Waldstadion in Wirklichkeit eine furchtbare, nach Weltherrschaft strebende Organisation: die berüchtigte Commerzbank. Die Empörung ist natürlich groß. In beiden Städten.

SEPTEMBER

An jedem Spieltag marschieren nun Hundertschaften DFB-kritischer Offenbacher vor das Leistungszentrum. Sie tragen Hermann-Nuber-Masken und schweigen stundenlang vorwurfsvoll. Das DFB-Präsidium wendet sich hilfesuchend an die Polizei, aber die ist derzeit voll mit sich selbst und ihrer „Digitalen Offensive 2021“ beschäftigt, die es ermöglichen soll, NSU2.0-Drohfaxe künftig klimagerecht als E-Mail verschicken zu können, aber das lausige W-Lan in den Frankfurter Wachen macht die Umsetzung schwieriger als gedacht. Auch das Vermummungsverbot bietet keine Handhabe gegen die Demonstranten: Fast alle könne ein Attest vorweisen, das ihnen einen pathologischen „Maskenzwang“ bescheinigt. Immer wieder kommt es zu Scharmützeln mit Eintracht-Ultras und Schlächdbabbler-Milizen. Vom Balkon des Römers rufen Feldmann und Siegler zur Besonnenheit auf, aber die Menschen wollen lieber mehr vom Wahlbetrug hören.

OKTOBER

Was macht eigentlich Jutta Ditfurth? Die um die Früchte ihrer Arbeit betrogene Kommunalpolitikerin befindet sich immer noch im Hungerstreik und sieht mittlerweile aus wie der Suppenkasper auf dem vorletzten Bild. Da erscheint Mathias Munds Ehefrau Heidi die Heilige Jungfrau Maria und gebeut ihr, die hungernde Dame zum Abendessen einzuladen. Da kann Mund schlecht Nein sagen. Ditfurth ist anfangs skeptisch, doch als Mund ihr garantiert, dass alle Zutaten aus biologischem Anbau und fairem Handel stammen und sie sogar willens sei, auf das obligatorische Tischgebet zu verzichten, ist der Hunger dann doch größer als die politischen Skrupel. Es gibt vegane Bolognese nach dem Rezept eines bekannten Berliner Fernsehkochs, und das Wunder geschieht: Beiden schmeckt’s, man versteht sich, und beim Nachtisch beschließen beide bei fermentierten Matcha-Plätzchen und Soja-Latte, die garstige Politik aufzugeben und stattdessen gemeinsam eine Boutique in der neuen Altstadt zu eröffnen. Heidis Ehemann protestiert, wird von den beiden kurzerhand vor die Tür gesetzt und flüchtet nach Offenbach. Dort aber will man ihn nicht haben und bringt ihn zum nächsten Abschiebeflug zum Egelsbacher Flugplatz, doch durch plötzlich auftretende 5-G-Strahlungseruptionen verlieren die Piloten kurzfristig die Orientierung und den Verstand und landen in Afghanistan statt auf dem Frankfurter Flughafen. Womit letztlich aber alle ganz zufrieden sind. Bis auf Mathias Mund. Und natürlich die Afghanen.

NOVEMBER

Offenbar beflügelt von ihrem Erfolg erscheint die Heilige Jungfrau nun dem ansonsten eher weniger frömmelnden Landtagsabgeordneten Rahn und droht ihm mit höllischen Zahnschmerzen und Barthaarausfall, sollte er nicht unverzüglich seine Hasskampagnen einstellen. Rahn, den göttlichen Zorn fürchtend, schickt eine Lügenpressemitteilung an die Mainstreammedien, laut der er es „zutiefst bedauert“, dass er damals „missverstanden“ worden sei. Er habe eigentlich sagen wollen: „Unser Hessen – zum Rasen viel zu schön!“, vielleicht aber ein wenig genuschelt. Nun aber rufe er laut und deutlich im Namen der Heiligen Jungfrau alles Volk jeglicher politischer Couleur auf, sich an Heiligabend auf dem Römerberg einzufinden, um Zeugen eines wahren Weihnachtswunders zu werden.

DEZEMBER

Da hat Rahn nicht zu viel versprochen. Pünktlich zum letzten Glockenschlag des Stadtgeläuts erscheint die Heilige Jungfrau auf dem Gerechtigkeitsbrunnen – und lüftet ihren Schleier. Zum allgemeinen Erstaunen verbirgt sich darunter das Antlitz des ehemaligen Limburger Bischofs Franz Tebarz van Elst. Er sei zwar als Bischof geboren, erklärt Tebarz van Elst der gebannt lauschenden Menge, habe sich aber schon immer eher als Heilige Jungfrau gefühlt und lebe das jetzt aus. Es sei ein Gefühl der Freiheit, das man mit allen goldenen Badewannen der irdischen Welt nicht kaufen könne. Das wahre Glück liege in der Harmonie mit sich selbst – und mit anderen. Dann präsentiert er sein Weihnachtsgeschenk an die Stadt: eine missgestaltete Tanne, frisch geschlagen im Dannenberger Forst. „Offenbacher Krüppelkiefer!“, monieren die Schlächbabbler. „Ökologischer Frevel!“, motzen die Querbabbler. Und plötzlich entdecken beide Parteien, dass sie doch etwas eint, nämlich die Geringschätzung des Weihnachtsbaums. Und Frieden senkt sich über Römerberg und Stadt. Eintracht- und Kickers-Fans liegen sich weinend in den Armen und beteuern, dass Handball ja auch ein ganz schöner Sport sei. Ditfurth und Mund, von der allgemeinen Gefühlsduselei übermannt, beschließen spontan, ihre neue Beziehung auch standesamtlich zu machen, Feldmann und Siegler öffnen eigens dafür das lange verschlossene Rathaustor. Völlig überraschend trifft auch ein Geldbote aus Paris mit fünf Millionen Goldfrancs für einen gewissen Mirko Reeh ein, aber da der nicht aufzufinden ist, wird das Geld unter den Anwesenden verteilt. Und alle, alle sind endlich einmal zufrieden.

Wirklich alle? Ja, alle! Im fernen Afghanistan erreicht der frisch konvertierte Mathias Mund mit der Gründung der Kabuler Ortsgruppe der „Moderaten Taliban gegen die Christianisierung des Morgenlandes“ endlich die internationale Aufmerksamkeit, die ihm im eigenen Land verwehrt worden war. (Stefan Behr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare