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Die Künstlerin Maret Anna Sara in mitten ihrer Arbeit „Gefangen“.

Ausstellung

Krallen im Herz, Trolle im Wald

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Das Museum Angewandte Kunst (MAK) in Frankfurt wandelt sich zum „House of Norway“ und zeigt einen Überblick über Kunst und Design des nordischen Landes.

Auf diese Stunde hat Matthias Wagner K. mehr als zwei Jahre lang hingearbeitet. Fünfmal bereiste der Direktor des Museums Angewandte Kunst (MAK) mit seinem Team Norwegen. Legte Tausende von Kilometern im Geländewagen, aber auch im Rentierschlitten zurück. Fuhr durch die Telemark und die Finnmark und durch die Heimat der Sami, des indigenen Volkes, das in Norwegen, Schweden, Finnland und Teilen Russlands lebt. Diese Arbeit legte die Grundlage für „House of Norway“, eine große Ausstellung wichtiger Positionen von norwegischer Kunst, Design, Kunsthandwerk und Architektur im MAK.

Für Norwegen, den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019, ist diese Schau ein zentraler Baustein seines Auftritts. „Wir wollten einen Dialog, ein Gespräch mit den deutschen Museumsleitern und den norwegischen Künstlerinnen und Künstlern“, sagt Halldór Gudmundsson, Projektleiter des Ehrengast-Auftritts. Deswegen habe man sie nach Norwegen eingeladen. „Der Blick des Außenstehenden“ sei dem Land wichtig.

Der Gang durch die Ausstellung und damit durch das gesamte Museum öffnet ein bewegendes, teils verstörendes Panorama sowohl aktueller wie auch historischer Positionen. 47 Künstlerinnen und Künstler, Gestalterinnen und Gestalter sind versammelt, drei „heftige Wochen“ (Wagner K.) hat es gedauert, ihre Arbeiten aufzubauen.

Fotos von Kleider-Designs.

Im ersten Stockwerk zeigt Máret Anne Sara ihre Installation „Gielastuvvon“ (deutsch: Gefangen). Was an einen kleinen Wald von Galgen erinnert, zeigt in Wahrheit Lassos, die von Rentierhirten eingesetzt werden. Es ist ein Protest gegen die Einschränkung von Weideflächen und Tierhaltung durch die norwegische Regierung. Was aus ökologischen Gründen geschieht, gefährdet aus Sicht der Samen die wirtschaftliche Existenz der Züchter.

Immer wieder stoßen die Besucher auf die künstlerische Auseinandersetzung mit den heutigen Lebensbedingungen in Norwegen. Der samische Künstler Joar Nango hat mit seinen Freunden eine Shell-Tankstelle umgestaltet. Auf einem umlaufenden Spruchband steht jetzt übersetzt zu lesen: „Sie halten sich nicht an Gesetze und vorgeschriebene Wege.“ Sie: Das sind die Besucher von außerhalb, die in die samische Welt kommen.

Spiralen aus dem Haufen“ von Maret Anne Sara. 

Solche zeitlich beschränkten künstlerischen Interventionen sind typisch für die Sami und erinnern an die frühere nomadische Lebensweise der Menschen. Der Film „Indigenuity Manifesto“ von 2016, der gezeigt wird, stellt ihre Positionen dar.

Fotografierverbot für die zahlreichen Medienvertreter gilt in einer besonderen Abteilung im ersten Stock. An der Wand hängen alte Papierblätter mit Zeichnungen und Texten in verschiedenen Farben. Der Maler Edvard Munch, der bekannteste norwegische Künstler des frühen 20. Jahrhunderts, hat sich auf diesen Blättern zwischen 1930 und 1935 seine Not und Bedrängnis von der Seele geschrieben.

„Ein Raubvogel hat sich in meinem Inneren festgesetzt.

Seine Krallen haben sich fest in mein Herz gehakt

Sein Schnabel hat sich in meine Brust gebohrt

und sein Flügelschlag hat meinen Verstand verdunkelt.“

Diese Textzeichnungen waren noch nie öffentlich zu sehen. Sie sind Teil eines Konvoluts von insgesamt 81 Blättern mit Notizen, Skizzen, Holzschnitten und Zeichnungen von Munch. Sie werden dauerhaft von 2020 an im neuen Munch-Museum in Oslo gezeigt werden. Direktor Wagner K. ist stolz darauf, schon jetzt einige präsentieren zu können – allerdings unter der Bedingung, dass keine Fotografien verbreitet werden.

Die Arbeit „Tundramädchen“ von Inger Blix Kvammen.

Immer wieder setzen sich die zeitgenössischen Künstler mit der Natur und den Mythen ihres Heimatlandes auseinander. Von Ingrid Torvund ist die Filmtrilogie „Under Earth“ zu sehen. Entstanden vor allem in den dunklen Waldlandschaften der Telemark zeigt sie Drachen, Engel, Kreuze, Dämonen und Trolle aus der norwegischen Mythologie.

Ein dunkles Kapitel norwegischer Geschichte blättert das „Steilneset Memorial“ auf, das der Schweizer Architekt Peter Zumthor für einen Inselort in der Barentsee entworfen hat. Es erinnert an die Hexenverbrennungen in Norwegen im 17. Jahrhundert. Eine 125 Meter lange Konstruktion aus Segeltuch und Holz, die an norwegische Gestelle zum Trocknen von Fisch erinnert, birgt in ihrem Inneren 91 Nischen für die Opfer. Die Fotografien von Ken Schluchtman in der Ausstellung geben eine beklemmende Atmosphäre wieder.

Breiten Raum gibt es für norwegisches Design, etwa für Möbelentwürfe aus den 50er und 60er Jahren. Über den skulpturalen Stuhl „Globusgarten“ aus dem Jahr 1985 führt der Weg bis zum modernen Schreibtisch aus dem Jahr 2019 von Andreas Engesvik unter dem Namen „Alto“.

Prof. Matthias Wagner K (l) und Halldor Gudmundsson.

Die Deutsche Regine Juhls, die seit Jahrzehnten in der Finnmark lebt, lässt sich für ihren Silberschmuck von Mosen und Flechten der norwegischen Provinz inspirieren. Die Designerin Toni Vigeland hat sich auf Halsbänder und Ketten spezialisiert – auch aus Rentier-Knochen.

Zu den ganz besonderen Angeboten im „House of Norway“ gehört ein mehrwöchiges Gastspiel des Sámi National Theatre Beaivvas aus Kautokeino. In der Ausstellung ist eine Bühnenlandschaft aufgebaut, auf der in samischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln das Stück „Johan Turi“ gespielt wird. Der Rentierzüchter Johan Turi (1854-1936) galt als erster samischer Schriftsteller.

Es ist ein beeindruckender Einblick in künstlerische Positionen Norwegens, der manchmal allerdings etwas unzusammenhängend gerät. Rund 200 000 Euro konnten Matthias Wagner K. und sein Team für die Ausstellung ausgeben. Sie wurden vom Ehrengast Norwegen und von Sponsoren wie dem großen Möbel-Produzenten Vestre unterstützt. „Für die norwegische Kunst ist das heute ein großer Tag“, urteilt Projektleiter Hálldor Gudmundsson.

Die Ausstellung

„House of Norway“ ist vom 11. Oktober 2019 bis zum 26. Januar 2020 im Museum Angewandte Kunst (MAK) in Frankfurt am Main, Schaumainkai 17, zu sehen. Idee und Konzept der Ausstellung stammen von MAK-Direktor Matthias Wagner K und von Sabine  Schirdewahn, Kurator ist Wagner K. 

Am 12. Oktober startet das Begleitprogramm mit der Deutschlandpremiere des samischen Theaterstücks „Johan Turi“ des Sami National Theatre Beaaivvas. 

Das Museumsrestaurant „Emma Metzler“ präsentiert für die Dauer der Ausstellung Spezialitäten der New Nordic Cuisine. 

Die Öffnungszeiten der Ausstellung sind Dienstag, Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und Mittwoch von 10 bis 20 Uhr. 

Norwegen präsentiert sich 

Mittsommernacht Harald Sohlberg: Ein norwegischer Landschaftsmaler, noch bis zum 27. Oktober im Museum Wiesbaden. 

Filmland Norwegen : Noch bis zum 30. Oktober zeigt das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main norwegisches Filmschaffen. 

Eaten Fish : Zeichnungen von Ali Dorani noch bis zum 31. Oktober im Haus am Dom in Frankfurt am Main. 

Frida Orupabo : Die Künstlerin noch bis 24. November im Portikus Frankfurt.

Ethereal Photographic Art from  Norway: Die Fotografen Dag Alveng, AK Dolven und Linn Pedersen noch bis 12. Januar 2020 im Fotografie Forum Frankfurt. 

Hanna Ryggen : Die norwegische Textilkünstlerin noch bis zum 12. Januar 2020 in der Kunsthalle Schirn in
Frankfurt. 

In norwegischen Landschaften Hunting High and Low, Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main noch bis zum 19. Januar 2020.

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