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Korruptionskäs mit Musik

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Von: Stefan Behr

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Prozess gegen Wirt zeigt: Bestechung muss nicht teuer sein - lohnt sich dann aber auch nicht

Bestechung und Vorteilsnahme sind hier und heute übel beleumundet. Das ist eigentlich schade, denn Korruption gehört zu Frankfurt wie die Skyline. Allerdings verbreiten Finanzinvestoren, Immobilienmakler und Arbeiterwohlfahrer schon länger den Eindruck, Korruption sei ein exklusives Hobby der Reichen und Mächtigen.

Dass Korruption auch ein menschliches Antlitz hat, zeigt Gastwirt M. am Dienstag vor dem Amtsgericht. Der 51-Jährige, der sich wegen Vorteilsgewährung an eine Amtsperson verantworten muss, wirkt wie ein Gemütsmensch, was für einen Sachsenhäuser Wirt schon erstaunlich genug ist. Von ihm hört man auch die ganze Verhandlung über kein einziges böses Wort. Das kann aber auch daran liegen, dass diese sehr kurz ist und auch niemand einen Bembel ohne was zu essen dazu bestellt.

Von Januar 2016 bis April 2017 hatte M. einen Dienstgruppenleiter der Stadtpolizei, nennen wir ihn den billigen J., bestochen, damit dieser ihm vorab Kontrollen des Ordnungsamts steckt. Neun Taten nennt die Anklage. Sie sind dergestalt, dass Bernhard Grzimek sie wohl als „possierliche Kerlchen“ bezeichnet hätte: sieben Bargeldzusteckereien (viermal 20, dreimal 50 Euro), ein Hugo-Boss-T-Shirt (frisch gewaschen), einmal gebührenloses Verleihen des eigenen Autos (ungewaschen).

Dafür hat M. einen Strafbefehl über 180 Tagessätze à 25 Euro (4500 Euro) erhalten. Und dagegen Einspruch eingelegt. Er und sein Verteidiger finden es ungerecht, dass M. so viel zahlen soll und die anderen Kneipenwirte, bei denen der billige J. auf der Payroll gestanden hatte, viel weniger. „4500 Euro – das ist ja das Vielfache von dem, was er für die Bestechung ausgegeben hat“, echauffiert sich M.s Anwalt, aber die Staatsanwältin belehrt ihn, dass es darum beim Strafmaß nicht gehe.

Vielmehr verdankt M. die Höchststrafe einer gastronomischen Tugend, dem Führen eines Kassenbuchs. Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die dem billigen J. mal einen Schein, mal Konzertkarten und mal eine Rindswurst zugesteckt hatten, hatte M. seine ganzen neun Bestechungen akribisch aufgelistet. Und neun nachweisbare Taten gab es bei den anderen Wirten halt nicht.

Trotzdem ungerecht! Natürlich sei das Bestechung, räumt der Anwalt des voll geständigen M. ein, „da beißt die Maus keinen Faden ab“. Aber eine, wie sie sich gehöre. Früher, als alles noch seine Art gehabt und der Schutzmann den Verkehr geregelt habe, da habe man dem Schutzmann „zu Weihnachten eine Flasche Wein an den Verkehrsregelpunkt gestellt“, und keinen habe das gestört. Am allerwenigsten den Schutzmann.

Da ist natürlich was dran, auch da beißt die Maus keinen Faden ab, und irgendwie sind auch Richterin und selbst Staatsanwältin der Auffassung, dass 4500 Euro vielleicht ein bisschen zu viel des Guten waren. Man einigt sich darauf, das Verfahren wegen geringer Schwere der Schuld vorläufig einzustellen.

Die geladenen Zeugen – darunter auch der billige J., schon längst zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt – werden nicht mehr gebraucht. J. und M. grüßen sich kameradschaftlich, aber zugesteckt wird nichts. Da gibt es auch nicht mehr so viel, denn die jüngsten Zeiten waren bei beiden, zumindest was die Finanzen angeht, nicht in Geberlaune.

Trotzdem muss M. noch 3000 Euro an die Kinderhilfestiftung zahlen. Das ist immer noch ein Vielfaches des Bestechungsgeldes, aber weniger als 4500. Und also steht am Endes des Prozesses die irgendwie traurige Erkenntnis, dass Korruption wohl doch ein exklusives Hobby der Reichen und Mächtigen ist. Zumindest die, die sich lohnt. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

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