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25 Jahre Erfahrung in der Therapie von Drogensüchtigen: Abdolhamid Zokai.

Interview

„Ein Experiment wäre gut“

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Abdolhamid Zokai leitet eine Substitutionspraxis in Offenbach und spricht über seine Erfahrungen mit kontrollierter Drogenabgabe.

Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) schlägt einen Modellversuch für die kontrollierte Crackabgabe für Schwerstabhängige vor. Was sagen Sie dazu?

Ich sag es mal so, wenn ich diese langjährige Erfahrung nicht hätte, dann würde ich sagen, es ist nicht machbar. Als wir mit der Heroinstudie anfingen, gab es auch sehr viele skeptische Experten, die sich auf die Pharmakologie bezogen, die auch die Machbarkeit infrage stellten. Dann stellte sich heraus, dass die Praxis anders aussieht. Dennoch bin ich aus pharmakologischer Sicht skeptisch.

Warum?

Crack ist eine Substanz, die sehr schnell anflutet. Das ist der Grund, warum die Patienten die Droge konsumieren wollen. Wenn sie einmal eine Abhängigkeit entwickelt haben, dann leiden die Patienten unter massivem Kontrollverlust, begleitet von crackbedingten paranoiden Inhalten. Im Rahmen einer kontrollierten Abgabe müsste man einfach sehen, wie es sich entwickelt und ob eine mehrmalige kontrollierte Abgabe nötig ist. Heroin beispielsweise hat eine Halbwertszeit von 30 bis 90 Minuten. Aus meiner Zeit in der Heroinambulanz hatten wir aus pharmakologischer Sicht eigentlich wenig Erfolgschancen, weil der Patient sich wegen der kurzen Halbwertszeit immer mal wieder, nach drei oder vier Stunden, einen Schuss setzen muss. Doch die geregelten Vergaben widersprachen dieser festen pharmakologischen Überzeugung. Manche Patienten waren schon bei einer einmaligen Gabe zufrieden. Für den Rest des Tages waren sie sogar einverstanden eine andere, länger anhaltende Substanz zu nehmen.

ZUR PERSON

Abdolhamid Zokai, 58 Jahre alt, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit acht Jahren führt er in Offenbach eine Substitutionspraxis. Im Jahr 2003 leitete er die bundesweite Heroinstudie und war Leiter in der Frankfurter Heroinambulanz. stn

Also ist es eine reine Schätzung, ob eine Cracktherapie anschlägt oder nicht.

Wir wissen nicht, welche Ergebnisse uns die kontrollierte Crackabgabe bringen würde. Für das Suchtzentrum von Abhängigen spielt es hingegen keine Rolle, welche Substanz sie zu sich nehmen, um es zufriedenzustellen. Der Unterschied ist eben, dass Crack sehr schnell anflutet und sehr schnell abbaut.

Könnte eine Cracktherapie auch dazu führen, den Straßenkonsum zu verringern?

Ich würde es sehr begrüßen, deswegen wäre ein Experiment gut, um zu sehen, wie wir den Patienten erreichen. Aber hier ist die Entkriminalisierung von Drogengebrauch ein wesentlicher Faktor.

Ist Crack gesundheitlich gefährlicher als Heroin?

Es hängt vom Abhängigkeitsgrad oder den psychiatrischen Hintergrunderkrankungen ab. Crack führt in der Entwicklung der Sucht zu Kontrollverlust und der geht mit sehr hohem Suchtdruck einher.

Aber sollte man den Konsumentinnen und Konsumenten dann nicht erst recht mit einer Substitutionstherapie helfen?

Ja, meine Erfahrung zeigt auch, wenn man ein individuelles Behandlungskonzept mit dem Patienten zusammen erstellt und eine therapeutische Beziehung zu den Patienten aufgebaut hat, kann man durch die Substitutionsbehandlung das Konsummuster, den Beigebrauch von Drogen oder Medikamenten thematisieren und behandeln. Heroinkonsumenten, die wir erreicht und substituiert haben, sind dadurch sehr häufig von Crack weggekommen. Es heißt nicht, dass sie sich nicht danach sehnen. Patienten, die wirklich sehr cracksüchtig waren, sind erst durch Crack abhängig von Opiaten geworden, weil sie Heroin spritzen, um von Crack runterzukommen.

Interview: Stefan Simon

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