Justiz

Kontakte zur Journaille

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Das Amtsgericht Frankfurt spricht einen Ex-Polizeipressesprecher vom Vorwurf des Geheimnisverrats an eine Zeitung frei.

Bild‘ erfuhr DAS Tuschel-Thema in der Justiz“, freute sich die „Bild“-Zeitung Anfang März 2018. Unter der Überschrift „Die fatale Suff-Fahrt eines Top-Anwaltes“ berichtete die Zeitung über den Fehltritt eines Mannes, der „zu den GANZ großen Namen im deutschen Anwaltswesen“ gehöre und tagtäglich „mit Millionen-Beträgen auf dem Finanzmarkt“ jongliere. Aber auch solche Menschen haben Alltagssorgen, zum Beispiel keine Kippen mehr. Als der Anwalt nebst Kollege zu später Stunde aber im AMG-Mercedes zwecks Zigarettenkauf zur Tankstelle fuhr, war er leider viel zu heiter (weit über zwei Promille), was einer Streife unangenehm auffiel. Auf der Wache soll der Millionenjongleur die Beamten mit diversen justiziablen Kraftausdrücken und dem Hitlergruß bedacht haben. Die „Bild“ berichtete über den Herrenabend in der Organisierten Wirtschaftsanwalterei exklusiv.

Ebenso exklusiv steht der ehemalige Frankfurter Polizeipressesprecher S. am Mittwochmorgen wegen des Verrats von Dienstgeheimnissen vor dem Amtsgericht. Der 58-jährige S. ist noch ein Vertreter der alten Pressesprecherschule, in der es nicht nur darum ging, den Satz „Dazu kann ich nichts sagen“ dreimal hintereinander fehlerfrei auszusprechen. S. war auch ein Meister der Kunst, die selbst sein ehemaliger Chef im Zeugenstand als das eigentliche Wesen des Pressesprechens benennt: „Sachverhalte zu bestätigen, die nicht mehr zu leugnen sind“. S. ist mehr so der joviale „Good Cop“-Darsteller, der sich heute noch „intensiver Kontakte in die Journaille rein“ rühmt – auch wenn er seit der Hausdurchsuchung im Oktober 2018 als Sachbearbeiter für Wohnungseinbrüche tätig ist.

Disziplinarverfahren läuft

S. wird vorgeworfen, dem damaligen stellvertretenden Leiter der „Bild“-Lokalredaktion die Sache mit dem „Top-Anwalt“ samt Namen des Beschuldigten gesteckt zu haben. Zwar wurde der Name des Anwalts in dem Artikel nicht genannt, die Veröffentlichung hatte für den Juristen aber dennoch furchtbare Konsequenzen: Der notorische PR-Berater Moritz Hunzinger bot ihm seine Dienste an, um die Presse zu bändigen und „das Schlimmste zu verhindern“, aber das war zum Glück nicht nötig.

S. leugnet die Weitergabe von Informationen oder gar Namen an die „Bild“. Es könne allerdings sein, dass der Redaktionsvize ihn angerufen und gefragt und er ihm auch geantwortet habe, schließlich sei er Pressesprecher gewesen, und der Fall habe ja nicht der Geheimhaltung unterlegen. Auch wenn sich die Polizei damals aus unerfindlichen Gründen entschlossen hatte, statt des besoffenen „Top-Anwalts“ im offiziellen Polizeibericht für die Presse lieber über den Fall eines brennenden Autos auf der Autobahn zu berichten.

Warum Polizei und Justiz so ein Gedöns um diesen Fall veranstaltet haben, wird klar, als S.s damaliger Chef und auch heutiger oberster Polizeisprecher sich im Zeugenstand über eine Vielzahl von „Durchstechereien“ ärgert, die ab dem Jahr 2016 aus dem Polizeipräsidium in die „Bild“-Redaktion gelangt seien. „Man hatte bei S. schon den Eindruck, dass er ein sehr enges Verhältnis zur ‚Bild‘-Zeitung hatte“, sagt denn auch eine ehemalige Kollegin als Zeugin aus.

Es gibt Indizien, die gegen S. sprechen. Sein kurz nach dem Artikel eigenhändig gelöschtes Anrufprotokoll auf dem Diensttelefon, seine semiprivaten Chats mit dem Redaktionsvize, Anfragen in Dateien – auch bezüglich des „Top-Anwaltes“ –, die sich alleine aus S.s regulärer Arbeit nicht so recht erschließen wollen. Aber es „bleiben Zweifel“, so die Amtsrichterin, und es gebe „einige Merkwürdigkeiten“, doch für eine Verurteilung reichten die bei weitem nicht aus. S. wird folgerichtig vom Amtsgericht freigesprochen. Das interne Disziplinarverfahren gegen ihn läuft weiter. Wahr ist aber auch: Seit Oktober 2018 ist der Informationsvorsprung der „Bild“ bei Polizeiinterna merklich geschrumpft.

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