Der Frankfurter Komponist Tobias Hagedorn in der Kulturkirche Allerheiligen.  
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Der Frankfurter Komponist Tobias Hagedorn in der Kulturkirche Allerheiligen.  

Porträt

„Komponieren ist auch viel Handwerk“

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Der Frankfurter Komponist Tobias Hagedorn macht in der Naxoshalle Neue Musik zu Fronleichnam.

Musik begleitet die allermeisten Menschen von der Wiege bis zur Bahre. Man kann dazu feiern und träumen, mitsingen und zuhören, Wohl kaum ein Gottesdienst kommt ohne Musik aus – nur was für eine? Sanftes Orgelgeplätscher? Dezente Gitarrenklänge? Oder traditionsreiche Kirchenlieder? In der Kunst-Kultur-Kirche Allerheiligen neben dem Frankfurter Zoo hört man vielleicht von nebenan mal einen Löwen brüllen, aber auch sonst sind die Töne, die hier erklingen, eher ungewohnt für ein katholisches Gotteshaus. Zeitgenössische, sogenannte Neue Musik steht hier auch bei den Gottesdiensten im Fokus – Bach, Beethoven und Buxtehude hingegen machen sich hier rar.

Verantwortlich dafür ist Tobias Hagedorn, der einen ungewöhnlichen Beruf hat: Er ist Komponist und seine Leidenschaft gehört der Neuen Musik. „Neue Musik stößt an, stört vielleicht auch. Es geht darum, die Normalität infrage zu stellen. Für mich ist das inhaltlich sehr passend zu Gottesdiensten, aber man muss auch als Besucher Gefallen daran finden, sich stören zu lassen“, sagt er. „Man darf nicht vergessen, dass auch Bach in seiner Zeit die Leute aufgerüttelt hat. Solche Musik gab es zuvor auch noch nicht, er hat viele Regeln missachtet. Das hat die Zeitgenossen sicher mehr aufgeregt als heute.“

Die katholische Kunst-Kultur-Kirche Allerheiligen in der Thüringer Straße in Frankfurt besteht seit 2008. Die Idee war damals, die einst enge Partnerschaft zwischen Kunst und Kirche wieder aufzunehmen, die im 19. Jahrhundert unterbrochen wurde. Zeitgenössische Kunst soll hier dem Glauben begegnen, ob in Neuer Musik oder bildender Kunst. Die Gemeinde arbeitet unter anderem mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) in Frankfurt zusammen. 


Die Corona-bedingte Konzertpause der „Shortcuts“ geht zu Ende. Die Reihe bietet dann wieder regelmäßig an jedem ersten Dienstag im Monat um 19 Uhr Neue Musik und musikalische Experimente in der Allerheiligenkirche, Thüringer Straße 35. Gestaltet werden die rund 30-minütigen Aufführungen in Kooperation mit der HfMDK. Am Dienstag, 7. Juli, ist „x-code for music - Musik für QR-Code-lesefähige Geräte“ zu erleben, vorgeführt von Dayoung Park mit Studierenden. aph

An der Allerheiligen-Kirche hat der 32-Jährige eine Teilzeitstelle, arbeitet außerdem noch frei, spielt sonntags Orgel in der Kirche in Oberrad, hat schon mit einer Kollegin ein Singspiel geschrieben, das im vergangenen Jahr in Offenbach uraufgeführt wurde, oder Musik zu Textilien im Frankfurter Museum der Weltkulturen komponiert. Er war für das Schauspiel Frankfurt tätig und hat aktuell ein Stipendium der Frankfurter Mozart-Stiftung. „Ich kenne allerdings niemanden persönlich, der allein vom Komponieren leben kann“, sagt er. Man könne sicher mit anderen Tätigkeiten mehr verdienen, meint er nachdenklich. „Aber ich frage mich schon, was ich in meiner Lebenszeit machen will.“

Musik bestimmt das Dasein des Komponisten, der in der Nähe von Krefeld aufwuchs und seit 2014 in Frankfurt lebt. „Das hat mich schon als Kind beeindruckt“, sagt er. „Musik ist nicht nur schmückendes Beiwerk, man muss sie immer wieder hinterfragen. Auch an Kirche hat mich schon ganz früh fasziniert, dass es hier ums große Ganze geht, um existenzielle Fragen, um Tod, Herz, Seele, das Wichtige im Leben.“

Wie wird man Komponist? Ist das Berufung? „Tatsächlich ist Komponieren auch viel Handwerk“, sagt Hagedorn lächelnd. „Mir kommt zugute, dass Mathematik und Physik neben Musik immer meine Lieblingsfächer in der Schule waren. Kürzlich habe ich mal ein Interview mit Helge Schneider gesehen, der gefragt wurde, wie man Jazzmusiker wird. Er meinte: Man muss es wollen. Ich glaube, da hat er recht. Oft fehlt einfach der Wille, etwas zu werden, das ist bei Komponisten genauso.“ Aber natürlich spielt auch der Zufall eine Rolle. Im Hagedornschen Elternhaus stand ein Klavier, „das war schon ein Glück“. Musik erschaffen, das ist in der Regel eine einsame Sache. Schade sei das, meint Hagedorn. „Ich würde unglaublich gerne öfter im Team komponieren. Das fände ich sehr schön.“

Grade arbeitet Hagedorn an dem musikalischen Konzept für den Fronleichnamsgottesdienst der Gemeinde. Der findet an einem ungewöhnlichen Ort statt, in der historischen Naxoshalle. „An Fronleichnam verlässt die Kirchengemeinde traditionell ihre Mauern und zieht nach draußen“, sagt er. Freilichtgottesdienste, etwa auf dem Römer, sind allerorten abgesagt. Zum Gottesdienst in der Naxoshalle spielen Hagedorn und das Improvisationsensemble von Allerheiligen.

„Wir schauen, was musikalisch zu der Messe passt. An Fronleichnam geht es um die Kommunion, die Wandlung von Brot und Wein. Verwandlung wird auch das musikalische Thema sein. Das lässt sich sehr gut aufgreifen“, meint er. Zudem tritt eine kleine Männer-Schola mit gregorianischem Gesang auf - ganz alt trifft ganz neu. „In dieser industriellen Umgebung ist das sicher ein schöner Kontrast. Dort stört die Gregorianik vielleicht sogar mehr, als es Neue Musik könnte.“

An Fronleichnam, 10. Juni, feiert Pfarrer Stefan Scholz mit dem Theater Willy Praml und dem Improvisationsensemble der Kunst-Kultur-Kirche unter Leitung von Tobias Hagedorn in der Frankfurter Naxoshalle, Waldschmidtstraße 19, um 10 Uhr eine Heilige Messe mit Neuer Musik. Zu dem Gottesdienst sollte man sich wegen der aktuellen Corona-Vorschriften vorab anmelden unter www.dom-frankfurt.de. Die Naxoshalle bietet Platz für 80 Besucher.

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