Betrüger

Kommissar Keiler und seine Abholer in Frankfurt

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Falsche Polizisten, falsche Enkel – die Tricks der Betrüger gegen alte Menschen wechseln, die Strippenzieher bleiben.

Der Vorsitzende Richter rügte noch die „schäbige Verhaltensweise“ der drei Angeklagten, dann schickte er die falschen Polizisten ins echte Gefängnis. Die drei Männer im Alter von 30, 27 und 25 Jahren wurden Ende vergangenen Jahres vom Landgericht zu Freiheitsstrafen von vier Jahren und vier Monaten, drei Jahren und zehn Monaten sowie zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt. Angeklagt waren drei Fälle, bei denen alte Menschen im Rhein-Main-Gebiet um insgesamt 675 000 Euro betrogen worden waren. Zwei der Opfer waren bereits gestorben, als der Prozess begann, lediglich eine 72-Jährige konnte noch als Zeugin vernommen werden. Die Frau hatte den Betrügern Gold und Juwelen im Wert von knapp 460 000 Euro in die Hand gedrückt.

Neue Masche der Täter

Die Masche, dass falsche Polizisten bei alten Menschen anrufen und ihnen weismachen, deren Haus sei in das Visier einer Diebesbande geraten, und sie würden zur Sicherheit einen Kollegen vorbeischicken, der alle Wertsachen an sich nimmt, ist nicht ganz neu, aber sie wird zunehmend populärer und hat längst den Enkeltrick als beliebteste Seniorenabzocke abgelöst. Der Trick mag gewechselt haben, aber das Verbrechen bleibt das gleiche und die Profiteure dieselben.

Denn während die Täter bei der anderen momentan grassierenden Betrugsmasche, dem „Love Scamming“, bei dem alten alleinstehenden Frauen per Internet die große Liebe vorgegaukelt wird, fast ausnahmslos aus Afrika kommen (vor allem aus Nigeria, Ghana und der Elfenbeinküste), ist die Enkel- und Polizistenmasche fest in türkischer Hand. Alle Anrufe, die der Straftat vorausgehen, kommen aus türkischen Call-Centern, und es liegt die Vermutung nahe, dass nur die Maschen, nicht aber die Maschinisten gewechselt haben.

Diejenigen, die vor Gericht landen, sind nie die Drahtzieher. Auf der Anklagebank sitzen lediglich Vertreter der untersten Stufe der Trickbetrüger-Hierarchie: die „Abholer“. Abholer sind nicht in die Vorbereitung des Betrugs involviert, sie erhalten ihre Instruktionen – meist telefonisch – vom „Logistiker“. Der Logistiker wiederum fungiert als Bindeglied zwischen Abholer und „Keiler“, dem eigentlichen Kopf. In der Regel handelt es sich beim Keiler um einen Türken, der mindestens so lange in Deutschland gelebt hat, dass er sich ein Deutsch ohne Akzent erarbeitet hat – die angeblichen Polizisten tragen ausnahmslos urdeutsche Nachnamen, besonderer Beliebtheit erfreut sich „Sommer“. Aber sie beherrschen nicht nur die Sprache, sondern besitzen ein noch viel wichtigeres Talent: Sie können Vertrauen aufbauen und so tun, als würden sie zuhören und die Nöte und Sorgen der alten Menschen ernstnehmen.

Die Keiler sind es auch, die die Coups vorbereiten, und sie verstehen ihr Handwerk. Im November 2018 saßen zwei Abholer vor dem Landgericht. Sie waren von ihrem Opfer, einer 82 Jahre alten Witwe aus Bad Homburg, am Ende selbst aufs Kreuz gelegt worden. Zuerst aber war die Witwe genasführt worden. Ein „Kommissar Thielmann“ hatte sie angerufen und in breitestem Fränkisch erklärt, ihr Haus befinde sich auf der Liste einer rumänischen Einbrecherbande, Vorbeugung tue not. Sogar die Nummer stimmte mit der des Bad Homburger Polizeireviers überein, in dem ihr Enkel, ein echter Polizist, arbeitete.

Eine besondere Finesse – meist täuschen die Gangster mit der Notrufnummer 110 einen Polizeianruf vor – unter dieser Nummer aber ruft die Polizei nie bei Bürgern an. Wenn sie das überhaupt tut, ist in der Regel die Rufnummer unterdrückt. „Kommissar Thielmann“ kannte nicht nur den Namen des Enkels der Witwe. Er kannte auch den Namen ihres Bankberaters – der angeblich mit den rumänischen Dieben unter einer Decke stecke. 40 000 Euro verlor die Witwe, aber als die Betrüger Nachschlag wollten, roch die alte Dame Lunte und informierte die echte Polizei.

Das Amtsgericht verurteilte die beiden Abholer zu einem Jahr beziehungsweise zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung, sie mussten zudem je 150 Stunden gemeinnützige Arbeit in der Altenhilfe leisten. Die Namen ihrer Hintermänner, die den beiden für die erste Abholung einen Lohn von je 300 Euro gezahlt hatten, wollten beide nicht nennen. „Ich habe eine Großfamilie“, sagte einer der Abholer, und „Kommissar Thielmann“ sei zuzutrauen, diese ohne große Skrupel zur Kleinfamilie zu machen.

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