1. Startseite
  2. Frankfurt

Lebensgefährlich

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Der Fechenheimer Wald war, anders als Fichtenwälder, noch relativ gesund, bevor gerodet wurde.
Der Fechenheimer Wald war, anders als Fichtenwälder, noch relativ gesund, bevor gerodet wurde. © Renate Hoyer

Eine neue Straße bedingt in Frankfurt die nächste neue Straße. Es ist Klimakrise. So kann es nicht weitergehen. Der Leitartikel.

Manche Menschen sind am Mittwoch um 5 Uhr seltsamerweise hellwach gewesen. Und wie ferngesteuert aufgestanden, obwohl sie eigentlich noch längst nicht raus mussten aus dem Bett. Wunderten sich über sich selbst. Und erfuhren eine halbe Stunde später in den Radionachrichten, dass es losgegangen war mit der Räumung im Fechenheimer Wald: um 5 Uhr.

In den Bergen schießen sie Schnee auf grasgrüne Skipisten, damit es im Urlaub so weitergehen kann, wie wir es gern mögen. In Lützerath machen sie ein Dorf platt, damit wir Kohle zum Verbrennen haben, falls wir sie noch mal brauchen sollten. Überall bauen sie Autos, die mit Strom fahren, damit der Verkehr weiter rollt. Und in Frankfurt reißen sie Bäume aus dem letzten gesunden Wald, damit wir mehr Straßen haben, auf denen wir Auto fahren können, so wie immer. Als wäre nichts.

Aber es ist was. Es ist Klimakrise. Es kann so nicht weitergehen. Das wissen wir. Und machen trotzdem weiter.

„Am Riederwald tobt der Verkehr. Der Stadtteil liegt zwischen dem Autobahnstumpf am Hessencenter und der Ostumgehung der A661. Am Erlenbruch leiden die Anwohner Tag für Tag am Durchgangsverkehr von 26 000 Fahrzeugen. Den Bürgern muss geholfen werden! Doch gelingt das mit dem Bau des Riederwaldtunnels? Wohl kaum, denn alle Prognosen sagen voraus, dass auch nach dem Bau der Röhre noch immer 20 000 Autos Krach und Gestank erzeugen werden.“

Protest einst wie heute

Ihnen kommt der FR-Kommentar zum Erlenbruch bekannt vor? Gutes Gedächtnis. Er stammt aus dem Jahr 2001. Damals war schon klar, was Straßenbau bewirkt. Wir können noch weiter zurückschauen. Als die Generation FR-Redakteurinnen und -Redakteure, die heute stark auf die 60 zugeht, mit dem Schreiben für die Zeitung anfing, kämpften Menschen gegen besagte Ostumgehung. Sangen Lieder, bauten Barrikaden, legten sich quer für Wald und Kleingärten. Wie heute. Und wie heute vergebens. Die Ostumgehung, von den Befürworter:innen damals als Erleichterung gefeiert, ist jeden Tag stauvoll – und lieferte die Grundlage dafür, dass überhaupt ein Riederwaldtunnel in Betracht gezogen wurde. Eine neue Straße bedingt die nächste neue Straße bedingt die nächste neue Straße.

Im Januar 2023 hängen blutjunge Menschen in den Bäumen, zwanzig, dreißig Meter über der Erde, und versuchen, den Fechenheimer Wald mit ihren Körpern, mit ihrer Gesundheit zu schützen. Die Polizei sagt, das sei lebensgefährlich, was sie machten. Die Besetzer:innen rufen zurück: „Es ist lebensgefährlich, was ihr macht!“. Mit dem Einsatz von Luftdruckpistolen wird gedroht. Während alles den Atem anhält, kommt aus den wenigen verbliebenen Baumhäusern leiser Gesang: „Ihr seid nicht allein – ihr seid nicht allein.“ Schwer, davon unberührt zu bleiben.

Es ist falsch. Wir wissen es. Wir stoppen es nicht

Wir machen Starkregen-Gefahrenkarten für unsere Städte, weil Hochwasser in der Klimakrise zunehmen. Solche Karten nützen Menschen in Pakistan und Bangladesch nichts. Sie hätten mehr davon, wenn wir konsequent etwas dafür täten, dass es weniger Überschwemmungen gibt. Dazu trägt der Autobahnbau erwiesenermaßen nicht bei. Die Rodung gesunder Wälder auch nicht. Beides ist falsch. Wir wissen es. Wir stoppen es nicht. Weil es nun mal vor Urzeiten so beschlossen wurde, als noch niemand wahrhaben wollte, wie desaströs es um unser Klima steht.

Diese Situation ist eigentlich nicht auszuhalten. Die Rufe aus den Baumhäusern nicht, das brüllend laute Roden der Bäume nicht, das fast ebenso laute Schweigen der Mehrheit nicht, die sich vom Ort des Geschehens fernhält. Die Polizei macht nur ihren Job. Die Politik nicht. Kommende Konflikte um wirtschaftliches Wachstum oder klimafreundliche Zurückhaltung sind schon abzusehen. Wer nicht regiert, hat da gut reden.

Die Geschichte von der Klimakrise ist im Prinzip auserzählt und muss nicht immer wieder ausgebreitet werden. Sie mahnt: Jeder Baum, der im „Fecher“ fällt, muss der letzte sein. Jeder, der danach noch fällt, ist ein Dominostein Richtung Katastrophe.

Auch interessant

Kommentare