HauckUndBauerFR-1_011020
+
Zeichner Elias Hauck (l.) und Texter Dominik Bauer haben sich in der Schule gefunden – und bis heute nicht verloren.

Komische Kunst

Lasst Blümchen sprechen

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
    schließen

Im Caricatura-Museum eröffnet die Hauck & Bauer-Ausstellung. Sie ist großartig geraten.

In zwei knappen Skizzen schaffen es Hauck & Bauer, das ganze Elend von Kunst, komischer Kunst und ihrer Rezeption beim Endverbraucher auf den Punkt zu bringen. Im ersten Bild unter dem Titel „Kunst“ betrachtet ein Mann ein Bild und denkt sich: „Das kann ich auch!“ Im zweiten Bild unter dem Titel „Komische Kunst“ betrachtet derselbe Mann ein anderes Bild und denkt sich „Haha! Das kann ich auch!“ Diese banalen Gedanken sind wohl keinem Rezipienten ganz fremd, aber nach Besuch der Hauck & Bauer-Ausstellung, die am Freitag im Caricatura-Museum öffnet, muss man wie weiland Ernst Jandl bei der Behauptung, dass man lechts und rinks eigentlich nicht velwechsern könne, kleinlaut eingestehen: „Werch ein Illtum!“ Das kann nicht jeder. Das kann kaum einer. Aber die zwei, die können es.

Hauck & Bauer sind derzeit wohl die amtierenden Deutschen Meister im karikaturistischen Doppel. Mit ihren einzigen ernstzunehmenden Konkurrenten Greser & Lenz haben sie einige Gemeinsamkeiten. Alle vier sind für Karikaturisten fast schon unverschämt erfolgreich, haben ihre Seelen bereits vor langer Zeit dem Teufel verkauft und dürfen daher gegen satten Judaslohn für den Klassenfeind (FAZ/FAS) zeichnen. Und alle vier sind Meister darin, dem Volk aufs Maul zu schauen und aus strohdummem Geschwätz feinstes Geistesgold zu spinnen.

Vielleicht haben wir ja Glück

Die Ausstellung in der Caricatura ist voll mit solchen Beispielen. Etwa wenn der Redner bei der „Jahresversammlung des Taxifahrerverbandes Deutschland e. V.“ seinen interessierten Zuhörern vorschlägt: „Wir müssen die Menschen da abholen, wo sie sind.“ Oder der Teilnehmer eines Meetings seinen Leidensgenossen mit Blick auf seinen Vorredner androht: „Ich möchte noch mal dasselbe wie er sagen, aber etwas umständlicher.“ Oder eine Frau in der Kneipe einen Mann fragt, was er denn beruflich so mache, und dieser antwortet: „Irgendwas mit Medien.“

Es ist aber nicht bloß das Businessgebabbel, das Hauck & Bauer freudvoll sezieren. Auch der Intellektuellen-Bullshit ist Ziel ihres Spots. „Das Buch musst du in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen! Im Original geht da viel verloren“, rät eine Frau in der Buchhandlung ihrer Begleiterin. Und ein Paar in der Oper verrät während der Pause einem Mithörer, dass es eigentlich „erst über den Antisemitismus zu Wagner gefunden“ habe. Das ist alte Neue Frankfurter Schule, wie man sie sonst nur noch bei Greser & Lenz findet.

Anders als Achim Greser und Heribert Lenz, die es sich bei Aschaffenburg auch räumlich in einem symbiotischen Exzellenzcluster gemütlich gemacht haben, sind Elias Hauck und Dominik Bauer schon seit Jahren nach eigenen Angaben „Vorreiter im social distancing“. Beide, Jahrgang 1978, sind traumatisiert durch eine Kindheit im unterfränkischen Alzenau, wo sie sich im Altgriechischkurs ihrer Schule kennengelernt haben. Beide versuchen, sich durch den Aufenthalt in Weltmetropolen zu therapieren: Bauer in Frankfurt, Hauck in Berlin. Die Arbeitsteilung bei beiden ist klar. Bauer denkt sich den Witz aus. Aber was der Bauer erdenkt, zeichnet er nicht. Das besorgt Hauck in Berlin. Und zwar mit ebenso eigenwilligem wie minimalistischem Pinselstrich. Aber mit dem alten Aberglauben, gute Karikaturisten müssten halbwegs naturalistisch zeichnen können, hat ja schon vor Jahren das Künstlerkollektiv Rattelschneck (Gottes Segen auf ihm!) gründlich aufgeräumt. Auf die Frage eines Journalisten bei der Pressekonferenz, warum seine Figuren immer so lange Nasen und so dicke Zeigefinger hätten, antwortet Hauck ohne großes Drumrumgequatsche: „Das sind wohl Phallussymbole.“

Die Schau

Die Ausstellung „Hauck & Bauer: Cartoons“ zeigt 211 Cartoons und Strips, darunter ein Covergemälde von Michael Sowa. Zu sehen sind auch drei Skulpturen nach Hauck & Bauer-Motiven. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, montags geschlossen. Die Ausstellung ist noch bis zum 7. März 2021 im Museum am Weckmarkt 17 zu sehen. Hauck & Bauer veröffentlichen seit 2003 in der „FAS“ den Comicstrip „Am Rande der Gesellschaft“, seit 2008 in der „Titanic“ die Rubrik „Hier lacht der Betrachter“. Für Anke Engelkes WDR-Show „Anke hat Zeit“ liefern sie Cartoonfilme. Greser & Lenz sollen an dieser Stelle auch nicht vergessen werden: Ihnen widmet die Caricatura anlässlich ihres 25. „FAZ“-Jubiläums vom 18. März bis zum 18. Juli 2021 eine umfassende Werkschau.

Die Kunst von Hauck & Bauer ist mitunter provokant, aber selten bösartig. Und sie schafft es mitunter sogar, Hass zu überwinden und Brücken zu bauen. Vielen dürfte der Elefant Benjamin Blümchen mit seinem nervtötenden „Törööö“ als Nemesis der Jugendjahre noch in schlimmer Erinnerung sein. Doch die beiden schaffen es sogar, den schwachsinnigen Rüsseltrompeter in einem menschlichen Licht erscheinen zu lassen. Unter dem Titel „Benjamin Blümchen lernt Französisch“ sieht man einen etwas unglücklich aussehenden Elefanten, der ein lautes „Terrain!“ in die Gegend blökt. Und plötzlich fühlt man sich dem verhassten Blümchen so nahe wie nie zuvor.

Eine Pizza für den Nachbarn

Auf einem der ausgestellten Bilder sieht man einen Sofahocker, der wohl sein politisches Bewusstsein beruhigen will und seinem Computer diktiert: „Alexa, demonstriere gegen Nazis!“ Nun könnte man natürlich in Zeiten von Corona auch sagen: „Alexa, besuche die Hauck & Bauer-Ausstellung!“, aber da würde man was verpassen. Zudem geht das Museum auf Nummer sicher: Am Eingang steht ein Desinfektionsfläschchen, eine Linie am Boden mit aufgezeichneten Sicherheitsabständen markiert den Besuchern den risikoärmsten Weg durch die Ausstellung. Wobei die Besucher auf einem Infoposter in Erinnerung an das Wappentier der Neuen Frankfurter Schule, dem Elch, geschlechtergerecht als „Elch*innen“ begrüßt werden. Das macht aber im Grunde auch ein „Durchgendern“ des alten Schulmottos nötig: „Die schärfsten Kritiker*innen der Elch*innen waren früher …“ – ja, was denn bloß? Hauck & Bauer, bitte übernehmen Sie! Das kann nicht jede*r.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare