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Das Kollektiv hält nicht viel von Onlinelesungen.

Literatur

Lyrik für alle

Das Kollektiv Salon Fluchtentier will Gedichte besser zur Geltung bringen.

Eine Lesung ist ja keine Eigenpräsentation, das ist mehr“, antwortet Martin Piekar von Salon Fluchtentier die Frage, was er von Onlinelesungen halte. „Zu Beginn des Lockdowns waren die Streams ja noch ganz nett, aber irgendwann ist es ermüdend und überfordernd.“

Dass Lesungen – und vor allen Dingen Lyrik – den öffentlichen Raum und die direkte Interaktion brauchen, wird einmal mehr deutlich, wenn es um den niedrigschwelligen Austausch und die Vermittlung von Gedichten geht. Was das betrifft, war das Frankfurter Lyrikkollektiv Salon Fluchtentier in den vergangenen sieben Jahren mit sechs Veranstaltungen pro Jahr sehr aktiv. Als Mitglied des Formats „Unabhängige Lesereihen“ veranstaltete das Kollektiv Lesungs- und Gesprächsformate wie „Undercover“, „Lyrik an der Theke“ oder „Trinkfest“, das während der Frankfurter Buchmesse stattfand. Trotz der vielen Angebote hat Salon Fluchtentier den Eindruck, in Frankfurt noch weitgehend unbeachtet zu bleiben.

Hoffnung auf mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung machte sich die freie Lyrikgruppe nach dem Festivalkongress zur Gegenwartslyrik „Fokus Lyrik“ im März 2019 in Frankfurt. Aber auch nach der Veranstaltung bleibe es als unabhängige Lesereihe eine Herausforderung, sich einen Platz zwischen den Literaturinstitutionen und -veranstaltungen zu schaffen, sagt Piekar.

In Städten wie Berlin und Leipzig sei die Szene viel größer und auch über Institutionen wie das Deutsche Literaturinstitut sichtbarer. Eine institutionelle Unterstützung wäre auch in Frankfurt hilfreich, meint Yevgeniy Breyger vom Salon Fluchtentier. Den Mitgliedern von Salon Fluchtentier sei es wichtig, nicht unter sich zu bleiben, sondern sich zu einem breiteren Publikum hin zu öffnen, sagt er.

Die Serie

Die Autorin besucht das Fortbildungsprogramm Buch- und Medienpraxis an der Goethe-Universität Frankfurt. Der Beitrag ist im Rahmen eines Kurses entstanden, den FR-Redakteur Florian Leclerc leitet. FR

Die Corona-Pandemie hat dahingehend jedoch vieles verändert. Piekar vermisst die Zuhörerinnen und Zuhörer. „Gedichte brauchen Öffentlichkeit. Wir möchten Literatur an Orte bringen, wo sie sonst nicht zu finden ist.“ Was vorher im Dortmunder Pils Treff, in der Romanfabrik Frankfurt und im Frankfurter Salon stattfand, ist unter den gegebenen Umständen kaum möglich. Zumal Lyrik kein Publikumsspiel sei, meint Piekar. „Viele Leute haben Angst vor Lyrik, weil sie denken, sie verstehen sie nicht“, sagt Steffen Kurz vom Salon Fluchtentier.

Onlinelesungen hat das Kollektiv während der Pandemie nicht veranstaltet. Auch für interne Lyriktreffen sei keine Zeit gewesen. „Als größtenteils freischaffende Autorinnen und Autoren waren wir alle mit dem Überleben beschäftigt“, sagt Piekar. Er hatte Glück, dass einige Literaturveranstalter*innen Texte von ihm gegen ein Honorar online veröffentlichten.

„Die Szene hat wirklich zusammengehalten“. Auch hat die Pandemie, laut Piekar, einen offenen Austausch unter den Künstler*innen begünstigt, bei dem es beispielsweise um Fragen geht, wie man zukünftig auftreten möchte – online, in Autokinos?

Diese Frage ist für Salon Fluchtentier vorerst nicht dringlich. Das Kollektiv hat schon Anfang Februar beschlossen, die Veranstaltung von Lyriklesungen auf unbestimmte Zeit pausieren zu lassen. „Wir lieben, was wir tun, aber es kostet auch irrsinnig Kraft, neben dem Job ehrenamtlich mehrere Veranstaltungen im Jahr zu organisieren“, sagt Piekar.

Jetzt sei dran, sich um das Wohlbefinden zu kümmern und das eigene Schreiben. Als „LeseLenz“-Stipendiat ist Martin Piekar ab September für drei Monate Stadtschreiber in Hausach im Schwarzwald. „Endlich mal wieder auf das konzentrieren, was man als Autor so macht, endlich mal nur schreiben“, was in den vergangenen Jahren für Piekar und die anderen Fluchtentiere kaum möglich war.

Ausschließlich schreiben wird Piekar nicht. „Es wird Schreibwerkstätten mit Schülern und Schülerinnen geben, darauf freue ich mich sehr“ – dann auch im analogen Raum und mit der direkten Interaktion, die Lyrik erst lebendig macht.

Lea Herlitz

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