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Kneipensterben: Rigide Politik der Brauereigruppe

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Von: Oliver Teutsch

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Das Frankfurter Bierhaus muss schließen – die Stammgäste der Eintracht-Kneipe protestieren.
Das Frankfurter Bierhaus muss schließen – die Stammgäste der Eintracht-Kneipe protestieren. © Rainer Rüffer

Radeberger-Gruppe schaut bei der Vermietung sehr genau aufs Geld.

Das Kneipensterben in Frankfurt geht weiter. Zum Jahresende soll nun auch das Pitcher’s Pub im Nordend schließen, das über Jahrzehnte unter dem Namen Toffis eine Institution auf der Unteren Berger Straße war. In der Nachbarschaft habe es häufig Beschwerden wegen zu lauter Musik gegeben, teilte Inhaber Onur Bulut auf Nachfrage mit. Es sind viele Faktoren, die dazu beitragen, dass es immer weniger Eckkneipen in Frankfurt gibt. Zuallererst: Der Durst der Kundschaft sinkt, die Betriebskosten für Strom und Heizung steigen, genauso wie die Mieten. Miethaie sind dabei nicht das alleinige Problem, wie jüngst das Beispiel des Frankfurter Bierhauses in Oberrad zeigte. Die Betreiberin bekam Probleme mit Binding. Die dahinter stehende Radeberger-Gruppe und der Oetker-Konzern schauen mittlerweile sehr genau aufs Geld.

In früheren Zeiten hatte die traditionsreiche Binding-Brauerei viele Immobilien im Besitz und konnte die Ladenflächen im Erdgeschoss zu wohlwollenden Konditionen an Gaststätten vermieten. Nach einem Führungswechsel begann die Brauerei in den 90er Jahren, sich von knapp 30 Immobilien zu trennen, um Kasse zu machen. In einigen Fällen tritt sie aber noch heute als Vermieterin auf, die an die Gaststätten untervermietet, so wie in Oberrad. Doch dabei schaut die Brauerei-Gruppe sehr genau auf die Absätze, die an die Mietbedingungen gekoppelt sind. Wird eine vertraglich festgelegte Zahl an Hektolitern nicht erreicht, werden Ausgleichszahlungen fällig. Im Falle des Bierhauses teilte die Brauereigruppe mit, der Getränkebezug sei über einen längeren Zeitraum nicht vertragskonform gelaufen.

„Hilferuf ignoriert“

Zur Anzahl der Gaststätten, die noch Vertragspartnerinnen bei Binding sind, macht das Unternehmen selbst keine Angaben. Laut Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) gibt es noch rund 1100 Gaststätten im Rhein-Main-Gebiet, die Binding oder Henninger beziehen. Dem Verband zufolge ist der angekündigte Wegzug von Binding aus Frankfurt bei diesen Gaststätten ein großes Thema. Doch Robert Mangold, bei der Dehoga für den Bereich Gastronomie zuständig, gibt Entwarnung. Nach seinen Informationen müsse sich keine der Gaststätten Sorgen machen. Die hohe Zahl an Gaststätten habe ihn aber überrascht, räumt Mangold ein.

Es werden aber wohl immer weniger werden, so rigide wie die Politik der Brauereigruppe ausfällt. Davon kann auch Stephan Ullrich ein Lied singen. Der Gastronom und seine Familie hatten in ihrer Speisegaststätte Mutter Ernst 82 Jahre mit Binding zusammengearbeitet, bis zum Aus 2020, weil der Mietvertrag nicht verlängert wurde.

Zunächst habe die Brauerei das Haus in der Alten Rothofstraße verkauft, ohne auf den Pachtvertrag oder eine harmonische Zusammenarbeit zu achten. Als dann ein neuer Investor das Haus erstand und abreißen wollte, bekam Ullrich die Kündigung. „Mein Hilferuf an die Radeberger wurde kalt lächelnd ignoriert“, so der Gastronom.

Mitte Januar 2023 wird Ullrich seine „Mutter Ernst“ in der Rahmhofstraße wieder eröffnen. Dann allerdings mit Bieren von Bitburger und Licher, „da ich keinen Cent mehr an Radeberger verschwenden wollte“.

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