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Die dänische Schauspielerin Asta Nielsen (1881-1972) ist die Namensgeberin für die Kinothek.

Jubiläum

20 Jahre Kinothek Asta Nielsen in Frankfurt: Klug, schön und auch mal erotisch

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Seit 20 Jahren gibt es die Kinothek Asta Nielsen in Frankfurt. Immer im Fokus sind Filme von oder über starke Frauen. Am Dienstag beginnt ihr zweites „Remake“-Festival.

Direkt neben Beate Uhse, in der Nähe der Konstablerwache, befindet sich die Kinothek Asta Nielsen. Bis zum fünften Stock kann man den Aufzug nehmen, dann läuft man noch eine kleine Treppe hoch ins Dachgeschoss im sechsten Stock und öffnet schließlich die rote Stahltür. In diesem Raum gibt es auch manchmal kleinere Filmvorführungen. Im Alltag ist es aber das Büro des Vereins, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert.

Die drei Kuratorinnen Gaby Babic, Karola Gramann und Heide Schlüpmann stehen an einem großen Tisch – vor ihnen viele Einladungen, die sie verschicken. „Dutzende Gäste reisen an. Viele Tickets müssen gebucht werden, im Festivalgebäude in Bockenheim muss für einen Film ein Flügel hingeschafft werden“, erzählt Babic. Denn ab kommenden Dienstag beginnt hier die zweite Ausgabe ihres Filmfestivals namens „Remake. Frankfurter Frauen Film Tage“. Das Thema: „Geschichtsanschauung. HerStory im Kino“ steht im Mittelpunkt. Das Festivalgebäude ist im Kino „Pupille“ im Studierendenhaus Campus Bockenheim, aber auch an anderen Orten der Stadt und auf der Caligari-Filmbühne in Wiesbaden werden Filme gezeigt. Keine Hollywood-Blockbuster, sondern Filme von oder über starke Frauen, viele von ihnen oft fast vergessen.

Die Macherinnen der Kinothek Asta Nielsen und des Frauenfilmfestivals „Remake“: Karola Gramann, Gaby Babic und Heide Schlüpmann (v. l.).

So wie der britische Stummfilm „Hindle Wakes (Jahrmarkt der Liebe)“ aus dem Jahr 1927. Die Protagonistin Fanny Hawthorn arbeitet in einer Baumwollspinnerei im englischen Hindle in Lancashire. Beim Ferienausflug der Firma vergnügt sie sich mit dem Sohn des Fabrikbesitzers. Aus Familiensicht bleibt nur die Hochzeit, um die Ehre zur retten. Doch Fanny will ihre Freiheit nicht wegen einer Affäre aufgeben. Babic sagt: „Es ist eine Emanzipationsgeschichte. Aber sie erzählt auch von der Solidarität unter Arbeiterinnen.“ Gramann berichtet: „Dafür haben wir die international renommierte Komponistin und Pianistin Maud Nelissen beauftragt, eine neue Musik zu dem Film zu schreiben.“ Die Uraufführung wird am Donnerstag um 19.30 Uhr im Schauspiel Frankfurt sein. „Ein Frauenfilmfestival zu machen, war ein langgehegter Wunsch“, erzählt Gramann. Viel Arbeit und Überzeugungsarbeit mussten sie vorab leisten, „da alles auch finanziert werden muss“.

Karola Gramann (72) und Heide Schlüpmann (76) gehören zu den Gründungsmitgliedern der Kinothek Asta Nielsen. Sie und zehn weitere Filmliebhaberinnen, die sich auch beruflich mit dem Film beschäftigten, brachten den Vorschlag in die Stadtpolitik ein, ein Frauenfilmarchiv zu eröffnen. Gründungsjahr war 1999; damals noch im Institut Theater-, Film- und Medienwissenschaften auf dem Campus Westend der Frankfurter Goethe-Uni. Schlüpmann war zu der Zeit Film-Professorin am Institut. Gramann arbeitete dort als Wissenschaftliche Mitarbeiterin. „Schon Ende der 1980er Jahre kam die Diskussion auf, dass die Filmarbeit von Frauen nicht die Öffentlichkeit und Anerkennung erfährt, die wichtig wäre. Gleichzeitig war ein Großteil der feministischen Filmarbeit ab Mitte der 1970er Jahre teilweise vom Verschwinden bedroht. Filmkopien waren schwer oder gar nicht zu bekommen. Wir wollen dem Vergessen dieser Werke mit unserer Arbeit entgegenwirken“, sagt Gramann.

Mit finanziellen Mitteln von 15 000 DM im Jahr haben sie angefangen. Das Frauenreferat der Stadt fördert sie mittlerweile mit 65 000 Euro pro Jahr. „Projekte werden über Drittmittelanträge wie bei der Hessen Film und Medien oder dem Kulturfonds FrankfurtRheinMain finanziert“, berichtet Gramann. „Unsere tägliche Arbeit ist die Drittmittelbeschaffung für Projekte und das Sichten von Filmen. Wir reisen in Archive oder zu Festivals. Beispielsweise zum international wichtigen Stummfilmfestival Pordenone, ein Festival für frühes Kino und Stummfilme“, erzählt Babic.

Der argentinische Film „Yo, la peor de todas“: eine Literaturverfilmung.

Die 43-Jährige, die Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Goethe-Uni studierte, wird im nächsten Jahr die alleinige Leitung von „Asta Nielsen“ übernehmen. „Ein Generationswechsel. Das ist wichtig“, sagt die bisherige Leiterin Gramann.

Beim diesjährigen „Remake“-Festival zeigen sie am Tag des „Queer Cinema“ auch die Anfänge der lesbisch-feministischen Filmarbeit. „Filme, die viele gar nicht mehr kennen. Für mich ist ein persönliches Highlight der argentinische Film „Yo, la peor de todas (Ich, die Unwürdigste von allen)“ von 1990“, sagt Gramann. Er läuft am Freitagnachmittag in der „Pupille“ auf Spanisch mit englischen Untertiteln.

„Die Regisseurin María Luisa Bemberg erzählt in dieser Literaturverfilmung nach Octavio Paz die Geschichte der bedeutenden mexikanischen Dichterin und Gelehrten des 17. Jahrhunderts, der Nonne Sor Juanna Ines de la Cruz, die unter dem besonderen Schutz der Vizekönigin steht. Die Freundschaft der beiden Frauen ist geprägt von Klugheit, Schönheit und einer auch erotischen Anziehung“, erzählt Gramann. Die 35-Millimeter-Filmkopie bekommen sie direkt aus Buenos Aires. Schlüpmann meint: „Nicht nur in der Filmproduktion dominieren Männer, auch die Geschichtsschreibung ist sehr stark männlich geprägt. Die Präsenz von Frauen im Publikum war jedoch immer sehr stark. Insofern ging der Kinoschwund nicht zuletzt zu ihren Lasten. In den heutigen Multiplexen hingegen richten sich die meisten Hollywood-Blockbuster immer noch vorwiegend an ein männliches, junges Publikum.“

Der argentinische Film „Yo, la peor de todas“: eine Literaturverfilmung.

Ihr Festival richte sich hingegen an Frauen und Männer jedes Alters. In den 70ern Jahren begann, wie Schlüpmann erzählt, die erste feministische Kritik an Erzählklischees des herrschenden Kinos und daran, dass die Perspektive der Frau oft nicht vorkomme. Die Filme des Festivals zeigen diese Perspektive. Zum Beispiel die der schwarzen amerikanischen Filmmacherin Julie Dash. Gleich zwei Filme von ihr sind bei „Remake“ zu sehen. „Daughters of the Dust“ ist 1991 erschienen. „Es ist der erste Spielfilm einer afroamerikanischen Frau, den ein großer Verleih herausbrachte“, berichtet Schlüpmann. Der Film spielt im Jahr 1902 auf den Sea Islands in South Carolina und erzählt die Familiengeschichte dreier Generationen. Und zwar vor allem aus der Sicht der Frauen, deren Vorfahren Sklavinnen waren, und er zeigt, wie sehr diese Vergangenheit auch die Nachfolgegenerationen prägt. Popgröße Beyoncé hat sich beim Video zu ihrem Album „Lemonade“ visuell auch von diesem Film inspirieren lassen.

Wieso aber heißen sie eigentlich „Asta Nielsen“? „Asta Nielsen war eine Frau, die bereits 1910 die Möglichkeiten des Films begriffen hatte und mit ihren Filmen aufgriff. Deswegen ist sie unser Leitstern“, antwortet Schlüpmann. „Sie war nicht nur Schauspielerin, sie nahm Einfluss auf den gesamten Film. Sie hat Frauen aus allen sozialen Schichten gespielt und die Rolle der Frauen in der Gesellschaft so reflektiert“, erläutert Gramann weiter. Nielsen spielte das Straßenmädchen in „Die freudlose Gasse“ (1925) mit Greta Garbo, aber auch eine alternde Prostituierte in „Dirnentragödie“ (1927).

Bereits im Jahr 1916 hat sie den Film „Die Börsenkönigin“ selbst produziert. „Da spielt sie eine Fabrikbesitzerin, die sich in einer ganz hohen Position in einer Männerwelt behauptet. Das Thema ist bis heute aktuell“, sagt Schlüpmann. Bei „Remake“ gibt es diesmal aber keinen Asta-Nielsen-Film.

Dafür widmen sie sich der Arbeit der Malerin, Fotografin und Dokumentarfilmmacherin Ella Bergmann-Michel. Babic sagt: „Sie war eine wichtige Filmpionierin. Sie arbeitete in Frankfurt. Bei ihren Filmen ging es um soziale Themen wie Wohnen, Arbeitslosigkeit und Armut. Dinge, die bis heute relevant sind.“

Bei „Wahlkampf 1932“ berichtet sie über die Wahlpropaganda der Nationalsozialisten. Diesen und andere Filme von Bergmann-Michel zeigen sie am Samstag ab 13.30 Uhr in der „Pupille“. Die Reihe wird kuratiert und vorgestellt von der Frankfurter Filmwissenschaftlerin Bettina Schulte Strathaus und ist eine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filminstitut und Filmmuseum. „Wir merkten, dass vielen Leute, mit denen wir redeten, der Name Ella Bergmann-Michel gar kein Begriff mehr war. Das wollen wir ändern“, sagt Babic.

Gramann fügt an: „Sie gehörte zu den Ersten, die nach dem Zweiten Weltkrieg die filmkulturelle Arbeit wiederaufnahmen. Sie machte Filmclubarbeit, hielt Vorträge zu Filmen. Eine Arbeit, wie wir sie heute machen.“

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