Der Vorsitzende des Kultur- und Förderkreises ist längst kein „Eingeplackter“ mehr.
+
Der Vorsitzende des Kultur- und Förderkreises ist längst kein „Eingeplackter“ mehr.

Sossenheim

Kluft zwischen Mietblock und Reihenhaus

  • vonValerie Pfitzner
    schließen

Seit 16 Jahren lebt Franz Kissel in Sossenheim. Der Vorsitzende des Kultur- und Förderkreises fühlt sich wohl in dem Stadtteil. Und doch bemängelt er die soziale Kluft zwischen Mietblocks und Reihenhäusern.

Am Anfang war ich ein Eingeplackter“, erzählt Franz Kissel lachend. Inzwischen lebt der 54-Jährige seit 16 Jahren in Sossenheim und ist nicht mehr aus dem Stadtteil wegzudenken. Besonders wohl fühlt er sich auf dem Kirchberg, denn hier finden regelmäßig die Events statt, die er als Erster Vorsitzender des Kultur- und Förderkreises Sossenheim organisiert und, für die sein Herz schlägt. „Beim Sossenheimer Musiksommer steht der ganze Platz voll mit Tischen und Bänken, da muss man schon früh da sein, um einen Platz zu finden“, erzählt er.

Es war die Liebe, die ihn nach Sossenheim brachte, 1999 zog er zu seiner Frau in „ihren“ Stadtteil. Gebürtig kommt er aus Gernsheim, manchmal noch ein wenig am Dialekt erhörbar. Seine Heimat jedoch hat er hier gefunden, im Frankfurter Westen – in einem Stadtteil, der für Franz Kissel „alles zu bieten hat, was es zum Leben braucht.“

Sossenheim habe jedoch zwei Seiten, erklärt der 54-Jährige und häufig habe die eine kaum etwas mit der anderen zu tun. „Wir leben in Parallelwelten“, beschreibt Kissel, „auf der einen Seite der alte Ortskern mit vielen liebenswerten Ecken und beinahe dörflichem Charme und auf der anderen Seite die Siedlungen mit ihren riesigen Mietblocks.“ Dort lebten viele Einwohner mit Migrationshintergrund, die in ihren Siedlungen unter sich blieben. Nur selten erschiene einer von ihnen zu den Festen im alten Ortskern. „Das ist schade und wir arbeiten daran, alle Kulturen Sossenheims in unsere Gemeinschaft zu integrieren.“ Er erzählt von dem Rapper „Vito Vendetta“ und zeigt auf den Hof, in dem dessen erste Videos entstanden. „Er hat die Themen, die hier eine Rolle spielen benannt und es geschafft, sich damit Gehör zu verschaffen“, sagt Kissel. Als er am Eingang zum sogenannten „Tatzelwurm“, wie die Sossenheimer die Robert-Dissmann-Siedlung nennen, steht, ist Kissel sichtlich berührt. „Hier gibt es eine Menge Kriminalität, die nur schwierig in den Griff zu kriegen ist. Obwohl Streetworker und Sozialarbeiter sich unheimlich engagieren.“

Franz Kissel hingegen lebt mit seiner Familie in der Westerbachstraße, jener Parallelwelt, die mit dem Alltag in den Siedlungen nichts zu tun hat. Es ist eine jener idyllischen Ecken Sossenheims, in der von Straßen- oder Flugverkehr nichts zu hören ist und in der sich ein altes Häuschen an das nächste reiht.

Nur ein paar hundert Meter weiter den Hügel hinab und über den Kerbeplatz, beginnt für Franz Kissel das wahre Juwel seiner Wahlheimat: die Nähe zur Natur. Über die Wiesenfeldstraße geht es einen dicht bewachsenen Weg den Sulzbach entlang: „Das ist meine Joggingstrecke und dort unten haben wir einen kleinen Garten.“ Häufig bringe er auf dem Rückweg vom Laufen Brötchen mit – immer nur vom Café Kitzel. „Sie sind kleiner und fester als andere Brötchen. Das kommt einfach daher, dass es keine Aufbackbrötchen sind“, schwärmt der 54-Jährige. Er zeigt auf das alte Kaffeegeschirr, das im Schaufenster steht und erklärt, warum sich die Sossenheimer hier so wohl fühlen: „Es ist nicht etepetete, sondern urgemütlich.“

Neben dem beinahe ländlichen Charme birgt der alte Ortskern auch Geheimnisse und einen Ort zum Schaudern. An einer Ecke in der Michaelstraße findet sich ein kreisrundes Symbol auf dem Boden, das man als Fußgänger schnell übersieht. „Das ist ein Symbol für einen alten Sossenheimer Brunnen, der hier einst stand“, erklärt Kissel. Direkt dahinter beginnt der Alte Friedhof. Unter einem massivem Kastanienbaum stehen vereinzelte Grabsteine und verwitterte Kreuze – ein Ort, an dem es einem in der Dunkelheit mulmig werden kann. Der Friedhof ist jedoch nur zum Teil erhalten, eine Hälfte ist bereits bebaut: „Während der Bauarbeiten ist man dabei auf einige Gebeine gestoßen, eine Bekannte von mir geht deshalb nie in den Keller des Hauses.“

Zwei Ecken weiter hat Kissel noch eine Überraschung parat, einen echten Geheimgang: Das Mühlgässchen. Immer wieder erklärt er Historisches vom Sossenheimer Faulbrunnen und der Nothelferkapelle – der einstmals „Eingeplackte“ kennt sich inzwischen gut aus. Kissel lebt gerne in Sossenheim: „Der Ortsteil hat Historie und viele schöne Ecken.“ Natürlich stehe man vor einigen Herausforderungen. Kissel jedoch ist zuversichtlich, dass Sossenheim auf einem guten Weg ist. Er jedenfalls will nicht mehr fort: „Ich find’s ganz liebenswert hier.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare