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Protest vorm Heizkraftwerk West im März 2019: „Fridays for Future Frankfurt“ fordern, das Kraftwerk sofort von Kohle auf Gas umzustellen.

Klima

Frankfurt: Mainova auf dem Weg zum „grünen Gas“

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Die Energieversorgerin sieht auch ohne Kohle keine Engpässe kommen. Umweltgruppen fordern mehr Tempo beim klimagerechten Umbau.

Erleben wir in diesen Herbstferien, was das Ringen ums Klima angeht, die Ruhe nach dem Sturm oder jene davor? In Frankfurt sind beide Varianten plausibel. Fest steht: Mit dem Ausstieg aus der Kohleverbrennung bis 2025 hat die schwarz-rot-grüne Koalition ein Signal an die Protestbewegung gesandt. Es lautet: Wir reagieren.

Kann die Energieversorgerin Mainova da mitziehen? Die 75,1- prozentige Tochter der Stadt soll binnen sechs Jahren das Heizkraftwerk West an der Gutleutstraße auf kohlefrei umstellen. Bisher hatte sie 2030 als frühesten Zeitpunkt angegeben. Geht es fünf Jahre schneller? „Das neue Kraftwerk in diesem Zeitraum zu realisieren, stellt unter Berücksichtigung von entsprechenden Planungs-, Genehmigungs- und Bauphasen ein sehr ambitioniertes Ziel dar“, betont Mainova-Sprecher Volker Wasgindt. „Grundsätzlich ist eine vollständige Substitution der Kohle im HKW West eine hochkomplexe Baumaßnahme, die im laufenden Betrieb erfolgen muss, um die Versorgungssicherheit auch in dieser Zeit sicherzustellen.“

Langfristige Verträge mit Kohlelieferanten gibt es laut Mainova jedenfalls nicht, eine Umstellung werde auch keine negativen Auswirkungen auf die Versorgung haben, unabhängig von der Brennstoffart. „Wir beschäftigen uns technologieoffen mit verschiedenen Energieträgern“, berichtet Wasgindt. Die Wahl des Ersatzbrennstoffs und der Zeitplan hingen aber auch von politischen Rahmenbedingungen ab, etwa vom Kohleausstiegsgesetz und von der Novelle des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes: „Zurzeit erscheint uns eine gasbasierte Wärmeversorgung Frankfurts als die wirtschaftlich und technisch wahrscheinlichste Option.“ Weitere Optionen würden geprüft. „Unser Ziel ist dabei auch, das neue Kraftwerk auf den Einsatz von grünem, CO2-befreitem Gas vorzubereiten.“ Als „grün“ wird Gas bezeichnet, das klimaneutral etwa aus Biomasse gewonnen und nicht aus den Vorräten der Erde abgepumpt wird.

Die Frage, ob der Ausstieg aus der Kohle zum Problem für die Fernwärmeversorgung werden könnte, beantwortet der Sprecher mit einem klaren: „Nein. Versorgungssicherheit und Versorgungszuverlässigkeit sind in allen unseren Konzepten übergeordnete Prämissen.“ Inwieweit sich der Umbau des Heizkraftwerks West auf Arbeitsplätze auswirke, werde sich erst nach der Wahl der künftigen Technologie weisen. Wasgindt sagt aber schon jetzt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Fernwärme auch dann, CO2-frei, einen wesentlichen Beitrag zur Wärmeversorgung darstellt, halten wir für sehr hoch.“

Für die Frankfurter Gruppe der Umweltorganisation Greenpeace sind die Beschlüsse der Koalition im Prinzip richtig, wenn auch nicht konsequent genug. „Die Richtung stimmt“, sagt Greenpeace-Klimaexperte Johannes Reinhartz, „nur das Tempo ist ein bisschen zu langsam.“ Der Ausstieg aus der Kohle sei überfällig, erklärt er: „Den kann man auch bis 2022 hinkriegen – die Voraussetzungen für den Gasbetrieb sind ja gegeben.“

Generell vermisst Greenpeace den Mut, etwa auf Wasserstoff als Energieträger umzusteigen, der aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen sei. „Die Mainova ist da ja auf dem Weg. Den sollte sie weitergehen und den Zeitplan straffen.“ Besonders großen Handlungsbedarf sieht Reinhartz jedoch im Verkehrsbereich. „Da ist viel Luft nach oben. Die Stadt müsste viel schneller und mutiger das Auto zurückdrängen und mehr Platz für Radfahrer schaffen.“ Von einer Citymaut verspricht sich der Greenpeace-Sprecher Einnahmen für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Mit einem stadtweiten Ein-Euro-Ticket pro Tag ließen sich, da ist er sicher, auch Pendler am Stadtrand zur Abkehr vom Auto bewegen – was dem Klima zugute käme.

Für die Frankfurter Klimattac-Gruppe hatte zuvor schon Jürgen Freiberg auf die Dringlichkeit eines Kohleausstiegs hingewiesen. Vergessen werde in der Diskussion um das „schmutzige Mainova-Kraftwerk“, schrieb er in der FR-Klimaausgabe vom 20. September, „dass eine Gasturbine bereits seit den 90er Jahren existiert und ein Umstieg innerhalb sehr kurzer Frist möglich wäre“. Allerdings sei auch ein Umstieg auf fossiles Erdgas im Jahr 2025 „klimapolitisch wenig effektiv“.

Die Forschung zeige: Über die ganze Wertschöpfungskette seien die Vorteile von Gas gegenüber Steinkohle „viel geringer als oft behauptet“, sagt Freiberg. Fossiles Gas dürfe nach 2025 keine Option mehr sein. Letztlich könne auch ein Bürgerbegehren die Stadt und ihre Tochter Mainova zum Umstieg auf klimafreundliche Energieträger zwingen.

Für die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) steht fest: Die Entscheidung gegen die Kohle sei ein wichtiger Schritt hin zu den klimapolitischen Zielen der Stadt und vor allem „ein Signal an die Klimaschutzbewegung“. Sie betont auch: „Ich bin mir aber sicher, dass dies der Anfang sein wird auf dem Weg zu einer klimagerechten und klimaneutralen Stadt der Zukunft.“ Die Klimaschutzbewegung würde ein kleines Wörtchen einfügen: „nur“ der Anfang.

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